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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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278 der Julien eine» anderen Grund haben? Sollt« e» wahr sei», was di« ©lasen so oft behaupten, daß der Deutsch« eben eine alte, eir gewurzelte Abneigung gegen die Juden Hab« und daß sie darum von deutschen Gegenden seien ferngehalten worden? *) Selbst wenn sich dies bestätigte, so merkt man heute von jener Gehässigkeit in dentschen Preisen wenig. Dem Reuen und Ungewc hnten pflegt man doch mit Vorurtheil und Mißtrauen zu begignen und die Juden im Kuhländchen sind meist vor Kurzem eingewandert, manchen Ortschaften eine neue Erscheinung. Und doch kann man nicht behaupten, daß sie hier mehr dem Bururtheil und der Anfeindung der Bevölkerung zu begegnen hätten, als in anderen Orten. Vielmehr finden sie Anerkennung und Würdigung, wenn sie diese verdienen; manche Ortscheft hat den einzigen Juden, der in ihr wohnt, in ihren Gemeir derath ausgenommen, mancher Verein jener Gegend zählt Juden zu seinen Mitglledern und Ehrenmitgliedern, überhäuf wird Ehre und Achtung keinem darum allein entzogen, well er ein Jude ist, was gewiß schon hochanzuschlagm ist. -?>er Wohlstand ist im Allgemeinen unter den dortigen Juden verbretteter als anderSwo, drückend« Armuth unter ihnen seltener, wie dies ja natürlich ist. Denn nur derjenige, der bereits etwas besitzt und mehr erwerben will, also der bereits bemittt lte Unternehmungslustige geht in diese von Juden noch verhäluißmäßig wenig besetzte Gegend, der völlig Mittellose bleibt fern.?besonders Reutitschein, dir Hauptstadt dieses Kreise-, erfreut sich eines lebhaften Zuzuges von Juden und die Zahl der bereitansässigen jüdischen Famllien ist im Laufe weniger Jahre zu stattlicher Höh« gestiegen. Doch ihnen allen — und dies ist «in trauriges Zeichen von de« erlöschenden Frurr jüdischer Gesinnung in Mähre», von dem leider noch viele Merkmale anzuführen wären — fehlt der Geist der Zusammengehörigkeit, der gemeindenbildend« Trieb. Wie die raumdurchdringende Kraft der Schwere in ungemeffenen Fernen den zusammenhangslosen, auseinanderstrebenden Urstoff ballt, um neugeschaffene Mittelpunkte, um junge Sonnen ihn kreisen läßt, so zeugt es von der gesunden Macht des Einheitsgedankens n einem Gemeinwesen, wenn er die Einzelnen so durchdring-, daß sie überall zu neuen Vereinigungen sich aneinanderschließen. Daß die zusammenschmelzende Gluth des Zusammengehörigkeitsgefühls unter den Juden Mährens im Erkalten begriffen ist, davon zeugt auch — sonderbar genug — ihre Vereinigung, wenn sie eine solche neu begründen, so z. B. in Reutitschein. Man glaubt genug gethan zu haben, wenn man bei den ersten Ansätzen einer Gemeind« stehen bleibt, eine Stätte gemeinsamer Andacht herstellt und noch etwa einen Lorsieher wählt. Dann aber ist auch alles geschehen, ja man strebt nicht einmal weiter. Für die Ermöglichung eines allgemenen jüdischen Unterrichts für die Jugend, was doch das Wichngste wäre, wird gar nicht gesorgt, die Sorge dafür wird dem Einzelnen überlaffen, der entweder zu gleichgültig oder außer Stande ist, damit Ernst zu machen. Und doch ist eine jüdische Schnle eine Grundbedingung, eine Gewähr für den Fortbestand einer wahrhaft jüdischen Gemeind«, der triebkräfttgst, Ansatz zu gedeihlicher Entwickelung derselben. Und es wän gar nicht schwer, einen jüdischen Lehrer für die Gemeind« ') Daß die Juden in der Borzeit au» deutschen 8Ludern verdrLngt worden find und in slavischeu Aufnahme und Berdreitung gründen haben, ist klare lhatsach«. (Red.) anzustellen, die Mittel ließen sich beschaffen. An der stäbtischen Bürgerschule Reutitscheinsind zahlreiche jüdische Schüler au» der Umgegend, die da» ganze Jahr hindurch keinen Religionsunterricht haben undZ.alle jüdischen Wiffen» baar großwachsen müssen. Rur einmal im Jahre wird ein Rabbiner aus der Umgegend berufen, den Kindern au» Religion „Klassen zu geben," der dann nicht» BeffereS zu thun weiß, als Jahr für Jahr ein nettes Sümmchen hierfür einzustreichen, ohne auf gründlich« Befferung diese» MißstandeS hinzuarbeiten. Und wenn selbst die Mittel der OrtSgemeind« zur Herstellung einer jüdischen Schule nicht ausreichen sollten, dann giebt e» in Mähren einen reichen Landesmaffenfonds, dem di« Unterstützung derartiger Unternehmungen ja von Amts wegen obliegt. Wenn durch den Mangel an jüdischem Unterricht dem Judenthum die Jugmd entzogen wird, in Unwiffenhell und Unkenntniß aller Lehren und Bräuche großgezogen, der Gleichgülligkeit für alles jüdisch« Jntereffe anheimfällt, so wird auch dem Erwachsenen durch die nicht genügend« Durchführung echtjüdischer Gemeindeeinrichtungm strenge-, wahrhaftes Leben im Judenthume unmöglich gemacht. Meilenweit im Umkreise giebt eS keinen Rabbiner, an dm vorkommendm Fall» eine Anftage gerichtet werden könnte, man entwöhnt sich des Fragms und so bildet sich selbst in frommen Familim eine HauSführung aus, von der eS mit der Zeit sehr ftaglich wird, ob sie „jüdisch" ymannt werden kann. ES giebt ein« ganze Reihe jüdischer Tugenden, die ihre wahrhafte Hebung nur i n einer Gemeinde und an einer Gemeind«, wenn diese in der Nähe ist, erfahrm könnm, sonst aber leicht in Bergeffmheit gerathm. Die Schöpfung eines Gemeindemittelpunkts in einer Gegend, wo Judm zerstreut leben, ist eine sehr ernste und dringliche Forderung. Wa» in dieser Beziehung hier an dem natürlichen Mitttelpunkte des lieblichen Kuhländchmausgezeigt wurde, ist in Mährm keine vereinzelte Erscheinung, es giebt noch wichtigrrc, bedrohtere Gegendm, in dmm di« Abstellung solcher Uebelstände auf- Dringmdste geboten ist. Arün«, 16 August. Die „R. ft. Pr." bringt von hier eine Mahnung, die jüd. Schulvorstände betreffend, die auch sonst beherzigenswerth erscheint, sie schreibt: Während politische» Verständniß und richtige Beurtheilung der staatlichen Berhältniffe Gemeingut aller mährischen Judrngemeinden geworden sind, machen dieselben in den Angelegenheiten der Schule von ihrer Automie nicht denjenigen Gebrauch, der im Jntereffe einer vernünftigen BoUserziehung zu wünschen wäre. Insbesondere gielt dies von der Zusammensetzung des OrtSschulrathes. Zn fast allen jüdischen Landgemeinden finden wir dirsm au» Gemeindemitgliedern zusammengesetzt, welche durch Reichchum einen gewiffm Einfluß besitzen, dem man, wie es scheint, sich nicht zu entziehen vermag. Man will den reichen Lmte« deS OrteS eine Ehre zu Theil werden kaffen, indem man sie zu Ortsschulräthen macht, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob sie auch die Fähigkeit besitzen, diese» Ehrenamt zum Vortheile der Schule zu verwalten, und vergißt, daß dadurch die heiligsten Pflichten verletzt werden, welche die Gemeinde sich selbst, dem Staate und vorzüglich der Heranwachsenden Jugend gegenüber zu erfüllen hat. Hier darf des bezeichnende Sprichwort der Juden: „Dem Reichthum Ehre!" nicht zur Anwendung gebracht werden. Der jüdische Vater darbt um für sein Kiud herbeizuschaffen, daß es einen Unterricht genieße, wie ihn die vielfordernd« Zeit erheischt. Aber er wird den Erfolg seiner j Plage in demselben Augenblicke preisgeben, wo er au» wa»

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