Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 41.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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331 Die Weisheit der Tempel-Chasanim gab da ein trefflicher Mittel an, daS darin besteht, den Chor um ein Paar Baßstimme» zu verstärke», und da sich keine Israeliten fanden, welche sich für Rasch haschana und Jom kippur allein rngagiren lasten wollten, so beschloß man, nichtjüdische Singer in Kutten und Talleßim zu stecken und also Mitwirken.zu lasten. Zufolge genauer Erkundigung misten wir, daß der Rabbiner und Prediger der Tempelgemeinde, H. Prof. Dr. Kämpf an diesem Curiosum nicht nur keinen Theil hat, sondern daß man nicht einmal denselben um seine Meinung darüber befragte. Allein dennoch ist eben die Inkonsequenz sowohl des Herrn Prof. Kämpf als des Vorstandes an der Unzukimmlichkeit schuld; denn es ist ihnen wohl bewußt, wie cm Rasch haschana und Jom Kipur nicht« verboten sei, waS am Sabbath statthaft ist. Zwar, daß die nichtjüdischen Gehilfen der Schliche zibbur ihren jüdischen College» an Innigkeit der Andacht und Berständniß der Gebete allzuweit nachstehen werden, daS bettübt uns nicht sehr, den Unterschied werden erster« schon durch die Sehnsucht einbringen, mit der sie bei den vorzüglichsten Tephilloth — nicht zu Gott« aufblicken, sondern nach der Sakristei binschielen werden wo vermutlich für ste rechtzeitig ein gutes Mittagsmahl und nach besonder« anstrengenden Gesänge» eine angemessene Collation vorgerichtet sein wird; denn daß die Herren nicht jüdischen „Meschorerim' sich in ihre Rollen so tief einleben sollten, um am Jom lippur zu fasten, das geht denn doch über den Spaß selbst einer solchen Mummerei, wie die beabsichtigte eine ist. Al« Gegenstückchen gegen diesen Vorgang »vollen wir einen vor einer Reihe von Jahren in Prag geschehen unS al« wahr verbürgten erzählen. Pater Frost, der verewigte DIrector de« hiesigen Taubstummeninstitut» war ein Priester der Humanität, wie es deren wenige giebt, und et that ihm leid, daß die wenigen jüdischen Zöglinge seine« Institute« von dem Besuche der InstitutScapelle und vom Ministrantendienste daselbst ausgeschlossen sein sollten, daß also auch in dieser WohlthätigkeitSanstalt rink Art Ghetto vorhanden war. Er wollte also auch die israelitischen Knaben zum Ministrantendienste zulasten. Dagegen erklärten sich jedoch die andere» Lehrer de« Institute« und dessen Curatoren aus dem Grunde, weil es — unwürdig sei, die Knaben mechanisch und gedankenlos am Altäre Verrichtungen vornehmen zu lasten, eine Unterweisung der Knaben aber Proselytenmacherei wäre." — »t —. Bon der Ilona», 23. September. (Orig.-Eorr.) Innerhalb der jüngsten Jahre sind in hiesiger Gegend öfter ilälle vorgekommenen, daß tüchtige Lehrkräfte ihre Thätigkeit aufgaben und sich einträglicher» Erwerbszweigen zuwandten; der Nachwuchs vermag natürlich nicht so viel zu leisten, um dcn Abgang derselben vollständig zu ersetzen; zudem mag auch das Beispiel der in bessere Verhältnisse Versetzten mächtig anlocken, oder mindesten« zu unliebsamen Dergleichen zwischen den verschiedenen Berufsarten auffordern, — genug, eS fehlt gar oft an der wahren Liebe und Wärme zur Lehrthättgkeit und die Leistungen bleiben hinter den ftüheren Resultaten zurück. Kommt nun zu alledem noch die geringschätzentr Behandlung, den die Schulmänner gar oft von Seiten der Vorstandsmitglieder auSgesetzt sind, und wovon ich gar manche«, bezeichnend« Beispiel anführen könnte, so ergiebt sich da« nicht sehr erfreuliche Facit, daß unsere UnterrichtSzuständ« gründlicher Ausbesserung bedürfen. Wem es Ernst ist mit der heiligen Sache der Jugenderziehung und de« Unterricht«, wer für da« Gedeihen unserejungen Geschlechtes auftichtig und warm empfindet, kann sich der Erkenntniß dieser Berhältniffe nicht verschließen und wird auf Mittel und Wege sinnen müssen, um dem Uebel erfolgreich abzuhelfen. Es kommt hiebei wett weniger auf die materielle Besserstellung der Lehrer als darauf an, daß sie innerhalb ihre« Wirkungskreises die ihnen gebührende Achtung genießen, daß ihr redliches Mühen die verdiente Anerkennung erringe, und daß Fälle von brutalster Beleidigung in Gegenwart der ihrer Aufsicht anvertrauten Schüler von Niemandem, und sei eS der Höchste und Angesehenste in der Gemeinde, .ungesttaft ausgeübt werden dürfen. Ist den Gemeinden daS Recht der Selbstverwaltuug gewährleistet, so müssen ste eS in dem Sinne anwenden, der einer jeden moralischen Errungenschaft den Hinblick auf daS hohe Ziel deS öffentlichen Wohles zur Bedingung macht. Es muß deshalb ihre Aufgabe sein, dem Gebiete des Unterrichts und den Trägern desselben diejenige Aufmerksamkeit zuzuwenden, welche die Sorgfalt für die Zukunft der hierländischen jüdischen Religionsgenossenschaft erheischt. DaS ist die größte Frage der bewegten Zeit, und weni« der EultuSminister die Gemeimden nachdrücklich fördern und unterstützen, daS Werk des religiösen Friedenvorbereiten helfen will, so muß er dies vornehmlich auf dem Wege der Schulreform zu erreichen bemüht fein, die zunächst freilich darin bestehen muß, daß die Schule in den Augen der Welt an Bedeutung gewinn«, welche ihr durch Aufmerksamkeit von Oben gar bald zugeführt werden kann. ^t»z, 16. September. (Orig.-Eorr.) Wie die Zugvig el so haben auch die Ehassidim chre alljährliche ZugSzeit, wo sie ihre Rester verlassen, um nach Sandez, der Pflanzstätte des Obskurantismus und de» stupidesten Aberglauben«, zu wandern. Diese Zeit fällt gewöhnlich in die ersten Tage des Monat« Ellul. Sobald der Posaunerschall das Herannahen des Neujahr« verkündigt, ziehen die Ehassidim in großen Schaaren, sowohl aus Galizien, als auS Russisch-Polen nach Sandez, um dem daselbst mit offenen .Händen thronenden Wunderrabbi ihre in reichlichen Schenkungen sich manifestirende Huldigung und Verehrung darzubringen. Um diese Zeit nimmt die Stadt und mit ihr der Rabbi eine fteundliche Physiognomie an, das sonst stille Leben in dieser Stadt gewinnt mit der Zunahme der Wallfahrer an Lebhaftigkeit und Regsamkeit; überall auf den Straßen von Sandez wimmelt'« von Ehassidim, die aus weiter Ferne gekommen sind, ihr von Schicksalsfällen gepreßtes Herz und alle sonstige Anliegen vor den, Wundermanne auszuschütten. (Das Treiben in Sandez, Sadagora u. s. w. ist in neuester Zeit oft genug, auch in belletristischen Blättern, in drastischer, leider wohl nicht eben übertriebener Weise geschildert worden; wir lassen daher die weiteren Ausführungen des Herrn Eorrespondenten bei Seile. Red). In diesem Jahre hat jedoch die Statthalterei dem Rabbi einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zn Folge der in Galizien in einzelnen Fällen ausgetretenen Cholera wurde von Seiten der Statthalterei bcn Juden in Galizien das Wallfahrten nach Sandez strengstens verboten, und der Rabbi, der sich durch einen solchen Erlaß in seinem Geschäfte beeinttächtigt sieht, verwünscht di« Gale seiner Wunderthättgkeit, nachdem die materiellen Erfolge au-bleiben. Was nutzt mir meine Wunderkrast, denkt er sich, wenn sie nichts einträgt? Und