Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 2.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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*0 - — auSkommen kann, weil unsere Zeit, in der die Raturwissen» schaft die höchst« Triumph« feiert, weder Geheinuttffe noch Mysterien mehr duldet. Das Christ«ch»m hat gegen die gesunde Vernunft und die Philoseffhie sich gleich beim Anbeginn in offen« Widerspruch gesetzt u*h dlos tat blinden Glauben c ls seine eigentliche Position in Anspruch gmommm — eS hat allo damü den Boden unter seinen Füßen sich selbst hinweg genommen, weil da« heutige Menschengeschlecht sich schon gegm die bloße Zumuthung eines blinden Glaubenempört. Kein Wunder also, daß Strauß, sowie alle Atheisten, gegen dal Iudenthum eine gewiffe Voreingenommenheit hat, weil er d>e Verträglichkeit der Religion mit der Philosophie für eine gefäbrliche und unverzeihliche Anmaßung hält, indem der Atheismus die Existenz und Berechtigung der Religionsphilosophi:, eine Contradictio in adjecto, nicht zugeben kann. Allein gerade der philosophische und naturwiffenschaftlich Theil der angezeigten Buches enthält die meist« verwundbarstm Stell« des Herrn Strauß, der auf diesen Gebieten doch nur Dilettant ist. Hier steht Strauß nicht auf eigen« Füßen, scndern giebt blos die Resultate fremder Forschungen und war, wie dies von der Kritik vielfach nachgewiescn wurde, r icht immer ganz richtig. Wir können darum als Juden d e Vertheidigung dieses Terrains den Philosoph« und Natr rforschern vom Fache übrrlaffen, worunter eS viele gebm wird, die die Persönlichkeit Gottes rc. vertheidigen werden. Schwerlich aber wird es ein« Philosophen und Naturforscher geben, der die Exist«z des Gottmenschm, deffen Höllm-H mmelfahrt, mit einem Worte, das apostolische Symbolum, von seinem Standpunkte aus zu rechtfertigen wag« wird. So hat z. B., um nur eines zu gedenken, Darwin ,n seinen neuesten Werke: „Der Ausdruck der innen, Erregungen beim Menschen und bei Thierm" die Abstammung des Mmschm von eine» Paar wieder aufgestellt und verfocht« — eine Behauptung, die Strauß ohne erhebliche Gründe leugnet. Wir können füglich das religiöse Gefühl als eine» Ausdruck der innr« Erregung« beim Menschen betrachte» — und es dürft« vielleicht diese n«estm Untersuchunge, Darwin'« ganz andere Resultate zu Tage fördem, als deffen blinder Nachbcter, Sttauß vermeint. Die Philosophie u ,d die Naturforschung sind noch nicht zum Abschluß gelangt ,nd werdm schwerlich je zu einem völligen Abschluß gelangen BiS dahin wird die Menschheit sich nicht ihr religiös« Bewußtsein so leicht abdisputtrm laffen. ES ist hierin dus letzte Wort noch nicht gesprochm, und der Atheismus kain sich keineswegs des Sieges noch fr«en. Da» Iudmthrm als Religion, die der Vernunft nicht widerspricht, sondern mit derselben Hand in Hand geh« will, sieht in den groß« 'Entdeckungen der Naturwiffwschaft« nur neue Stufen, die die M«schheit auf der Himmelsleiter der GottrSerkennt»iß, der Wahrheit und der Vollkommmheit, von der uns die Prophet« Zesaias 2, 2—5 und Micha 4, 1—4 ein so Herr ichrs Bild entwerfm, stet» näher bring« werden. Da« Jiidenthum, welches da» erhabenste Bild von dem Fortschritte »er Menschheit schon vor Jahrtausend« durch den Mund Inner Prophet« mtworf« hat, freuet sich jeder neu ««deckten Wahrheit als einer erlös enden Macht, di« dm Fortschritt der Mmsch« „in dem Wandel in tat Wegen Gottts" befördert. Dmn der wahre Fortschritt besteht nicht in dem Glaub«, sondern in dem Wandel in dm Weg« Gottes, in Tugend und Serechttgktit und Lieb«, in Fried«. ES ist dieser Gedanke der rothe Faden, der sich durch alle mesflanischen Weissagungen der Propheten ßjgdurchzieht und der uns zugleich die Glänzendsten AuSstchtt^ üher die Zukunft de» Menschengeschlechts eröffnet. Indem W Christenthum dtz eigentlich« messianische Idee verkannte und die Erlösung der Menschheit in dem blinden Glauben zu finden vermeinte, hat eS sich selbst in den Worten PanluS (1 .Cor. 1,18 u. 20): ,.Denn das Wort vom Kreuz ist eine Thorheit denen, die verloren werdm; denn dieweil die Welt durch ihre WeiShett Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel eS Gott wohl, durch thörichte Predigt selig »u mach« die, so daran glauben" —/ein Urtheil gefällt. Die Wett ist längst dm Kinderjahr« «twachsen, um noch durch die „thörichte Predigt" seliwerden zu wollen und zu können; sondern sie hofft und strebt, und sie will es durch die Weisheit in Gott werden! ES ist ein Hauptfehler deS Herrn Strauß, daß er den Geist des Alten Testamente» und namentlich der Propheten — die meisten christl. Theologen sehen das Alte Testament blos durch die neutestammtliche Brille — zu wenig zu würdigen sich bestrebt, sonst würde er von der Zukunft und dem Fortschritte deS Menschengeschlechtes nicht so trist« Begriffe haben. Ja, er würde uns dann als Ersatzmittel für die Kirche die Lehre Abraham'S empfehlen: Und sie sollen beobachten den Weg Gottes, Recht und Gerechtigkeit zu üben, (l B. M. 18, 19). In dieser Lehre liegt auch die wahre glückliche Lösung der socialen Fragen, worüber Herr Sttauß, sonderbar genug, reaktionär« Ansichten huldigt. Gr. BecScerek, den 27. December. Rabb. D. Oppenheim. Berichte und Correspondenzen. Stettl«, den 31. December. Die hiesige Gemeinde hat soeben ein schönes Dopprlfest gefeiert, das Jubiläum der Chewrah Kadischa und da- 25jährige Sttftungsfest der israel. Frauenvereins; ersterer Verein ist Cbanucka 5583 (1822), letzterer am 16. December 1847 gegründet. Die Feier bestand in Gottesdienst am Sonntag, dem 5. Tage de« Weihefestes, und einem Festmahle der beiden Vereine am Montag Abend. Die Festpredigt in der Synagoge behandeltt die Fragen: welcher ist der Zweck der Wohlthäiigkeitsvereines wie sind sie entstanden, wodurch können und sollen sie erhalten werden? (Text Ps. 133.) An dieselbe schloß sich „Seelmgedächtniß" der verstortaie» Stifter, Vorsteher u. s. w., während der Besuch deS Friedhofes, welcher sonst einen Theil des Programm» der ganzen Feier ausgemacht haben würde, de» Feste» weg« auf später verschoben wurde. Das Nähere über Entstehung und Geschichte der Vereine hat der Rabbiner vr. Trmmfels in einer Chronik („Erinnerungsblätter") zusammmgrstellt,. welche gedruckt und vertheilt worden ist. Dieselbe hat freilich nur «in locales Interesse, zumal für die Lngrhirig« oder Nach'ommen der erst« Mitglieder der Gemeinde. Die Entstehungsgeschichte der letzte« bildet, die Einleitung der Vereins-Chronik, der« Abfassung um so zeitgemäßer war, als nur noch Wenige übrig geblieb« find, welch« die aus Vorhand«« Acten zu schöpfmden Nachricht« durch,mündliche Urberlieferung zu ergänz« vermigm. — Einige