Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 39.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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814 entgegenhalten). Wal hat denn eigentlich da» französische Judenthum durch die Annexion verloren?! ES ist ganz gerechtfertigt. wenn die französischen Israeliten darüber trauern, daß ein sehr erheblicher Theil ihrer Glaubensgenossen nicht mehr zu ihrm Landsleuten gehört; aber was in aller Welt hindert dies«, als Anhänger deS deutschen Reichs, und jene, al» Bürger Frankreichs, Juden zu sein, Gottesdienst zu halten, Rabb.ner anzustellen u. s. w.? *) Die Organisation ist zerrissen, wäre diese nicht fo straff mit den politischen Schicksalen des Lande» verwebt gewesen, so würde inan nicht von .^Verstümmelung de» französischen Judenthum»" reden können. — Auch die Klagen der Blätter über den ihnen verweigerten Wirkungskreis begreifen wir nicht. WaS hindert denn die in Elsaß-Lothringen wohnenden Juden, nach Herzenslust die ihnen zusagenden Pariser rrligiösm Zeitschriften zu lesen? Zst ihnen der Eingang verboten, erschwert? Die wenigen Centimes mehr, welch« die Post jetzt vielleicht fordert, können doch nicht in'S Gewicht fallen. — Die jungst stattgehadten PreiSvertheilungen der Akademien, höheren StudieuanstakAl u. f. w. habm für die Israeliten in Paris und wohl in Frankreich überhaupt ein sehr erfreuliches Resultat ergeben. AuS den umfangreichen NamenS-Berzeichniff«n preisgekrönter Jsraelüen heben wir nur drei hervor. Der bekannte Dichter Manuel hat einm Preis für „moralischen Nutzen" (2500 Frcs.) von der Akademie und Felix Höment, Vers, guter Bolksschristen, einen ähnlichen erhalten. Am Lycöe Corneille hat Bloch, Student der Mathematik, einen Preis erhalten, und gleichzeitig hat ihn der Vorsitzende, ein General, die Militär-Medaille für Auszeichnung als Freiwilliger im Kriege, überreicht. An der Sorbonne war die Zahl der preisgekrönten Israeliten größer als je zuvor. i Uumäuie». Bukarest, 11. September. (Zum Exodus der Juden.) Sie wiffen bereits, daß der hiesige amerikanische General-Eonsul auf Verlangen einiger Bürger seines Staates an unsere Regierung die Anfrage gerichtet, ob, im Falle eine im Entstehen begriffene Gesellschaft behufs Erleichterung der Auswanderung der Israeliten in Rumänien und dem Oriente wirklich zu Stande käme, die rumänische Regierung gewillt sein werde, diese Gesellschaft in ihrem Ziele zu unterstütze». Jeder vernünftige Private würde nun eine solche Frage in einer privaten Rote hypothetisch beantwortet haben. Unsere Regierung jedoch, schon längst kopflos geworden, hat das Privilegium, so vorzu zehen, wie es die elementarsten Regeln der Vernunft und der diplomattschen Usance verbieten. Anstatt privatim zu antworten, daß di« Regierung eine solche Gesellschaft zu unterstützen gewillt sei und daß sie auch von der Kammer Unterstützung verlangen werde, faßt sie die Anftage als einen posttiven Antrag auf und setzt den gesammten staatlichen Apparat in Bewegung, und die Herren Minister stecken sofort die Köpfe zusammen, berathen im Schweiße ihres Angesichtes und werden dann von einem gewalttgen Aktenstücke entbunden, worin sie „freie Päffe" an Leute, die theils l Am 4. August hat in Weihrnburg eine Turnerfeier zur Erinnerung an die Schlacht de» Zahre« 1870 staugefunden. Die Predigt in der Synagoge wurde von dem Rabbiner zu Berduu gehalten, der natürlich französisch-hatmotisch gesprochen hat. So wenig chm Jemand die« verargt, so wird doch auch kein Unbefangener »erkennen, daß die deutschen Behörden die Freiheu de« iSewiffenI, der Rede und der Ueberzeuguug «htei^ nicht au»wand«ru können (da noch keine Auswanderungs-Gesellschaft existirt) und die jedenfalls keine Päffe brauchen, vergeben wollen. Sie lassen Se. Hoheit den Fürsten sogar ein solches Dokument auf dem Berge „Sinai" genehmigen und überschicken es dem „amtlichen Moniteur" zur Veröffentlichung. Die Preffe bemächtigt sich der Sache, nimmt die EmigrattonS-Gesellschaft ebenfalls als ein fait accompli an und wünscht alle Juden zum Teufel, wenn sie nicht sofort nach Amerika gehen wollen. Da» edle Rumänenvolk selbst geräth in Ekstase und giebt bereits einzelnen Juden die Abschieds-Bastonade. Eine Dame in Jaffy offerirt 270 Ducaten zu diesem Zwecke, und «in Bojar hundert Oka Stricke, nm die AuSwandernden damit zu binden! Ich wüßte eine beffere Verwendung dafür.' Wenn Herr Costaforu durch diese» Vorgehen die Absicht gehabt hat, die Juden zur Auswanderung zu zwingen, sich Popularität zu erringen und etwaigen in Konstantinopel gegebenen Versprechungen au» dem Wege zu gehen, so hat er, anstatt zwei Fliegen mit einem Schlage zu tödten, sich selbst einen Schlag versetzt. Denn abgesehen davon, daß es eine beklagenswerthe Politik ist, eine Zahl von 200,000 arbeitsamen Bewohnern aus einem spärlich bevölkerten, der Arbeit bedürftigen Lande zu verstoßen, und daß die Erleichterung einer solchen Auswanderung nahezu einen LandeSverrath, eine Sünde an dem Lande und dem Volke bedeutet, so ist doch andererseits auch sehr wahrscheinlich, daß die 50,000 einheimischen Juden nicht auswandern werden. Wenn nun gar die Auswanderungs-Gesellschaft nicht zu Stande kommt, so fällt da» ministerielle Journal mitsammt der fürsllichen Genehmigung ins Wasser und Herr Costaforu hat sich und die Regierung gründlich blamirt. (N. fr. Pr.) Vermischte und neueste Nachrichten. Aertt». Der vierte Bericht über die Sammlung für die rum. Juden schließt mit 17,037 Thlr. ab. Metz. Die isr. Gemeind« geräth durch die Auswanderung sichtlich in Verfall. E» hat große Schwierigkeit gehabt, da» Consistorium zu ergänzen. Der bisherige Consistorial-Rabbiner Lippniann hat Metz verlaffen und seinen neuen Sitz in Lille eingenommen. Dagegen wächst die «Gemeind« in Eaarburg, sie zählt etwa 100 Mitglieder, es ist die Rede davon, das Rabbinat von Pfalzburg, woselbst nur noch etwa 35 jüdische Familien geblieben sind, nach Saarburg zu verlegen. (Arch. Isr.) Baris. Baron v. Rothschild, röxent der Bank von Frankreich, ist für seine bei Gelegenheit der Anleihe geleistetm Dienste zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden und hat aus diesem Anlaß 30,000 Frc's. für die Waffen des Krieges gespendet. Htour. Die hier erscheinende „Fanfulla" schreibt: „Sprecht in Osten den Namen des Sir Mose» Montefiore au», und tausend Augen werdet ihr vor Begeisterung und Freude funkeln sehen. Er ist der Mann der Vorsehung — aber mild« und gänzlich anspruchslos. Er ist 89 Jahr alt, fast ein Jahunderk lang ist er ein Sendbote der Liebe. Aber ungeachtet der Last seiner Jahre, hat der Greis eine neue Reffe unternommen. Er hörte die Klage der rum. Juden — er ergriff den Manderstab und zog noch einmal in weiter Ferne zum Wähle der Unterdrückten. Der Czar erwartete ihn und hörte gern sein heiliges Gebet. Wundern wir uns nicht, wenn das Wort dieses Boten sich wirksamer zeigen sollte, als Me diplomatischen Noten, als die Verwendungen mächtiger Regierungen." tSiehe Telegramm a« CiHif M BUtM)