Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 41.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935648--1392-5370995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
328 la ist es an dem Einzelnen, sich den Einwirkungen,. insofern sie verderbliche sind, zu entziehen; oder es liegt in Lauheit, Halbheit, Genuß- und Habgier — auch da heißt es: „ein Bruder kann de« andern nicht erlösen;" oder es liegt an den Gemeinden — auch da kann nicht von außen, durch das Gesetz. sondern von innen heraus Hülse erscheinen. Aber offenbar und offenkundig liegt in den auf Gesetz oder Herkommm beruhenden staatlichen, bürgerlichen, gewerblichen, Verhältnissen uit» Eiarichtuagen vieles, waS dem Juden das religiöse Leben unendlich erschwert, was Lugend und Alter dem Zudcnthum entfremdet, was dem kosten Willen des Einzelnen bergehohe, ja geradezu unüberwintliche Schwierigkeiten in den Weg legt. Müssen wir, weil wir die Minorität bilden, weil wir nicht verlangen können, daß unser Sabbath der Ruhetag für Alle werde, weil die Schulen wesentlich christliche, nicht jüdische sin'», müssen wir darum alles als unabänderlich hinnehmen? Wis ist aus dem Wege zu räumen? was kann die Gesetzgekung positiv für uns thun? Wir haben so ebrir schon im Vorbeigehen gesagt, worauf wir unser Augenmerk zu richten haben; auf das Schulwesen und die Sabbath- und Festfeier. Bilden Erhaltung uud Fortpflanzung der Lehre eiww-, Sabbath- und Festfeier andererseits uniedingt die Grundlagen, auf denen das Zndenthum steht, mii denen es fällt, so haben wir hier auch die einzigen Frager:, bei denen die staatliche Gesetzgebung Mitwirken kann. Uui unseren Gottesdienst braucht sich der Staat nicht zu bekümmern, das religiöse Leben soll er nicht beaufsichtigen, für un ere rituellen Institutionen hat er nicht zu sorgen, unsere Wrhlthätigkeit werden wir aus eigenen Mitteln weiter üben. Stellen wir also die wichtigsten Postulate zusammen. Bezründung und Eroberung sind überflüssig, es ist alles 2an öfteren besprochen, sogar schon in diesen Blättern. 1. Zn Beziehung auf das Schulwesen: i) Wir bedürfen noch mehrerer Anstalten zur Heranbildung jütischer Lehrer. Zm ganzen Osten des preußischen Staats, in den Provinzen Ponmern, Preußen, Posen und Schlesien ist kein jüdisches Seminar. Wir erinnern an die Verhandlungen der Ministerin - Eonferrriz in Berlin. (Wochenschrift R: 27 und 28). Dir Sache ist in Anregung gebracht, sie muß im Auge behalt«n und weiter betrieben werden. Die H«rren vr. Meyer und Horwitz haben das Ihrige gethan, aber sie hatten keinen Auftrag, im Namen der preußischen Juden zu verhandeln, zu fordern. Wenn wir Andern uns schweigend verhalte», s» darf man „oben" annehmen, die Angelegenheit sei uns glnchgültig, man habr nur zwei Individuen angehört und körne alles „beim Alten laffen," wir seien zufrieden. d) Die Forderungen in Hinsicht aus die Elementar- und höheren Schulen hat Herr vr. Rahmer kürzlich (Nr. 36 ff.) zusammengestellt. Wesentliches ist wohl nicht übersehen, wir haben augenblicklich nichts hinzuzusetzen; wenn der Falk'sche Entwurf des Schulgesetzes bekannt wird, wird sich vielleicht noch manches finden. Es darf aber bis dahin nicht gewartet werdei! Nur noch ein Wort: wenn in den Zeugnissen jüdischer Sextaner die Rubrik „Religion" nicht mehr mit einem Strich ansgefüllt wird, so wird dies wichtiger sein, als wenn fünfzig Juden Ober-Bürgermeister, Landräthe, Collegialräth, u. s. w., j o als wenn ein Jude Major in einem Garderegiment würde. Hütte und Palast, Familie, Staat, Gesellschaft werden von unten aufgebaut — in der ABE-Schule muß die Gleichberechtigung deS Juden den Mst-AVE-Schützen vor Au gm gestellt werden, oder unsere Urenkel werden noch gegen die Vorstellung, der Jude sei kein vollgülttger Bürger und daS Iudenthum eine nur geduldete Religion, vergebens ankämpfen. 2. Dm Sabbath betreffend: &) Beiden Rubriken gemeinsam gehört die Frage wegen des Schulbesuchs jüdischer Kinder am Sonnabend an. Herr vr. Sulzbach hat vorgeschlagm, (Beil. z. „Israelit" Rr. 34) dahin zu petttioniren, daß der Unterricht am Sonnabmd ganz wegfalle und durch Mittwoch Nachmittag couipensirt werde. Das wird, unseres Erachtens, nicht durchzuführen sein; alle Directorm werden sich dagegen erklären, daß wöchentlich zwei ganze Tage nach einander freigegeben werden, an vielen Orten wurde auch unlängst der Nachmittagsunterricht abgeschafft, der Sonnabmd-Morgen kann da also gar nicht ersetzt werden. Wir.können uns mit geringeren Eoncessioum begnügen,*) solch« aber müssen verlangt werden. d) Die Verlegung der auf Sonnabend fallenden Wochenmärkte. Zn der Provinz Posen und den Reg.-Bez. Oppeln und Danzig ist es ab »ntiquo jo. Hierher gehören noch manche Einrichtungen für den Handelsstand. o) Den Militärdienst der Juden am Sonnabend betreffend: Wir haben über diesen Gegenstand in Nr. 33 gesprochen. Der Herr, welcher damals augefragt hatte» ist mit unserer Antwort nicht zufrieden; ein weiteres Eingehen darauf ist hier nicht am Platze.**) Er schlägt nun vor zu erbitten, „daß auf dessallsiges Gesuch bei der Behörde der jüdische Soldat vom Dienste an Sabbath- und Feiertagen diSpensirt werde;" er mtint, dies würde sbenso statthaft jeim, wie Schüx - . ler auf Gesuch der Eltern gänzlich vom Schulbesuch am Sabbath >dispmsirt würden. Welch ein Vergleich! Wenn ein jüd. Knaöe dadurch, daß er am Sonnabend fehlt, allenfalls zurückbleibt, so wird er ein Semester später versetzt, welchen Nachtheil, welche Unbequemlichkeit böte dies dem Staate? — — Und sind christliche Soldaten am Sonntag vom Dienste diSpensirt? — Der Staat sagt, der Dienst könne nicht suspendirt werden. Er ginge vielleicht wirklich nicht zu Grunde, wenn kein Ehrist am Sonntag und kein Jude am Sonnabend die Parade bezöge; indeffen darüber haben wir doch nicht zu befinven. Weil nun die Juden am Sonnabend mehr Dienst haben, als die Christen am Sonntag, so begehren wir dafür als Eoinpensanon gänzliche Befreiung derselben an Feiertagen. Sie ist unseres Wissens überall auf gehörige Bitte gewährt worden; den Einwand, der uns schon oft von Offizieren gemacht wurde, daß ja die Christen auch an den höchsten Feiertagen auf Wache ziehen müßtm, haben wir in angegebener •) Herr Dr. Rahmer hat hier keine bestimmten Vorschläge gemacht. War er über Zeichiienunterricht sagt, trifft nicht zu. Wenn auf den Sonnabend Zeichnen-, Schreib- und bergt. Stunden gelegt werden» so können wir zufrieden sein. Wer sein Kind in diesen Fächern nicht Zurückbleiben sehen will, der muß ihin Prioaistunden geben lassen. »Dafür sind wir Jude»' — und wenn der Herr Papa am Sonnabend keine Eigarren raucht, so compensire» sich sogar die Kosten. .Nicht» zu vielt' Sollen wir etwa auch begehren, daß die Menage einer Kompagnie, di« so und soviel Juden hat, geführt werde? I ••) Denn men den Juden der Provinz Posen vormal» Rekrutengeld atgenommen hat, so ist die» nicht au» Wohlwollen und au» Rücksicht aus die isr. Religion geschehen. Wer heute Vorschlägen würde, die Juden sollten bezahlen, statt zu dienen, den würde all« Welt sür unzurech. nungtfähig erklären. oS'ftt