Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 40.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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320 allen jüd. religiösen Interessen aus dem Wege gegangen. Di« Partei der modernen Anschauung belächelt achselzuckend die althergebrachten Observanzen und sagt: Mögen jene sich schaukeln und gaukeln, mögen sie ihr Gebet herabschreien, uns touchirt das nicht im geringsten, wir lhun wieder was uns bequem ist, und widerstrebt etwas unserem Geschmacke, so weichen wir auS. ES gestattet mir der Raum dieses Berichtes nicht, die verfallenen und kränkelnden Zustände der jüd. Kuttusgemeinden Böhmens hier anSführlich zu schildern, es genügt, wenn ich sage daß sie einem Schisse ohne Ruder gleichen, welches von der GeisteSströmung des Jahrhunderts getrieben wird, wöbe jeder nur au sich und seine Rettung denkt. Ein wesmrliches Motiv der verrotteten Zustände allhier bildet auch cheilweise der Umstand, daß Böhnien einige hundert kleine Kult. Gemeinden zählt, aus welchrn überdies die Wohlhabendsten nach und nach ^io größere Städte übersiedeln. Natürlich, daß solche kleine Gemeinden von 20—30 Familien dadurch in ganz mißlich« FinanzverhLltmste gerathen und ihre Leistungsfähigkeit allmälig verlieren. Daher kommt nun auch ihre allgemeine Aisörs in der Anstellung und Erhaltung ihrer Kultusbeamten, daher das so häufige sie ruinirende Wechseln von Rabbiner und Lehrern. Da geht es noch viel ärger, wie dies Ihr geehrter Eorrespondent ans Carls ruhe (Ober-Schles.) in Nr. 33 Ihrer Wochenschrift in recht treffender in wahrer Schilderung rügt. Hier werden in den meisten Gemeinden alle Jahre erhebliche Geldauslageu für Inserate und Reisekosten gemacht. Ein witziger Collegejsagte neulich: „Böhmens Gemeinden sind wie Bahnstationen, immer nur 2—3 Minuten Aufenthalt." Der Beamt« ist nur eia Spielball wechselnder Lgunen und Eitelkeiten und zugleich armseliger Verhältnisse. Gemeinde», die z. B. sonst einen Rabbiner, 2 Lehrer (Unter» und Oberklaffe) und einen Cantor und Schachet anzustellen in der Lage waren, find jetzt durch den Mangel an leistungsfähigen Mitgliedern genöthigt, ihr SmtSpersoual za reducirrn. Der erste, der nun „aufgelaffen" wird ist der Rabbiner, denn er ist nach der Meinung vieler nur eia Luxusartikel. Die Kauzelbelehrung ist recht entbehrlich; Auskunft über rituelle Fragen ist heutzutage kein Bedürfnis! mehr; den hebräischen und Religionsunterricht kann der Lehrer durch 2—3 Stunden die Woche leisten, und kommt allenfalls etwas dringendes CafuistifcheS vor, so ist für die Roth der Kreisrabbiner da, eine, an punat bemerkt, allzemeinhin in Böhmen gescheut« und übel angeschriebene Persönlichkeit. Darüber entsteht nun der erste Strett. Die Partei, die die Schule nicht braucht, schrett: Ohne Rabbiner kann die Gemeinde nicht bleiben. ES muß das religiöse Element der Gemeind« aufrecht erhalten werden. Was geht unS der Lehrer und die Schule an, für diese sollen die betreffenden Eltern sorgen; wir wollen und sollen von Zeü zu Zeü über unsere Fehler ermahnt, über Gesetz und Lehre durch ein Gotteswort belehrt werden. Ohne Rabbiner fehlt der Gemeinde der innere moralisch« Halt- und Mittelpunkt. Sie ist wie eine hirtenlose Herde, wo jctar thut was ihm gefällt. Die schulbedüftige Partei schrett wieder: Der Kinderunterricht und die Schule sind das erste Erforderniß einer Gemeinde, und geht allen andern voran. Und da unsere Tragkraft zu schwach ist, so muß auf das Rabbinat verzichtet werden. Auf dieselbe Weise giebt es Reibungen bezüglich des LehrerS, der zugleich Cantor und Schochei ist. Die eine Partei wünscht einen schönen Sänger, guten Schachet, Kore, die andere Partei reflektirt wiedep nur auf eine gute Lehrbefähigung. — Welcher Partei uun auch der Sieg zufällt, so ist der Rabbiner oder Lehrer immerhin in einer sehr bedauerlichen Lage, und muß unverschuldet oft schon nach einem Jahre den Posten, der ihm ohnehin nur kümmerliche Subsistenz gewährte, wieder »erlaffen. Ja, selbst ganz kleine volletlds herabgekommene Gemeinden, die all« Funktionen nur in einem einzigen Faktotum verbinden müssen, geben sich, wenn sich ihnen glücklicherweise so.'ein unglückliches Individuum darbietet, daS nur halbwegs leidlich alle Aemter versehen kann, durchaus nicht zufrieden und lasten den arme« überbürdeten Menschen nicht ruhig und unangefochten lebe». Das Wechseln ist ordentlich zur Manie geworden. Möge es der Ällgütige zun, neuen Jahr« bessern! Rabb. vr. M. Lamberg in Litten b. Prag. Krag, 16. September. Benedict Wehle, Direktor der Raaber Dampfschiffahrtsgeselschaft, Gemrinderath der k. Fveistadl Raab, Dirrctor der Raaber Stadt- und Comirais- Sparcaffe, ein geborener Prager, ist am 30. August in Raab nach schweren Leideu in ein beffereS Jenseits übergegangen. Das Leben W.'s war ein äußerst bewegtes gewesen und wäre eines tüchtigen Biographen würdig. Als für die Freihett begeisterter Jüngling zog W. 1848 in den Kampf für Schleswig- Holstein; von da zurückgekehrt trat er in Wien in die Studentenlegion «in und wurde während des Octobers Adjutant des polnischen Revolutionsgenerals Bein. Rach Bewältigung d«S wiener Aufftandes gefangen, wurde W. als gemeiner Soldat in das Infanterieregiment „Baron Kaudelka" «ingereiht, diente, aber mtt solcher Bravour im. Radetzkyscheu Heere in Itaften, daß er schon 1849 zum Officier.avaacirtr. Nach seinem Austtitte aus dem Milttärverbande trat er i« Raab i« den Dienst der dortigen Pampfschifffahrtsgesellschaft und brachte es ha durch Fleiß^ anerkannte Ehrenhaftigkeit und Energie bis zum Direkter. Wie sehr W. sich »ebev seine« anstrengende« Pflichten als Director das Wohl seiner neuen Vaterstadt und und devrn Bürger angelege«, sei», ließ, beweisen di« ih», übertragene» Ehrenämter; er gehört« zu.jene« gottlob nicht ftftoMn Ehrenmännern, auf hi« das Zudenthnm gegenüber de» Beschuldigung«» Heiner Feinde freudig Hinweisen kann. Er stand erst i» 44. LebrnHahrr: Friede unh Ehr« seinem Angrdeukenk , (Wghrh.) AuS Jlngar»,. 17. Septbr. (Orig.-Corr.),-, In aufggregten Zeiten ist e§ gewöhnlich, daß unberufene Znddtiduen aiH tauchen und sich eine Rolle anmaßrn, zu welcher ihnen W Fähigkeit abgeht. In Ungarn, in dem Lande, wo das „Tohtz reden" erfunden (?) wurde, Ist dies eine gar'zu häufige Erscheinung. Es braucht nur Jemand ein paar volle Phrasen auszuposaunen und der neue.Führer, ist fertig. Alle die Phrasenhelden des Congreffes unglückseligen Andenkens find längst vergesse», und darum ist es kein Wunder, wenn neue Zungen an's Ruder zu trete» sich vordrängen. So brachte kürzlich Herr Rabbiner Lichtschein in Grau einen Aufruf an die Rabbiner und Vorstände in die Oeffenllichkeit durch den Pester Lloyd, der wirklich zu Curiosttäten gehört. Herr Lichtschein hat die lächerliche Idee, durch eine Notablenversammlung den Frieden in den ungarischen Gemeinden herzustellen und will zu diesem Zwecke eine Petition an den eben zusammengetretenen Landtag in Pest richten. Er documentirt seine Berufung zur Anfertigung und Ueberreichung dieser Petitton damtt, weil er in Gran, dem „Sitze des Primas," wohne und also berechtigt sei, auch einen kleinen Primas zu spielen.