Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 50.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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405 einer Brannlweinstube vorfällt, wobei zufälligerweise einem jüdischen Wirthe eine Flasche an den Kopf fliegt, sofort einen Zudenkrawall, und aus jedem Trödler, der sich mit einem Gassenjungen herumbalgt, einen Märtyrer für das Iudmthum fabriciren. (Wahrh.) Aril»» Die Iudenhetze wird bekanntlich von den czechischen Blättern neuerer Zeit mit besonderer Vorliebe kultivirt, und eS haben manche hierin schon Vorzügliches geleistet, doch hat sich bisher noch keines soweit in diesem Genre verstiegen, wie das angebliche Leiborgan des Olmützer Erzbischofs, der „Raszinrc." Zn einer seiner lebten Nummern belehrt er sein Publikum, wie man die Juden als guter und echter „rlagtonec" behandeln müsse, und giebt hierbei folgende Anleitungen: „Mit einem Juden soll Niemand sich jemals befreunden, sondern ihn stets nur mit Verachtung behandeln und in steter Feindschaft ihm gegenüber beharren; man soll trachten, einen Juden so viel als möglich auszunützen, dann aber ihm einen Fußtritt versetzen." Und dies steht in einem Blatts dessen intime Beziehungen zu dem Olmützer Erzbischof und und seinem Domkapitel allgemein bekannt sind; in einem Blatte, welches eine ganze Reihe von Priestern der Religion des Frieden- und der Nächstenliebe zu seinen hervorragendsten Mitarbeitern zählt. (Zsr.) Dasselbe Blatt erzählte kürzlich im Tone cynischrsten Wohlgefallens pöbelhafte — unglaubliche oder tolle — Ercessr, welche sich ein böhmischer Magnat, Graf Kinsky, gegen Juden erlaubt, und fügte den Wunsch hinzu, daß es mehrere solcher Helden geben möchte. sltuz a. d. Donau, 18. November. (Orig.-Corr. *) Drei Abschnitte sind es, die das rührige Streben der Linzer' KultuS-Gemeinde, der ersten deS leider noch sehr in den Händen der Mtramontanrn sich befindenden Oberösterreichs, kennzeichnen. Der erste Abschnitt die feierliche Besitzergreifung des ersten Gebäudes der Kultusgemeinde, die Uebertragnng der Rrligionsschule in dasselbe fand bereits Erwähnung in Ihrem geschätzten Blatte. Der zweite Abschnitt vollzog sich an, 16. d. Mts. durch den Amtsantritt unseres mit seltner Einstimmigkeit gewählten Herrn Rabbiners vr. Frank. Die Einführung erfolgte in einfacher aber herzlicher Weise. Samstag nach Verlesung des Mochenabschnitts betrat Herr vr. Frank die Kanzel, um seine Antritts-Ansprache zu halten. Wie .die Proberede desselben, welche in kernigen Worten den Standpunkt des Lehrers in Israel und auch de» seinigen erklärte, ihm die Herzen errang, so geschah es auch jetzt, da er von den Erwartungen sprach, die man von ihm zu hegen berechtigt, was sein Streben, sein Ziel sei: „die Wohlfahrt der Juden zu fördern, Lehre und Sitte zu „verbreiten und die Gemeinde auf die Stufe der Vollkommenheit zu führen." Abends fand ein Festmahl statt. Von den bei dieser Gelegenheit ausgcbrachten Toasten, verdient der des Herrn Rabbiners vr. Frank, besondere Erwähnung, indem er in geistreichem Akrostichon Linz, und die Cultusgemcinde feierte. **) *) Stark abgekürzt! Ql ist uns nicht möglich, Abgänge-, Antritte- und andere Personal- und Gelegenheüe-Festlichkeiten in den »on dm Berichterstattern gewünschtm Auiführlichkeit zu beschreiben; in dm letzten Wochen wohl schon zu viel Derartiger gebracht. Ei intcressirt ja immer nur die Nächst bet heiligtm. (Red. ") P"S — noxn3*7J. ,"IKT 2^>. Herz. Wohlthätigkeit. G otterfurch», Qpserwilligkeit, verbürgen: Wachethum, Gedeihen. Ein Toast Iiuf dm unermüdlichen Kämpfer für's Iudenthum, für den Protektor der Linzer aufstreb-nden Gemeinde, Herrn Josef Ritter v. Wertheimrr in Wien wurde mit Enthusiasmus aufg.-nommen und dem Edlen sofort per Draht nach Wien berichtet. Mögen die Wünsche und Hoffnungen, die sich an das Wirken des Rab iiners vr. Frank knüpfen, sich erfüllen und vom drittm Abschnitt, dem Baue des Tempels, zu Heil und Segen der Gemeinde bald in Ihren Spaltm zu berichten sein. Rußland. 3P<ters6tug. Abr. El. Harkavy, Professor der orimtallschm Sprach:» an hiesiger Universität, der mit einer wiffmschaftlichen Sendung nach Deutschland und Frankreich beauftragt war, ist zum Bibliothekar für die hebräischen und samaritanischm ^Handschriften der großm hiesiger' Bibliothek ernannt worden. — Durch Verfügung des Ministers der öfimtltchm Aufklärung werden die Schulbehörden im Königreich Polen ermächtigt, die bt: christlichen Schulen besuchenden jüdischen Schüler am Sabbat und an den größeren jüdischen Feiertagen auf den Wunsch ihrer Eltern vom Schulunterricht zu entbinden. — E» ist bekunnt, daß eS im südlichen Rußland eine christliche Serie gieb » deren Anhänger Sabotniks heißm und dm Sabbath st rtt des Sonntags feiern. Nähereüber ihre ReligionSlehrm und Gebräuche oder dm Ursprung der Serke war nicht bekantit. Der „Israelit" theilt nun nach dm Aussagen eines zu« Iudmkhum übergetretmen, nach Deutschland auSgewanderten, refp. mtflohenm, Sabotnil einige erläutemde Notizen mit. Dl : Sabotniks sollm ursprünglich die gewesm sein, welcht bei dm l «kannten furchtbaren Zudmschlächtereim in dm Jahrm 1648—1854 durch Chmelniecki, dm Kosackenführcr aus Noth und zum Schein zur orthodoxm griechischen übertraten, tnSgeheivl aber dem Iudmthum, soweit es anging, trm blirbm. Sie l.eßm sich in Südrußland nieder. Ganz wie die Marannen ü rerliefertm sie ihren Nachkommen die Tradition ihrer Herkunft and einige Bekanntschaft mit dem Iudmthum; später grselltm sich geborene Christen zu ihnm und schlossen sich der Serie c n, nur die Nachkommm der Juden beobachten jedoch auch einige jüdische Satzungen, essen kein Schweineflessch u. s. w. Der erwähnte Flüchtling will von seiner Mutter erfahren haben, daß er von Iudm abstamme, darauf hat er unter virlm Entbehrungen, Leibes- und Lebensgefahren seinm Uebertritt bewirb! er ist im Hebräischen gut unterricht. Wie er sagt, haben gleich ihm noch mehrere Sabotniks ihren Ueber- oder Rücktritt bewirkt. — Ich erinnire mich nun, daß im vorigen Sommer ein junger Mann aus Rußland hierher nach Stettin kam, der sich für einen Proselyten ausgab. Er besaß ein hebräisches Zeugniß, welches dieS bescheinigte, aber es war von keinem Rabbiner ausgestellt. Da der Mann nur die mir unbekannte russssche Sprach« verstand, so konnte ich mich nur überzeugm, daß er hebr. lesen und über Tephillin u. s. w. die Brocho sprechen konnte. Mit Hülse eines des Russischm ein wmig Kundigen erfuhr ich weiter, daß jmer Mann Telegraphist sei, daß er, mit roch mehreren (14?) Russen, zum Iudmthum übergetreten sei, daß er viele Leiden überstandm habe und endlich über die Grenze gekommm sei. In der Gegend, wo er gewohnt halte und Proselyt geworden war, wohnm keine Juden, wenigstens giebt es dort keine Synagogengemeinde;