Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 36.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vermischte und neueste Nachrichten. Are»e«. Das I. Heft d. I. deS hier von Lüben herausgexebenen „Praktischen Schulmann," enthält einen Artikel „Gehet hin und thut desgleichen!" von einem Missionär Becker, in welchem ganz besonders das Verdienst der Judenbekehrungen gepriesen und das LoSreißen der Kinder von den Eltern mit dem großen Gefolge von Kummer, Schmerz und Elend als eine christliche Liebesthat anempfoylen wird. Es wird darin gezeigt, wie schon die Linder ihre Mitschüler bekehren könnten, und als Beispiel wird eine Unterredung, wie man vom Alltäglichen auf das Gebiet der Religion gelangen könne, zun» Besten gegeben. Arosrritz. Man schreibt dem „Jb. An." aus Prosnitz (Mähren): Bor 2 Wochen ging rin hiesiger Jude nach dein nahe liegenden Dorfe Kralitz. Unterwegs begegnete ihm «in Bauer, der zu ihm sagte: Wirst du vor diesem Kreuze ni«derknieen, so bleibst du am Leben, sonst mußt du gleich sterben. Als der Jude sich, dem Verlangen nachzukommen, weigerte, so schlug der Bauer ihn mörderlich. Auf die Hilferufe des Mißhandelten sind mehrere beherzte Bauern herzugekommen. Diese nahmen den Bauern gefangen, um ihn dem Strafgericht zu übergeben. Kascha». Der unlängst hier gewählte Stadthauptmann ist der Ansicht, daß auch „Koscher gleich" ehrlich zugewogen werden müsse. Er pflegt desbalb den auS der Fleischbank heimkehrenden Dienstmädchen das Fleisch abzunehmen und nachzuwiegen. Seine Untersuchungen ergaben nun, daß der Fleischhauer der Schomnhadath-Bank den Jrrthum begehe, anstatt eines Pfundes bloß 26 — 28 Loth zu geben. Der Herr Stadthauptmann bestrafte dies durch eine empfindliche Geldstrafe. Der Herr Vorstand der Schomer-hadath, der nebenbei auch Magistratsrath st, hörte dies, eilte aufs Stadthaus und erklärte, daß jenes rufseine Anordnung geschehe. „So?", sprach der Stadthauptmann, „dann wollen sie gefälligst auch 10 fl. Strafe zahlen,, denn wie ich glaube schreibt Ihnen Ihre Relgion auch vor, saß Sie ehrliches Gewicht haben." ' Amsterdam, 13. Aug. Heute Morgen ist durch den Tod ein Mann entrissen worden, der eine Zierde^unserer Gemeinde war. Der wohlbekannte und durch seine Wohlthätigkeit iveithin berühmte Herr I. S. Cohen Lob ist im Alter von 70 Jahren gestorbeu. E« war über 10 Jahre Borfitzender des Bechamidrasch Ez chajim und ein warmer Beschützer unserer Glaubensgenossen im hl. Lande und Mitglied deS Collegiums der Pekidim und Amarkalim -rexm Autarkst. Ein frisches Opfer für Schmähungen und Angriffe! Die Direktion des Tabakmonopols bildet die Scheibe ter Schießübungen des „Romanul" und seiner Eonsorten. Auf einmal besinnen -sich die Herren, daß Deutsche, Jude» rnd Ungarn die Pächter des Monopols sind, und da'es in ijren Augen ein unverantwortliches Verbrechen ist, Deusscher, Jude oder Ungarzu sein, so werden sie mit zwerchfellerschütternder Logik angegriffen. Die Herren vergessen, daß diese Deutschen, Ungarn und Juden drei Millionen mehr gSoten haben, als tie nationale, pur sanx rumänische Looiätä üoaueiöre. (N. f. P.) Jerusatem, Ende Juli. Auch unsere heilige Stadt teilt immer mehr in den Weltverkehr ein; sie will sogar bei ter nächsten großen Weltausstellung in Wien würdig vertreten! sdn. Die türkischen Paschas haben nämlich von Konstanttnopel! die Weisung empfangen: aus ihren respeetioen Verwaltungs-! bezirken alles das zu sammeln und einzusenden, was geeignet j wäre, auf der Ausstellung in Wien der Türkei den ihr gebührenden Ztang zu sichern. Da nun aus dem heil. Lande nicht viel ' andere» Wichttge» zu schicken ist, so beschloß die ad hoc niedergesetzte Commission durch Einsendung eine» besonders ausgezeichneten Stückes, eines Modell» der sogenannten Omarj Moschee (Kubbet-es-sakhrah) in größerem (1 : SO) und der : ganzen Tempelar« a (Haram-esch-scherif) im kleineren Maßstabe die Blicke der Besuchenden sogleich auf die sonst unscheinbare I Sammlung des heil. Landes zu ziehen. Zwar verweigerte ' der Walt von DamaScuS, unter dem Palästina bisher stand, j die hiefür aufzuwendenden nicht unbedeutenden Kcsten — ein Franzose forderte für die beiden Modelle in Zinkblech 20,000 Frs. — allein es ist Aussicht vorhanden, dieselben noch besser und genauer, so daß die Wissenschaft (Architektur und Topographie) auch Nutzen daraus ziehen kann, durch Herrn Baurath Schick hergestellt zu sehen. Mittlerweile ist die Berwaltungsänderung vor sich gegangen, wodurch Jerusalem zum Sitze eine« General-Gouverneur», eine» Wali, erhoben worden, der die Paschalik» Jerusalem, Naplu» und Akko, unter sich haben wird, während biK^dahin alle drei zur Provinz Syrien gehörten und von DamaScuS au» regiert wurden. Der neucreirte Wali, jSureioscha Pascha, war schon früher während ungefähr fünf Jahren Pascha von Jerusalem zur Zeit de» französisch-russischen Streites über die heil. Stätten, welcher die Veranlassung zum Krimkriege gab. Freilich wissen wir nicht, ob diese von dem gefallenen Kroßvezir Mahmud Pascha beliebte Zerschlagung der großen Provinzen von seinem Nachfolger Midhar Pascha nicht zurückgenommen, und der alte, schon Jahrtausende dauernde 8tatus qua, wonach Palästina bald zerstückelt, bald, wie unter der mohamedanischeu Herrschaft, einen Annex von Syrien bildet, wieder hergestellt wird. Die Wiedererscheinung einer selbständige» Provinz Palästina würde jedenfalls Epoche in der Geschichte machen. lAllg. Ztg.) Feuilleton. Unsichtbare Fesseln. *) Original-Novelle aus dem jüdisch - amerikanischen Leben von I. N. Achtenderg in Ncw-York. Krstes Kapitek. „Manchmal kommt mir in den Sinn „Nach Amerika >u segeln, „Nach dem großen FceiheitSstall, „Der bewohnt von GleichheitSflegeln. Heine. An einem schönen Maimorgen des Jahres 1845 fuhr ein großer, sogenannter Planwagen auf der Landstraße zwischen Münden und Hameln dahin, um Bremerhafen zu erreichen, da eben ein Auswandererschiff für New-Uork segelferttg gemacht wurde. In der sehr früben Morgenstunde war die ■ Straße noch ganz öd«, nur zwei Männer schritten rüstig hin-! ter oder neben dem Wagen her. Beide hatten ihre T'fillin um Kopf und Hand gewickelt und summten ihr Morgengedet, sich manchmal durch einen lauten Ausruf unterbrechend, wel- *) Das Manuskript dieser Novelle ist uns mit Bewilligung des Hrn. Verfassers von dessen Bruder, Herrn H. N. Lichtenberg in Braunschweig, zum Abdruck übergeben worden. Noch während der Verhandlung hat die in ikineinnati erscheinend« „Deborah" ebenfalls mit dem Abdruck begonnen. Wir benutz« jedoch nicht nur lediglich das Manuskript, sondern ein« Vergleichung beider Texte würde auch zeig«, daß der unsrige für das «ropäische Lesepubikum vielfach umgearbritet ist. Dm Inhalt betreffend, erlaub« wir nnS anzudmtm, daß der Herr Berfaffer, nach vorbtldem, welch« Literaturknndige unschwer errath« wer-