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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 37. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 37.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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292 nach welcher die Wittwe sich mit der Leiche ihres verstorbenen Gatter auf einem Scheiterhaufen verbrennen kaffen muß; — bleibt es ihm doch unbenommen, sich auf Grund egyptischer Sitten lehre politisch zu dem Glaubenssatze zu bekennen: eS wäre höchst sittlich, Böller zu unterjochen, in sklavisch« Fesseln zu sch' agen, den freien Geist knechtisch zu bändigen, und müßte man jelbst den Kindermord zur Hülfe rufen, wenn es nur die StaatSraison fordert! Auch die griechische und römische Cultu-, die der Herr sicherlich nicht ohne Absicht der Sittenlehre rer Chinesen, Indier und Egyptier zur Seite stellt, will ich ihm unverkümmert lassen! Ich will auch von den Scheiterhaufer und Folterkammern der christlichen Inquisition nicht sprech, n, von denen der Herr den Beweis schuldig bleibt, daß sie im Pentateuch auch nur einen Schein von Entschuldigung, Begründung oder gar Rechtfertigung fänden! Nur der Angelpunkt, um den sich jene vier Artikel drehen, soll uns hier beschäftigen! Ist es wahr, daß die Jesuiten-Thesen, so weit sie das Hohepriesterthum und die Unfehlbarkeit des Papstes betteffen, „mit den Gesetzen deS Pentateuchs übereinstimmen?" Ist es wahr, daß „daS unbeschränkte, absolute, unfehlbare Papstlhum, wie es die Jesuiten lehren, genau dem mosaischen Hohenpriesterthum nachgebildet ist?" — Der Berfaffer jener Artikel bejaht diese Fragen, indem er MoseS selbst einen solchen unbeschränkten, absoluten, unfehlbaren Hohenpriester sein läßt. Ich verneine nachdrütklich diese Fragen und zwar 1) weil Moses gar nicht Hoherpriester war, und 2) weil weder der Pentateuch noch Israels (Heschichte ein Priesterrhum kennt, wie eS das Christenthum im Papste und nach den Lehren des Iesuittsmus bebegrifflich und historisch entwickelt hat. — MoseS war kein Hoherpriester, weder dem Amte noch dem Berufe, weder der Form noch der Sache nach. Er war weltlicher Fürst: der Herrscher, der Gesetzgeber, der politische und freilich auch religiös-sittliche Erzieher, der geistige (nicht geistliche!) Bater seines Volkes! Hoherpriester aber war nicht Moses, sondern dessen Bruder Aron; Aron stand dem CultuS vor, Aron opferte und verrichtete hohenpriesterliche Funktionen! Moses ist kein Papst, kein mit der Tiara geschmückter, kein gebrechlicher und doch wieder so dünkelvoller Greis, der von seinen Paleste aus eine ganze Welt beherrschen, gegen Ungläubige und Ketzer den vernichtenden und zermalmmden Bannstrahl schleudern möchte, — nein! Moses ist ein kraftvoller Mann, mit dem königlichen Scepter in der Hand, dem Gesehgeberstab zwischen seinen Füßen, der sein Volk mit Aufbietung aller seiner Kräfte, mit Aufopferung seines ganzen Lebens schöpferisch zu einem Volke macht, bildet und erzieht'), ihm Gesetz« giebt, es minnlich und kraftvoll beherrscht. Er hat seine Gewalt nicht dem Zufall der Geburt, sondern Gott selbst, der inneren göttli Heu Stimme, die ihn unbezwinglich dazu ruft, zu verdanken; vergebens sucht er die Herrschaft, die Führung seines Volkes, die ihm eine Last, eine schwere, unerträgliche Bür re, kein lockendes Ziel seines Ehrgeizes ist, von sich abzuwälzen! vergebens sträubt er sich gegen die ihm zugedachte Sendung, — vergebens! er muß sie annehmen, weil nur er und kein Anderer der rechte Mann dazu ist'). Und so ist Moses kein absoluter, unbeschränkier Priester, nicht einmal absol tter, unbeschränkter Fürst, sondern ein Herrscher, der sich '• Numeri 11, 13. — *) ffrotm» 3, 11; 4, 10 ff.; Deuteron. 1, 12 — 18 u. a. a. O. stündlich seiner vollen Verantwortlichkeit auch für die geringste seiner Handlungen bewußt ist, der sich verantwortlich weiß seinem Gotte über, seinem Volke unter sich'). Ein Fürst, ohne Civilliste, ohne von seinem Volke Steuern und Abgaben für sich in Anspruch zu nehmen, aber auch ohne Aufwand, ohne den Glanz eines fürstlichen HofeS und fürstlicher Repräsentation, — verlangt er freilich Gehorsam, aber auch ausschließlich und unbedingtesten, wenn auch nicht blinden Gehorsam^), und auch diesen nicht für sich» um seine maßlose Herrschaft zu begründen und zu befestigen, um seiner Herrschsucht zu fröhnen, oder gar im päpstlich jesuitischen Sinne eine Wettherrschaft anzustreben, sondern um daS Volk von der Erinnerung ägyptisch-heidnischer ReligionS- und Sittenlehre zu befreien, um eine unbändige, der Sklavenpeitsche soeben entronnene, durch den ersten Sonnenstrahl der Freiheit geblendet« und zügellos gewordene Nation zu bändigen, für männliche Thalkraft und Zucht zu erziehen, der Herrschaft deS Gesetzes zu unterwerfen und ihrem Gotte zuzuführen'). Unser fielt* artikelschreiber macht Mose gerade diesen Gehorsam, den er von Israel alS die einzige Abgabe und auch nicht für sich, sondern für das Gesetz fordert, zum Vorwurfe und meint, «S wäre derselbe Gehorsam, den auch die Jesuiten für die Päpste in Anspruch nehmen. Wollte Gott, die Päpste hätten der Welt «in ebenso erhabenes und reineS Religion»- und Sittengefetz gegeben, wie MoseS seinem Volke, und hätten von der Welt kein andere» Gut- und Blutopfer, keinen PeterSpfennig und keine Scheiterhaufen, — kurz Nichts, als Gehorsam für das reinste und erhabenste Gottesgesetz gefordert! Aber Mose» ist ja kein Papst, — nicht bloS Religionslehrer, sondern gleichzeitig Erzieher seines Volkes; — er ist kein Hoherpriester, der eine maßlose Priesterherrschaft über eine ganze Welt auSdehnen möchte, sondern der Begründer eines Staats! Soll nur der moderne Staat das Recht für sich in Anspruch nehmen dürfen, seine Bürger unter seinen Willen zu beugen und seinem Gesetze zu unterwerfen — Mose aber dieses Recht abgesprochen werden, weil er in sich den weltlichen Gesetzgeber mit dem GlaubenSlehrer, den polittschen Erzieher mit dem Sttfter einer Religion vereinigte? Soll nur der moderne Staat daS Recht baben, jeden feiner Bürger, der sich gegen die ihn einende Idee, gegen sein innerstes Berfaffungsleben auflehnt, unschädlich zu machen, zu Pulver und Blei zu begnadigen, — Mose aber nicht daffelbe Recht ausüben dürfen gegen eine Sklavenschaar, die gegen ihr Gesetz, ihren Gott, ihren Glauben, gegen das innerste Verfasiungsgesetz ihres Volkslebens rebellirt und revoltirt? Nein, lieber Politikus! Moses ließ nicht nach dem Rückfalle Israels in den aegyptischen Kälber- und ApiS-Dienst 3000 Mann (richtiger: „ungefähr 3000") an einem Tage erwürgen „aus blutiger Herrschsucht de» Hohenpriesterthums," sondern weil mit diesem Rückfalle seine ganze Volkserziehung in Frage gestellt, seine ganze StaatSidee erschüttert, sein Verfassungsgesetz lebensunfähig gemacht, seine ganze Religionslehre über den Haufen gestürzt war. WaS hat dieser Act der äußersten Nothwehr Mosts, bei dem ihm das Herz blutete'), was hat er mit all' den blusigen Glaubenskriegen der Christen und Muhamedaner, was mit dm Scheiterhaufen und Jnquisitionsmartern der katholischen Kirche, was mit einer Pariser Bluthochzeil oder den Ketzergerichten j *)<frrtu« 1«, 17—26; 32, 31 ff.; Numeri 11, 11 ff., 24 - 30; l 12, 3. — *) Deuteron. 4, 6 ff.; Numeri 16,15.— •) ffrobua 16,17 ff.; , Deuteron. 10, 12; 13, 5; 18, 13 a. o. 0. - •) (frobu* 32, 11-13; I 25, 30 — 32.

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