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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 36. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 36.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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289 chrr entweder daS Ende de» einen, oder den Anfang eine» andern Satze» bildete. Einer der beidm Reisegefährten hatte sein Gebet eben bemdigt, wickelte seine T'fillin Kunstgerecht zusammen und steckte sie, nachdem er jede» Päckchen geküßt, in den hierzu bereit gehaltenen Beutel. Sein Gefährte hatte jedoch diese» Ziel noch nicht erreicht, er murmelte weiter; und jählings, so daß sein Gefährte leicht zusammenschrak, brach da» Uwo L’zijon zwischen seinen Lippen hervor, um sogleich wieder im Piano zu verschwinden. Dem Gefährten mochte, nachdem er sich noch durch den täglichen MiSmor für heute von unserm Herrgott verabschiedet hatte, die Zeit etwa» lange währen, denn er rief erst leise, dann etwas lauter: „Bärchel Bärche." Zeder dieser Rufe wurde mit einem unwilligen „Ai," und zwar bei jedem Rufe in anfsteigender Potenz, beantwortet. Mit besonderer Schadenfreude setzte jedoch der Mann sein Rufen fort: „Bärche" „Ai!" „Bärche!" — „Ai. Ail!" „Bärchel" „Aiatai 11!" Mit diesem letzten bi» zur Fistel gesteigerten Ausrufe, riß aber die Geduld de» Betenden, und mit „Ratsch!", daß die Lerchen au» den Kornfeldern erschreckt aufflogen, schnurrten auch die T'fillin von der Hand de» Betenden. „Bei Jovi»!" rief der al» Bärche gerufene, „bei Jovi», Moscheh, kannst du einen Menschen denn nicht oren lassen, ohne ihn zu unterbrechen?" „Ach wo»! kommst du schon wieder mit deinem Machschovis, das du immer im Munde herumwälzest," sprach Moscheh unwirsch. „Gott! was ein Mensch," sagte Bärche; wenn einer doch gar nichts von der Matologie versteht. Ich sage ja Jovis, und Jovis, weißt du, ist ein LieblingSgott der Grieche» und aller neueren Dichter, und weil ich als Possenmacher doch auch Dichter bin, muß ich wie ein Dichter reden." „Meinetwegen," entgegnete Moscheh, „aber bei deinem Dichten, beim Lchooffüß, oder wie der Gott heißt, sollst du wenigstens nicht fluchen, so lange du die T'fillin in der Hand hast." „Ach was, Fluchen," erwiederte Bärche, „davon, Moscheh, verstehst du nicht»; denn dir geht die griechische Bildung ab, und du wirst es in Amerika weit bringen, wenn du nicht noch etwas mehr Schliff von mir annimmst, wie deine Frau, die Gudel, schon längere Zeit gethan und deshalb auch eine höchst gebildete Frau geworden ist, die du, Chamor"), gar nicht verdienst. Zch habe gestern Abend erst wieder ein Sonett auf sie gemacht, oder eine Gase!', wie sie es in der Dichterwelt heißen. Willst du es hören, Moscheh?" „Was weiß ich von deinem dummen Zeug," sagte Moscheh, „wenn du mit Gahsenfellchenj-) gehandelt hättest, statt mit Gaselen, hättest du es wester gebracht." „Mit dir kann ich nicht streiten, denn du bist ein Naturmensch; aber ich «erde dir trotzdem erklären, was eine Gasele ist- Z- L. in Muffaph von den Festtagen da findest du Pijutim, die endigen immer auf ein Wort und das heißt man Gaselm. Und eine solche Gasele habe ich auf deine Gudel gemacht; hör' nur!" Und Bärche declamirte: „>ch Gudel I Ach I wenn liebst du mir? „Ach wie so schwer betrübst du mir „Altar ich dich, vergilbst du mir „Ach Gudel ach! wenn liebst du mir? „Und geh ich nicht, so schiebst du mir." den, der a» ernsten und tiestragischen Verwickelungen reichen Erzählung, drsoudertu dru eiuleitruden Eapitrl», eine humoristisch« Färbung zu >> verleihen gesucht hat. (Red.) »1 «frf. — f) Gohsen, «eitzen. Ziegen. — ft) «üddeutsche» . Gebäck, «tt Hefe (Bärme) bereitet. „Moscheh! Moscheh!" ertönte es plötzlich auS dem Innern de» Planwagm», „Moscheh, was für Wetter ist draußen? Und zugleich hob sich die Leinwand de» Wagen»,, und ein wohlgenährte», verschlafene« Frauengestcht mit einer einst weiß gej wesenen Nachthaube kam zum Borschein. „Ach Gott," jubelte Bärche, „meine Gcisele hat die edle i Gudel au» dem Schlafe geweckt und sie bringt mir, wie eine I Heb«, dm Morgmgruß." Moscheh unterbrach Bärche barsch: „die Hnoekrepolichzeit-sj-) ist vorbei und wir werden vor Amerika keine mehr kriegen, denn" — Aher Gudel fiel ihm in die Rede: „Sei still Moscheh, da» hat Bärche ja gar nicht gesagt, ir nennt mich ja blo» eine Hebe, wie die Griechen ihre Weiber genannt haben. Nicht wahr, Bärche! du hast mich Hebe geheißen? Wa» Hebe ist, weiß ich eigentlich noch nicht Bärche, darum sage mir e», und bann klettert auf den Wagen und ißt Qhw8." „Hebe?" sagte Bärche, „Hebe? — meint Ihr, Gudel, Hebe ist .. . kommt von „heben" her, und alle die griechischen Göttinnen, die so schwer waren, wie Ihr seid, göttliche Gudel, d. h. woran man so schwer zu hebm hatte, die nannte man Hebe." Jetzt hielt der Wagen, und Bärche und Moscheh stiegm hinein um zu frühstücken. Lassen wir unser Trio frühstücken und u rsere Leser etwas näher bekannt mir ihnen werden. Moscheh Hir-schheid und seine Frau Gudel waren zwei brav« ordentliche Menschen, die ebm wie andere Menschen aussahen und als fromme Juden lebten und nur auf vieles Drängen eines in New-Aork wohnenden Bruder» sich zur Auswanderung ml schlossen hattm. Moscheh und Gudel hatten im altm Vaterlande immer ihr Auskommen gehabt und warm dabei auch b« de wohlgenährt. Nur hatte Gudel einen Fehler, der ihrm Ma in schon oft zur Berzweiflung gebracht: sie war wiffenSdurstig und wollte sich die neuere Bildung aneignm. Moscheh sagte zwar beständig zu ihr: „Gudel! Gudel! deine Eltern würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, wie unmodisch du wirst!" Aber Gudel wußte sich trotz dieser Abmahnungm, and des Zornes ihres Gattm Bücher zu verschaffen und sie zu lesen, da ihr bei ihrer kinderlosen Ehe genug Zett übrig blieb. Da aber in Baiem in dem kleinen HeimathSorte nur Bücher veralteter Sorte aufzutreibrn waren, so kann man sich denkm, welcher Art die Begriffe unserer Gudel von Bildung and Wissen sein mochtm. Sie träumte nur von alten Rittern und Knappm, von Fräulein, die von Rittem heimgeholt, von Tournieren um Jüdinnm gekämpft, und erwartete noch einmal ein ritterliche» Abmtmer zu bestehen, und Berse auf sich gemacht zu sehen. Und bei alledem wog die gute Gudel 1200 Pfund und war 37 Jahre alt. (F«rt e»«,g folgt.) L»riosu«. Aus Stuttgart berichtet der „Beobachter", daß dort den Soldaten ein von mehreren Geistlichm oeffaßtes „Gebetbüchlein für Soldaten wangelischm Glaubens" eingehänbigt wird, in welchem sich folgmde» „Gebet eine» Reiter»", findet: .Herr Gott, ich danke dir, daß du diese edle Kreatur geschaffen hast, die mir so nützlich und werth ist, und die mir dimt, wie ein Glied an meinem Leibe. Las mich darum mein Roß um deinetwillen in Ehren haltm, seiner trmlich wartm, keinm Unwillen an ihn auslaffm und stet» bedenkm, daß auch diese Kreatur, so un« unterworfen ist, harret der Offenbarung der Kinder Gotte«, zu der Du mir verhelfen wollest. Amen." (Der Vers, scheint ein „ftommer Darwmianer" zu sein.)

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