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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 1. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 1.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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2 Ueber.Lrt und Beschaffenheit biefer stürmischen religiösen und socialen Bewegungen ein Wort zu sagen, sie zu nennen und aufzuzählen ist überflüssig. DaS Zudenthum wird nicht nur von ihnen berührt, sondern es steht wirklich sin ihrer Mitte. Zuerst insofern, als der Grundbau der bestehenden religiösen und socialen Verhältnisse: der modua vivendi zwischen den Konfessionen, die wesentlichsten Grundlrhren und religiösen Anschauungen, welche diese» .allen gemeinsam sind, die Ordnung der Gesellschaft, als solcher, — ganz unabhängig von der politischen Form des Staates — die Beziehungen der Geschlechter, Gründung und Erhaltung der Familie, Erziehung und Unterricht, Erwerb und Besitz von Eigenthum; insofern sagen wir, alledieses in Europa auf dem Christenthum beruht, welches seinerseits wiederum, gerade in den eben genannten Punkten, auf dem Zudenthum fußt. DaS Zudenthum steht demnach in dem ganzen Gebäude da als Träger des Haupt- und Mittelpfeilers, oder als dieser selbst. Das mögen Manche zu bestreiten suchen, Andere nur mit sauersüßer Miene und mit vielen Einschränkungen gelten lasse»; desto vollständiger wird es von denjenigen anerkannt, welche radikale Abschaffung der Religion und Umsturz der ganzen bisherigen socialen Verfassung anstreben. Sie richten die ganze Wucht ihrer Angriffe gegen das Zudenthum, daS Alte Testament: sie wissen wo der Mittelpfeller steht, mit dem das-Ganze in Trümmer bricht. Daher ist es denn auch wahr, daß die Vertheidiger des Bestehenden, des Gottrsglaubens, der Gottesverrhrung, des Meuschenthums, der gesellschaftlichen Ordnung, in vielen höchst wesentlichen Punkten zugleich unsere Lache führen; aber wir wissen, daß diese Mitkämpfer doch wieder unsere Feinde sind. Das Zudenthum steht iu der Mitte, von den entgegengesetzten Seiten richten sich di« Angriffe gegen unsere Religion. Die Gegensätze sind gewaltiger, weiter' ist die sie trennende Kluft denn je; das Zudenthum steht gleich einem Felsen mitten zwischen denen, welche Gott absetzen, um an seine Stelle einen Menschen zu setze», uird denen, welche auf seine Stelle ein „Naturgesetz" erheben wollen; mitten zwischen denen, welch« sprechen: „ich glaube, weil eS absurd ist," und drnen welche alles Glauben für absurd erklären; zwischen denen, welche Vernunft verdammen und sie unter das Zoch von priesterlichen Aussprüchen beugen wollen, und denen, welche nur das gellen lassen, was ihr Verstand construirt, und die, weil sie einige weitere Gesetze der Natur erkannt und einige weitere Kräfte sich dienstbar gemacht haben,'nun „den Himmel stürmen" wollen mit ihren Werkzeugen und den „Thurmbau" wieder aufnehmen, vermittelst deffeil sie den, Weckherrn von seinem Throne zu stürzen , gedenken., Das Zudenthum steht in der Mitte zwischen denen, welche ihre Zdeen, Privilegien, rc. re. als „Gottes- Ordnung^ bezeichnen, und denen, welch« weder Gott noch Ordnung gelten laffen. Und in Mitten dieser Kämpfe steht die Zudrnheit. Tausende unserer Glaubensgenossen nehmen die Kunde von allen jenen Angriffen, die von da und dirt auf sie einftürmen, in sich aus, stehen, der Vertheidigung unkundig,! ihnen wehrlos gegenüber; sie hören, lr^rn, lauschen; „sie trinken und taumel: sic werden^ umstrickt und fallen." Concentrisch richten.sich auch die Angriffe gegen die Person der Zuden. Ueberpüssig ist's, die Schaar der derselben vorüberziehen zu lassen. Zu den alten Gegnern hoben .sich neue gesellt. Zu denen, welche in uns den Saamen der Patriarchen anerkannt, wen» st« ihn auch für überaus entartet halten, kommen diejenigen, welche die „.'emitische Raee" erfunden haben, und sie mit jedem denkbaren D lange! und Makel behaften; zu denen, welcht uns verdammen, weil wir daS Christenthum nicht annehmen, diejenigen, „welche unS nie verzeihen können, daß wir jenes in die West gerrocht haben;" zu denen, welche unS vorwerfen, daß wir jedrs der Zehn Gebot« übertrete«, diejenigen, welche uns verwünschen um willen dieses Grundgesetze», auf daS sich „die.schnöd«! Ausbeutung, der Mißbrauch roher Macht, da» Zoch der Sje," u. s. w. stütze». DaS Beste, was uns bleibt» die Hoffnung, die uns trägt, ist die bewehrte Lebenskraft unseres Religion. .Hat in diesen Tagen D. F. Strauß die Frage:,„Sind wir noch Christen?" für seine (-esinnungSgrnossen energisch verneint, so hören wir unsereiseits auf die Frage: „Sind wir noch Zuden?" ein ebmso energisches Za I — hören wir es von solchen, denen wohl man«!»« unter uns das Recht zu dieser Bejahung streitig machen, di« aber darum erst recht bei ihrem Za bleiben. Doch dienur im Vorbeigehen. Wir wollen heut nur ein Progrrnun, ein Vorwort zu einer Reih« von Artikeln geben, die wir, mit Gottes Hülfe, nach und nach unser» Lesern zu biete» gedenken. Es kann ja nicht zweifelhaft sein, worin die wesentlichste Aufgabe eines jüdischen Blattes bestehen müsse. Abwehr der Angriffe 7gegen unsere Lehre und unser Rrligionsgesetz, unsre heiligen Schriften, unsere Geschichte; Beseitigung drrZweifil und Bedenken, welche auch dem treue« Zuden sich ausdrängei, wenn er die tausende von Zeitungen und Unterhaltungsb altern liest, in dmen fast jede Nummer feinere oder gröbere H erabwürdigung, Verspottung, Entstellung des ihm als heilig Ueberliefertcn bringt. Und zu der Abwehr-Begründung, Ar ftlärung über dürfen und Wahrheit unserer Religion, Nachweis daß die wirk.ich erhed.ichsten und am häufigsten gehörten A ,klagen gegen „Religion" das Zudenthum gar nicht berühren: was freilich nicht überall so von selbst einleuchtend ist, wie <twa in dem Punkte, daß der jetzt soviel betonte und beklagte Gegensatz zwischen Kirche und Staat, die Aufiehnuirg und Hersschaft der ersteren gegen letzteren, auf unsere Religion gar keim: Beziehung hat. Diese Aufgaben, sind so groff, mächtig und umfassend, daß die kleinlichen innere,! Zwistigkeiten dagegen weit zurückstehen. Bo alles auf dem Spiel steht, wo das Ganz: in Trümmer zu brechrn droht, was soll da Zanken um die untergeordnet sten Frogen? Wenn der Weltschöpfer verleugnet, die Schöpfungslehre verneint, die Zdee einer Sabbath und Sabbathfeier von Grund aus verhöhnt wird, da können wir uns allerdings für das Verbot des Tragens im Karmelüb nicht „begeistern". Wir mißgönnen indessen auch diese Begeisterung niemanli; freue sich de», wer da mag, eS strecke auch ferner, wer oh i« dies nicht lebe», oder sich nicht zur Geltung bringen kann. Wir trachten einzig dafür, das Zudenthum selbst zur Geltung zu bringen. Stimme» über die Angelegenheit der AI. Zsr. U». W. Aus Hderschkeste». Die zur Beschlußfassung über einen inabhängig von' der „Alliance Zsr. univers." zu gründenden Deutschen Zsrarliteubuud nach Berlin berufene Versammlung von Vereins-Delegirten und Vertrauensmänner» tagte unter dem Vorsitze des Herrn Professor Lazarus. —

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