Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang No. 45
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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860 erinnerungen Entsprechenden am ehesten gemächlich angeregt und zur Andacht gestimmt fühl«, so ist diebegretfillch etwas Anderes!). Am ttaorigstm steht es aber »m manche — Hof. fentlikh wenige — religiös und sittlich^uerkommeneLndividueü^ die wirklich eine» Ablaß für gehäufte Schuch und Nichiswürdigkeii suchen, und unter dies« sind wieder diejenigen, welche mit dreister Stirne sagen, daß sie für Rosch haschana und Zomkippur sich eiuen Platz in einer Synagoge sicher« und ihn bcnusen, sonst aber das ganze Jahr fich um Gott, um Religion rnd Moral nicht kümmern, die schlimmsteu, — oder auch nicht! DaS Judenthum ist an diesen mehr oder weniger scheußlichen Auswüchsen unschuldig, aber vorhanden sind sie, und das ist des Trüben und höchst Unerquicklichen, auf da» wir hiuge'reutet haben, übergenug. Ikehren wir aber nun zu den besseren und edleren, für religiös-gemächliche Eindrücke empfänglichen, an Gott, vorsehunz und Weltregierung wirklich glaubenden, und in sittlicher Beziehung achtbar dastehenden Elementen unter dm Jomkippur-Juden — wir wollen unS dieses Ausdruckes der Kürze wegen bedieum, gebrauch« ihn aber unsererseils ohne jede Gehäsigkeit — zurück. Denken wir insbesondere an solch« Perscnen, die unserer Gmossmschaft durchaus nicht zur Unehre zereichm, die sonst auch mit Uebrrlegung und Ueberzmgung itreue zu handeln gewohnt sind, die also dafür, daß sie Im kaufe des Jahres seltm oder gar nicht dm Gottesdienst fcefudim und überhaupt die Satzung des JudenthumS bei Seite setz« Gründe mannigfacher Art anzugebm wissen, an dm heilig m Tagen aber aus HerzmSbedürfniß, aus Lieb« zur väterlichm Religion, derm Vorzüge sie in ihrer Weis« freudig anerkmnm, auS ehrfurchtsvollem Andmkm an Verstorben« u. j. w, das chuu, was wir sie übm und beobckchtm sehep., Wir logen diesen «iur eine'Frage in Hinsicht üuf dieGegmwari und eine irn Hinblick ans dt« Zukunft vor. Ersten-/ wie würde eS sein, wmn all« Judm in der betreffendm Gemeinde eS so wie sie machtm? Wenn es nicht, so zu sagm, Stwmnhalter d«S Gottesdienstes gäbe, wenn es leicht vorkornmm könnte, daß dir ganze Gemeinde etfU nachttäglich erführe, e» ei soebm Rosch haschma gewesen? Wenn am Bersöhnungstage Alle nur gelegmttich auf kurze Zeit zusarnmmktrnm, würbe da der Tag noch eine Aehnlichkktt rntt dem Jomkippur Hab,«?*) Soffen etwa besoldete Beamten stille Meff« lesm — wir wollten sagm, Me Andacht übm, damtt, wenn Andäckttgr erscheinm, sie einm Anknüpfungspunkt findm? Und in Hinblick auf die Zukunft frag« wir jme: wie wird es um mre Kinder, und die nächst« Gmeration der Nachkonmm aller gleich mch Handelnd«, in religiöser Beziehung stehen? Ist es mch gleichgültig, ob sie Zudm — b. h. nach Uelerzmgung und Lebmsführung, nicht blos im „ethnisch«" unl> „Racm"» Gegensatz« zu Leutm anderer Abstammung — Judm sein würdm oder Lutheraner, Altkacholiken, Infallibilist m, eifrig« Verfechter, Prediger, Verkünder der Herrlichkett Rrm's, der von divers« Madonvm rc. bethätigtm Wunder, Führer oder Glieder von Prozession« nach Echternach, Lour- 1 Dafstld« zeigt fich bei der (im polnischen Ri tu! üdlichent .kodtenfrir^ «i de» deck Fefte», welche Lmsend« aä hoe bi Mt Vym^e fühtt. Hi* na, «xim »ich« «in «»«mm von Judm, di« de» griffta, «U sicher h*Ue», ««rhande» mir», »d all« die «inzeln« «ns Laden, So», wir, Herkstätt« nnd Markt hrrbeigeeilt käme», um zehn Minuten an. dö chtig fu fdnfjl Kann Mt Religion poeierlei Maaß Hab«, kann sitt' « ne» rech« und Mwg sein, mH nicht für »ll« so ifikl des rc. — dmn wir bittm sehr, diese Alternativ« durchaus nicht für unmöglich. zu halt«, da wir «tt ledeudigm Beispiel» in genügender Hohl aufwortm könnm — oder ob sie fich zu irgend einer bereitbekannt« oder demnächst auftauchendm reügiöfm Serie, etwa zu dm Mormone», oder einer religionslosen Partei zähl« werden, ob sie je nach Laune, Windrichtung, Bortheil, von einem Lager in'« andere ziehm, »on einem Extrem zum ander» überspring« «erdm — wir bittm wieder, um vieler sehr odiösm, aber auch sehr instructtvm Exempel willm, diese Möglichkeit ja nicht außer Acht zu lassen, — also, ist mch dagleichgültig, dann habm wir nicht wetter mit einander zu discutirm. Wünscht ihr aber, daß eure Kinder dableiben, was ihr seid, so werdet ihr doch zugebm, daß ei« Judenthum ohne Gottesdimst, ohne Feiertage, ohne irgend etwavon dem, was man al- Formen, Cerernonien u. f. w. zu bezeichn« beliebt, ein Unding ist. Ihr gebt ferner zu und bethüttgt es durch euer Beispiel, daß die „heilig« Tage" unter all« dm Fest«, Formen, Eeremonali« dm ersten Rang einnehmen, daß Juden, dm« auch Nmjahr und Versöhnung-' fest gleich all« andern Werk- und Geschäftslagen gewordm find, in der Thal au» dem geistig« Zusammenhänge mit unserer Religion getret« find. Ihr fühlt nun noch das Bedürfniß, die fraglich« Tage einigermaßen zn feie«, ihr gratulirt zum neuen Jahre, es ist auch damit Emst, ihr empfindet dabei warm, wmn nicht, so ist mch wenigstens nicht eins bloße Thorhest, daß ein neue» Jahr am Rosch haschana beginnm soll«; ihr nehmt am Gottesdimst« des Neujahrs- und BersöhnungStages Theil, wmn auch nur auf einige ganze oder halb« Stund«, ihr, gerade ihr, thut das doch nicht der Leutt wegen, ihr hört ge« mal an den Tag« eine gutt Predigt, ihr betet auch, mre Atidach» ist eine*aufrichtige, daher beerst ihr auch keiner vorgeschriebmm Foömeln, ihr betet aus eurey» Herz« . ... ihr sagt'», und wtt find von einnn Bemängeln und Ausforschm mrer Gesinnung weit entfernt. Warum thut ihr also? Weil fich beim Eintritt der heilig« Zeit „noch etwas in mch regt," (wir wollm das unbestimmte und ziemlich unklare Gefühl ebmso unbestimmt und unklar ausdrückm), well ihr Inhalt und Sinn der Grbett und Gebräuche, der ganzen Fügung des Gottesdimstes noch kmnt, weil ihr noch Erinnerung« in mch wachhaltrt, Rühmng, heilige Scheu, Andacht „vor mch gesrhm" habt. Aber mre Kinder? „Die Judm Hab« heut Nmjahr, lange Nacht, die Judm blasm auf Bock«, hömem grmliche Töne, fast« heut, ziehm hmte weiße Kittel an, geh« hmt geputzt umher und «ach« einander viflttn" — es wird dabet manch« Verwechslung unttrlanfm, und — so wttdm mre Kinder sprechm, so könnt ihr es jetzt schon von Leutm hörm, die als Inden gebar«, ebmso wie mre Kinder erzog« und auch dem Ramm nach heutt noch Judm sind. Sie werdm nur noch da, wo ste sich nicht darob schümm, hinznsetzm: „mein Vater, meine Mutter, ist auch noch in di« Synagoge gegangen und hat mich mitgenommen, aber es geschah nur so zuweilen einmal auf eine halb« Stund« pro form», der Großmutter weg«, der anbcm Judm wegen." Eure Kinder, de« seid gewiß, werdm mch nämlich das nicht zugebm, was wir mch soeben «ingeräumt haben, aus dem einfach« Grunde, weil wir mch zu beleidigen glaubt«, falls wir euer Thun für «ahnlosm Schein erklärte», während jene mch zu ehren glaub« werdm, wenn sie behaupt«, daß auch ihr schon aufgeklärt genug gewesm, unk das Ganz« für bloße Eeremonie und Thorhett zu halt«.