Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 30.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
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239 breitet habe, fe scheint «ü und Pflicht, einige Sätze au« der Adresse abzudrucke«. „Nach dem Dahinscheiden ' Ihre- AmtSvorgänger» des allverehrten Rabbineri Spiro, al» Repräsentanten der alten Zeit, waren 8 Jahre darüber vergangen, ehe di« hiesige Gemeinde in einer Neuwahl sich zu vereinigen vermochte. Tiefe, talmudische Kemitniß neben gediegener, wissenschaftlicher Durchbildung und strenger Wahrung der Traditionen Israel» waren nämlich al» Hauptrrfordernifse für die Wiederbesetzung de» erledigten Rabbinat» ausgestellt. Diese höchst schwierige Aufgabe ist endlich durch die Wahl Ihrer Person für un» so glücklich gelöst worden. Denn Sie vereinigen in sich nicht nur jene hohen Eigenschaften, sondern Sie haben es auch verstanden durch Ihr leuchtende» Vorbild strenger Sittlichkeit und wahrhafter Mild« den Boden Ihre- Wirkungskreise» so z« ebenen, daß auf demselben keinerlei Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen aufkommen konnten." Die Gemeinde Z. ist. al» Gesammtheit, nicht nur eine streng orthodoxe, sondern e» giebt dort auch noch, wie nur in irgend einer preußischen, eine Anzahl gediegener Talmudisten alten Schlage» (um e» kurz zu bezeichnen) und die ganze Führung derselben ist derartig, daß ein Zeugnlß, wie da» in vorstehender Adresse nach mehrjähriger Dienstzeit ausgesprochene, unbedingt Glauben verdient und^ bodenlose Anklagen, wenn e» überhaupt nöthig wäre, entkräftet. Au» Hterßefle», 1b. Juli. (Or. Corr.) Vor etwa 4 Zähren zog ein jüdischer Handwerksbursche, «in Klempner— angeblich au» Schweden, in Wirklichkeit aber au» Polen — durch sein> talmudische» Wissen (?) die Aufmerksamkeit der' vereinigten Gemeinden Wohnbach und Obbernhofen in der Wetterar auf sich. Genannte Gemeinde suchte einen Lehrer, unb er fand sich in diesem Klempner — Herrn Leo, wie er sich nannte — statt Blech wurde jetzt die hoffnungsvolle Schuljugend von ihm geklopft. Der junge Pädagog und Cantor bekam Anfang» neben ganz freier Station (sog. Wandertisch) 60 fl. baare» Geld und stand sich zuletzt auf 120 fl. Gehalt. Seine Gemeinde hielt ihn für ungeheuer gelehrt, umsomehr al» er einen deutschen Satz weder richtig schreiben noch sprechen konnte. Natürlich war man sehr glücklich einen solchen Mann „sein" nennen zu können und j:der au» der Gemeinde, hätte ihn gerne zu seinem Schwiegersöhne gemarbt. Gesten» höre ich, daß er plötzlich verschwunden, und bereit» steckbrieflich verfolgt ist. Leo hat nämlich seinen Kostgeber — Vorsteher — bestohlen. Der Beschädigte kam dazu, al» er da» Pult erbrach, nahm ihm da« Geld wieder ab und entfernte ihn. Leo lief von dem Bestohlenen zum Bürgerrneister de» Orte» und ließ sich ein Zeugniß au«< stellen, daß er vier Jahre daselbst al» Lehrer gewirkt und sich sehr gut betragen rc. rc. habe. — Von da machte er noch einige „Schnorrpatrouillen" in der Umgegend und ist — verschwunden. Bis die OrtSpolizei sich von ihrem Schrecken und Erstaune» erholt, war er längst über alle Berge. Da» Schönste dabei ist noch, daß viele seiner Anhänger und Freunde (er heuchelte nämlich eine lächerliche Frömmigkeit) solchen Tatsachen gegcnüber, seine Schuld noch bezweifeln. Solche Dinge werfen «in eigenthümliche» Licht auf den Eulturzustand der kleineren Gemeinden Cüddeutschland», über deren noch sehr ursprüngliche Verhältnisse ich Ihnen von Zeit zu Zeft Bericht ristalten möchte. (Dir bitten darum.^ R.) , f Oesterreich. - r — f—n«s Mähre», 11. Juli. (Or.-Cor.) Was im letzten Berichte au» Mähren nur gerücht-und vermuthung»- weise in Aussicht gestellt wurde, ist in einer all« Erwa.luug übertreffenden Art wirklich geworden. Lundenburg thut eS seinen rabbinerlosen Schwrstergemeinden getreulich nach und will nach dem jünst erfolgten Tode de» Rabbiner» vr. Müller seine Stelle unbesetzt lasten. Einen Rabbiner möchte man aber doch gern, wenigsten» dem Namlm nach haben, und so greift man zu dem nicht mehr ungewöhnlichen Mittel, eine Lehrerstell« auSzuschreibeu, mit der zugleich da» Anit de» Rabbinat»- oerweserS verbunden ist. Der Soncur», in dem die» geschieht, wäre werth, vollinhaltlich abgedruckt zu werden, um daran so recht da» Unwesen zu kennzeichnen, besten weite Verbreitung gerade in-Mähren an dieser Stelle bereit» bezeichnet wurde. Ein Lehrer wird gesucht, der zugleich Rabbiner sein soll l Erinnert da» Ganze nicht an da» Verfahren jene» Manne», der einen Hahn zu kaufen suchte, bei dem ihm unentgeltlich eine Milchkuh obendrein geliefert würde? Und damit der Vergleich bi» 'auf den verhältnißmäßigen — natürlich — Preis stimme, wird „hstfür inSgesammt ein ZahreSgehalt von 800 fl. nebst üblichen Emolumenten bestimm»." (Siehe „Inserate"!) j ES hätte allerdings, um den äußeren Anstand zu wahren, auch heißen können, man suche einen Rabbiner, der auch da» Lehperamt zu versehen hat und „hiefür inSgesammt ein Iahre»- geholt von 800 fl." Aber dann »vähre ja dieser Eoneur» nicht so bezeichnend, dann »väre er ja nicht der niedrigste Ausdruck — um nicht zu jagen, höchste — de» in Mähren herrscheisden Geiste» in Bezug auf da« Rabbinerthum. Der Lbalbiner soll ein Lehrer, sein, der — »der unter dem — da» Rabbinat verwest, da» ist die Signatur dieser Richtung. Und «» läßt sich nicht leugnen, sie ist tief und großartt'g dies« Austastung vom Wesen de» Rabbinatö, wenn sie nicht niedrig und. „billig" wäre. ES könnte jemand von der Vergleichung überrascht werden, wie Katholiken und Protestanten unserer Tage die Schule voi» dem Einflüsse und der Berührung der Geistlichkeit fernzuhalten suchen und wie anderseits die Juden ihre «Rabbiner in dieselbe gerade hineinzwängen wollen. Man könnte darau» — und zum Theist »väre e» ja berechtigt — den Schkiß ziehen, wie sehr die Juden nicht allein von der Ungrfährlichkeit, sondern sogar von der Fördersamkeit ihre» Lehrinhaft» für die Echust überzeugt seien, daß sie ihr« Rabbiner mit aller Gewalt für dieselbe au-nützen wollen. Zn seinem- Ursprünge ist diese» Streben allerdings ein reine» und verräth eine richtige Einsicht in die wahre Aufgabe, den rrziehllchen Beruf des Rabbiner». ES gehen aber von lauterem Ursprünge gar viele Dinge in der Welt au», die eine gar bedeustnde Trübheit und Unreinheit in ihrem späteren Verlaufe aufweisen. Der Mann, der dazu berufen ist, wie der unliebsame Ausdruck sagt, Seelsorger der Gemeinde der Erwachsenen zu ein, ist durch seinen Beruf, seine klarerfaßte Aufgabe darauf jingewiesen, ein Geschlecht heranzuziehrn, für da» Bessere empfänglich, de«: Edleren zugeneigt. Darum soll die Leitung itr Schule, die Aufsicht nicht über den ReligionSuntericht allein, sondern über alle UnterrichtSzweige ihm zufallen, ihm an'» Herz gewachsen sein, den» der gesammte Unterricht erzieht I>a» Kind und übt einen gestaltenden Einfluß auf seine sittlich« und geistige Entwickelung. Aber nur eben Leitung, Aussicht nicht Ueberbürdigung mit Unterricht sollen dem {Rabbiner zugemuthet und abgrfordert werden. Wenn man vom Rab> I >iner »erlangt, er solle Unterricht in Gegenständm ertheilen,