Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 39.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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<5* bleibt un» also nicht» Andere» übrig, al» un» selbst zu helfen, un» in autonomer Weise ohne Staat-Hülse einzurichten, so gut e» geht. Und da» geht ganz gut. Da wird denn jede, da» jüdische Uaterrichtüwesen ernst in'» Auge fassend« Gemeinde vor die Krage gestellt: „Elementar» oder Rrligionsschule? Sollen wir unsere Linder in die vcrhandenen von Stadt oder Staat unterhaltcnen Volk»-, Bürger- und höhere Schulen schicken, und für den dort feh» lenden jüdischen Religionsunterricht eine Religionsschule errichten, oder sollen wir eigene jüdische Elementar- und Bürgerschulen gründen, an denen unsere Linder in allen deutschen ur d hebräischen Gegenständen unterrichtet werden? Wir können dir mannigfachen Gründe, die für und gegen die eine oder dir andere Entschließung sprechen, hier nicht aufführen, sondern geien in Lürze das Resultat mehrjähriger praktischer Erfahrungen auf diesem Gebiete. Dasselbe lauter: Weder die besondere jüdische Elemeiitarschule allein, noch auch die bloße jLnsche Religionsschule ist zweckentsprechend, sondern nur eine B, rbindung der jüdischen Elementarmit der Rrligionsschule, in der Weise, daß jene dieser oorarbeite, und diese auf dem gelegten Grunde weiter baue, entspricht dem gegenwärtigen Bidürfniß; oder mit anderen Worten: die besondere jüdisch« Elementarschule für die (etwa 3) ersten Schuljahre, die Religiimsschule für die ferneren Jahre des Schulbesuchs. Wir erlauben uns zur Begründung unserer Ansicht hier einige Sätze aus einer vor nun fast 10 Zähren veröffentlichteu Programmarbeit*) über diesen Gegenstand folgen zu laffrn. Das dort und damals Gesagte hat seitdem an innerer Wahrheit nichts verloren, vielmehr durch die inzwischen beobachteten Ereignisse auf dem Gebiete des jüdischen Schulwesens Bestätigu ig gefunden. Die betreffenden Stellen aus jenem „die Orgmnsation. der jüdischen Gemeindeschule" betitelten Aufsatze lauten: „Die Erfahrung der letzten Jahrzehnt« hat zur Genüge dai gethan, daß in Gemeinden, di« auf eine tüchtige, religiöse Durchbildung ihrer Zugend bedacht sind, bloße jüdische Religionsschulen diesem Bedürfnisse durchaus nicht entsprechen, — nicht entsprechen können. Denn sieht man zunächst auch von der, nicht zu übersehenden Uebelstande ab, daß der Unterricht in der Rrligionsschule sich nur auf eine ganze geringe Anzahl von Stunden beschränken muß»**) — da der anderweitige Sc-ulbesuch und Schulaufgaben fast alle freie Zeit des Schüler» absorbiren — so ist das ganze Znstitut der jüdischen Religionsschule nicht geeignet, dem Linde das, was die Hauptsache ist, die Liebe zum Religions- und hebräischen Unterrichte, einzuflögen. Denn da dir Religions sch u le neben den anderen Schulen gewissennaßen nur als St undengeberin einhergeht,'s) so wird der Religionsunterricht vom Schüler, (nicht selten auch von den Eltern), als nebensächlich angesehen, ja die ReligionSstu ide erscheint ihm, da sie ihn um den Rest der freien Zeit briigt, als eine Last, und er sucht sich ihr, wo er nur kann, ent schuldigt oder unentschuldigt, zu entziehen Wie kann da eine rege Theilnahme und Freudigkeit am Religionsunterrichte erz elt, wie die Liebe und Werthschätzung für den ganzen Zn- *1 Im „ersten Bericht über die jüdisch« Gemrindeschule zu Thorn" S. 4.-7. * *) Selbst birjrnigcn Reti«i»n»sch„len, die über eingrößere Anzahl von Lehrern ,u »erlügen Halen, rein igen nicht mehr al« b— Stunden wöe-entlich für die oberen Jttaffm an,»sehen. f) DaRel. ferner jede», andern noch so unwichtige» L>hr gegen stand, wie luinen, weibl. Handarbeiten urd dergl. u eichen soll. (!?) halt der Lehre Zsrael» gewonnen werden? Lieb« und Wertschätzung, — die sich ja nur durch nähere Bekanntschaft mit einem Gegenstand« gewinnen lassen! Zm günstigsten Falle r wird darum beim ernstesten Streben nur «ine oberflächliche! Bekanntschaft mit dem zur jüdischen Religion Gehörigen, und > eine nothdürftige Lenntniß einiger Lapitel der heil. Schrift! in der Ursprache erzielt werden können, waS in den meisten ' Fällen beim Eintritt in da» praktische, meist im schneidendsten! Gegensätze zum theoretischen Religionsunterrichte stehenden Leben j leicht verwischt, und von der entgegenwirkenden Lebensströmung j rasch überfluthet wird, in keinem Falle so tief im Herzen wur- 1 zelt, daß cs bestimmend auf dt»- Lebensrichtung tinzuwirken j. stark genug wäre. Hierzu kommt noch, daß das Lind durch den allzufrühen Besuch eines Gymnasiums, einer Real-, I Bürger- oder sonstigen nichtjüdischen Prioatschule von frühester ' Zugend an der Feier des Sabbaths, der Fest- und Fasttage verhindert, und in der Ausübung so mancher Religionsvorschrift gehemmt wird, mithin das Wesentlichste an der Religion, die Bethätigung, entbehren muß. Der Einfluß der Religionsschule sinkt demnach — man gestehe es offen, und der erste Schritt zur Verbesserung ist! gethan — in den Gemeinden, die nur auf die Religions-! schule angewiesen sind, auf Null herab. ' Man hüte sich aber auch, die Ursache dieser betrübenden j Erscheinung einzig und allein in der Lluft, welche das prac- ■ tische Leben von dem Religionsunterrichte trennt, finden zu wollen, sie liegt vielmehr zum großen Theil darin, daß das jüdische Kind, welches mit Beginn seiner Schulpflichtigkeit eine nichtjüdische Unterrichtsanstalt besucht, eigentlich gar keinen Zeitraum in seinem Schulleben aufzuweisen hat, während dessen es unbehindert den Anforderungen der Religion hätte Genüge leisten können. Wir also machen die Kluft, welche im Leben zwischen der Praxis und dem Religionsunterrichte besteht, dadurch noch weiter, daß wir sie schon an der Schwelle des , Schulbesuches beginnen lassen.! Ganz anders und bei weitem günstiger müssen sich die j Erfolge des Religionsunterrichts da erweisen, wo eine jüdische! Elementarschule der Religionsschule vorarbeitet, und einen festen ' Grund für ihre Thätigkeit legt! Das jüdische Kind hat dann die ersten, für die religiöse Richtung entscheidenden Schuljahre in einer jüdischen Schul« zugebracht, wo es von demselbeu; Lehrer i» den deutschen wie in den hebräischen Lehr gegenständen unterrichtet wird, wo eS das Hebräisch« nicht nur als einen integrirenden Theil des Gcsammtunternchtes, sondern alS den höher stehenden, bevorzugteren, mit besonderer Borliebe behandeln sieht. Es ist dem Linde die Feirr de» Sabbaths nicht nur ermöglicht, sondern es wird dazu noch besonder» ( angehalten, es erhält auch seine Ferien zur Zeit der jüdischen Feiertage, es wird auf die Bedeutung und Feier jedes religiösen Gedenktages aufmerksam gemacht, und eignet sich außerdem, ohne in den anderen Elementargegenständen zurückzubleiben, rin für das jugendlche Alter schon bedeutende» hebräische» Wissen an, kurz es erhält eine jüdische Grundlage für's ganze Leben. Wenn da» Kind mehrere Zahre hindurch, (etwa vom 6. bis 9.), die jüdische Elementarschule besucht hat, dann bringt eS bei seinem Eintritt in die Religionsschule das al» Vorkrnninisse im Hebräischen mit, was jetzt in den meisten Religiousschulen in den oberen Klassen erst gelehrt wird. Aber e» bnngt noch viel mehr als dieses Wissensquantum mit, und das ist: die sestgewurzelte Lieb« und Anhänglichkeit zur jüdi» scheu Religion, und zu allen in ihr Gebiet gehörigen hebräische»