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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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315 Feuilleton. Unsichtbare Fessel«. Original-Novelle au» dem jüdisch »amerikanischen Leben von I. W. Lichtender» in New-Dork. (Fortsetzung.) » „Lch bin in einem kleinen Ort Böhmengeboren und erzogen. Mein Vater war, wie alle Welt, ein Handelsmann, der von Prag gebürtig und zur Zeit defranzösischen Krieges sich von dort entfernt, und meine Mutter in meinem Geburt-« orte, welcher auch der ihrige war, kennen gelernt hatte. Mein Vater, den man den Prager nannte, besaß einige Bildung und konnte besondergut Deutsch lesen und schreiben, denn er hatte in Prag die Normalschule besuch», jene Schule, welche vom edlen Kaiser Joseph gegründet war. ' Mein Vater ertheilte mir den ersten Unterricht in Hebräisch Deutsch, und da ich gut begriff, faßte die Idee Wurzel bei ihm, daß ich studiren solle. Auch meiner Mutter gefiel dieser Plan, und obgleich wir arm waren, und noch drei jüngere Kinder der Vorsorge de- Vaterbedurften, sparte sich.dieser doch jeden Kreuzer ab, um leinen Lieblingswunsch an mir in Erfüllung gehen zu sehn?' „Ein junger Priester war bei der kleinen, ganz katholischen Gemeinde unsere- Orteangestellt, und dieser erbot sich, mir unentgeltlich Unterricht in Latein und Griechisch zu ertheilen. Als er mich einige Zeit unterrichtet hatte, ich war damals 9 Lahre alt, entdeckte mein Vater, daß ich eine besondere Vorliebe für die christliche Religion an den Tag legte, Sprüche aus den Kirchengebeten citirte und überhaupt, ohne daß ich es 'selbst wußte, anfing christlich zu denken und meine Religion zu vernachlässigen." „Er entdeckte allediesezuerst beim Tischgebete, als ich ihm erklärte, daß da- Gebet des Herrn Pfarrers viel schöner und leichter zu verstehen sei, als das unsrige. Auf weiteres Befragen erfuhr der Vater zu seinem Schrecken, daß mein Lehrer einen förmlichen Proselyten aus mir zu machen suchte. Mein Vater verließ hastig das Esten und begab sich zum Pfarrer. ES kam zu Urten Worten, der Pfarrer bestand darauf, daß ich ohne sein Zuthun dem katholischen Glauben geneigt sei, und mein l ater erklärte ihm, daß er da- Vorgehen de- Priesterder zuständigen Behörde berichten würde. Dabrachte den Pfarrer so auf, daß er sich vergaß und nach meinem Vater schlug. Dieendete den Streit; denn mein Vater streckte ihn mit einem Faustschlage zu Boden und verließ eilig da- Hau-. Am nächsten Morgen befanden wir uns schon mit Sack und Pack auf dem Wege nach Sachsen, theils um der Rache des Pfarrers, theils um dem Pöbel audem Wege zu gehen. Da wir im Orte kein liegendes Eigenthum besaßen, war unser AuSzug leicht bewerkstelligt, nur die auSsteheuden Schulden waren verloren." ,„Jch erzähle Ihnen diesen Vorgang, weil eben dieser Pfarrer die Schuld trägt, daß ich mich heute ohne Mittel, ja fast ohne Gepäck am Borde eines Auswandererschiffes befinde " Diese letzten Worte sprach der Erzählende mit vibrirender Ettmme und versank in minutenlange- Stillschweigen, die Anwesenheit Mosä ehganz vergessend. Dieser holte schweigend auseiner Rocktasche eine halblange Taback-pfeife, füllte sie und steckte diese nach langem Schlagen mit Stahl und Stein durch ein Stückchen Schwamm in Brand. Die wirbelnden! Rauchwolken verbreiteten kotz defrischen Seewindeeinen! so brenzlichen, süßlich widerlichen Geruch, daß Moritz sehr ' bald auseinen Träumereien erwachte. „Zst der Taback gut?" fragte Moscheh schmunzelnd; „ja I da» glaube ich, daist noch deutscher, in Amerika bekommt man vermuthlich so etwas Gute« doch nicht, drum habe ich mir auch 3 Pfund mitgenommen. Unser Herr Bürgermeister raucht immer davon. Doch lieber Herr Doctor, erzählen Sie nur weiter, denn Sie erzählen gar gut." „Thun Sie erst Ihre Pfeife mit dem Bürgermeister-Taback weg, und dann werde ich fortfahren." Moscheb gehorchte, wenn auch mit betrübtem Gesichte und Moritz fuhr fort: „Soll ich Ihnen von dem Kämpfen und Ringen umtägliche Brod, von all der Roth und dem Elend erzähle», das uns täglich in unserm neuen Domicil in- Auge grinste, e» würde Sie ermüden, nur in kurzen Worten bemerke ich Ihnen, daß nach drei Jahren schwerer Arbeit und bitterer Roth mein Vater wieder im Stande war, mich meine Studien fortsetzen zu lassen. Uelerspringen wir die Zeit meiner Studien und kommen wir zur Hauptsache. Ich machte mein Examen und ließ mich in Kuttenberg in Böhmen als Arzt nieder. Diese- Städtchen ist, durch die ausgedehnte kaiserliche Fabrik, ein sehr lebhaftes und versprach mir eine gu:e Praxis. Meine erste Sorge nach meiner Niederlassung war, mich dem Publikum, und in erster Reihe den sogenannten Honoratioren, zu präseutiren. Zuerst besuchte ich die kaiserlichen Beamten der Fabrik, dann die Amtleute und zuletzt die Pfarrer und Lehrer. Hier spielte mir mein Mißgeschick wieder einen dummen Streich. Auf der Liste, welche ich mir hatte anfertigen lassen, fehlte der Rector bei: zweiten Kirche des Städtchens, und da ich völlig unbekannt dort war, besuchte ich ihn begreiflicher Weise auch nicht. Außer mir waren noch zwei Aerzte in Kuttenberg und ein Barbier, der sich Feldscheerer tttulirte. Dieser letztere kam bald nach meiner Ankunft zu mir, um sich mir zur Ausübung geringerer wundärztlicher Operationen bei meinen zu erwartenden Patienten zu empfehlen. Der Mann sprach schlecht deutsch, und ich ersuchte ihn, sich böhmisch mit mir zu unterhalten. Das fteute ihn und löste seine Zunge. „Mein lieber Herr," sagte er, „wissen Sie aber auch, was man von Ihnen im Städtchen sagt? denken Sie die Schlechtigkeit, man behauptet, Sie seien Jude, und zwar eine,- von denen, welche sich nur in Plätzen als Arzt niederlassen, wo viele arme Leute wohnen, z. B. Fabrikarbeiter, die weder Geld noch Annehmer haben, und einem Arzt in Krankheitsfällen ganz in die Hände gegeben sind. Nun sagt man, daß die Luden zu Ostern Ehristenblut trinken müssen, — ich glaub,: das als gebildeter Mann natürlich nicht — aber weil die Obrigkeit jetzt so scharf darauf sehe, daß das Schlachten von Ehristenkindern, nicht mehr so leicht stat finden kann, wie ehemals, so hätten sich, sagt man, einige jüdische Aerzte die Aufgabe gestellt, den Christen unter verschiedenen Vorwänden Blut abzuzapfen, und dasselbe an die Luden für die Osterftiertage abzugeben." „Wer aber," fragte ich den Barbier, „hat all diese Gerüchte über mich auügestreut?" „Genau kann ich es nicht sagen, aber im Vertrauen, ich - glaube, es kömmt vom Herrn Pfarrer Retz, den Cie. taktlogenug, nicht besucht haben," antwortete der Barbier. (Fortsetzung folgt.)

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