Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 29.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935667--1281-5370898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
231 t „Aber nicht alle sind unvom Haupt-Grenz-Eomit6 in Königsberg zugeschickt worden; wir haben vielmehr unsere Unterstützung auch denjenigen zugewendet, welche uns aus den hunderten von russich-polnischen Bettlern, die jahrein und jahraus Cöln passiren, besondere Fürsorge nothwendig und würdig schienen, und wir müssen bekennen, daß wir keine Ursache haben, daS Ueberschreiten deS anfänlich enger gestellten Zieles zu bereuen. Wir erfreuen uns in der Thal grade da der überras chendsten Resultate, wo wir unerwartet in die Zukunft derer ringriffen, die im jugendlichen Alter dem gemeinen und entsittlichenden Vagabondiren preisgegeben waren." Ueber die Erziehungsresultate wird gesagt, daß einzelne Knaben und Jünglinge durchaus verkommen waren, „hinwiederum können wir versichern, daß sich der größte Thril als gelehrig und geistig geweckt elprobt hat, uud daß namentlich ihr Fleiß und ihre religiöse Führung, dir wir streng controliren, nichts zu wünschen übrig laffen. Roch mehr, eS sind einige sogar so exemplarisch wacker und übertreffen in so hohem Grade die in sie gesetzten Erwartungen, daß wir durch sie selbst von christlichen Meistern mit Anerbietungen zur Ueberweisung ähnlicher Lehrlinge angegangen worden sind." Die Einahmen betrugen, incl. lOO THlr. vom Königsberger und 284 Thlr. vom Pariser Haupt-Comitö 2307 Thlr., die Ausgaben 2623 Thlr. Gegen IM neue Mitglieder. aus Rheinland und Westphalen werden namhaft gemacht. DieThätigkeü des Eomitö« ist eine höchst anerkennens- und nachahmenswerthr. dl. Kanelnrß, 5. Juli. (Or. Eorr.) Gelegentlich der Hochzeit des Rabbiner vr. Horovicz aus Lauenburg in Pommern mit der Tochter des sel. Oberrabbiners zu Altona verweilte Her Rabbiner Or. Hildesheimer aus Berlin und benutzte seine Anwesenheit vorwiegend im Zntereff« des von ihm projectirteu Rabbiner- und Lehrer-Seminars; zu gleicher Zeit wurde eine als Manuskript gedruckte Denkschrift von ihm zu verbreiten gesucht, worin derselbe sich über die für ihn bei jenem beabsichtigten Institut leitenden Grnndsätze ausspricht. Der erwähnte vr. Horovicz hielt am Sabbath nbv eine Predigt in der Synagoge zu Altona. Es fiel demselben nicht schwer, gleich in der Einleitung die Gemüther zu ergreifen, indem er darauf hinwies, daß gleich wie Kaleb, um vor der ganzen Gemeinde Israels aufzutreten, seinen Muth erst auf dem Grabe der Stammväter gestärkt, so auch er den Geist deS Mannes herbeirufe, der ihm leider im Grabe erst Bater geworden. Am Schluffe verglich Redner die verschiedenen Richtungen innerhalb der Religion mit den Schaufäden, die wie letztere auS dem Gewände der Religion heraustreten, wie dieselben aber auch bei Schwa in der Hand vereinigt würden, so würde auch Gott einst ganz Israel ungetheilt vereinigen und rufen: Und wo ist wie daS Volk Israel ein einiges Volk auf Erden I*) Wie es heißt, werden in nächster Zeit sich noch andere Redner hören laffen, da die baldige Besetzung der Kanzel mit einem tüchtigen Mann« virlseittg gewünscht wird. — Als ein erfreuliche- Zeichen des Fortschrittes ist eS wohl zu bettachten, daß in einzelnen Orten auf dem flachen Lande, •) Stecht schön! Aber die Fäden der Zizis gehören zusammen, find ifleichberechtigt, mögen »Le vorhanden sein — gut, daß kein „vreslauer" ikandidat da» gesagt hat, da» wäre für gewisse Leute eia „gemähtes Kieschen." Lalm. Kerir. 6, d. sin Hinsicht auf nnd und Menach 27, >. (.in Hinsicht aus D'J'O'*!) spricht sich freilich auch s» „tolerant" au», understeren Ausspruch hat gar St. Simon „der Fromme" gethaa. Lebte der Mann heut, so würde» ihn dieselben gewissen Leute «inen „Vermittelungstheologe,." einen „Rationalliberalen" nennen, (»ted.s mit fast ausschließlich christlicher Bevölkerung, einzelne Israeliten an dtt innern Gemeinde-Verwaltung Theil nehmen, und die Schranken der konfessionellen Unterschiede nach und nach fallen. So hat sich denn auch vor etwa zwei Monattn dtt gewiß seltene Fall tteignet, daß in dem etwa 20M Einwohner zählenden Flecken Biffelhivede, Provinz Hannovtt, dtt Kaufmann Martin Alttandtt, ein jungtt Mann von 32 Jahren zum Bürgermeister erwählt und vom königlichen Amte auch sofort bestätigt wurde. Dtt Httr Alexandtt ist dtt einzige im Orte wohnende Jude, daher diese Wahl um so mehr als ein schönes Zeugniß dtt humanen Gesinnung dtt Einwohntt anzusehen ist — München. (Auch ein Fortschritt!) In Baiern bestand bis zum heuttgen Tage noch in neun (unttt 28) Gymnasien die llngeheuttlichkeit, daß dtt Geschichtsunterricht konfessionell getrennt war: protestantische Geistliche unterrichteten die protestantischen, katholische die katholischen Schüler in der Geschichte. Den jüdischen Schülttn war es freigestellt, an dem katholischen odtt protestantischen Geschichtsunterricht Theil zu nehmen; an ihren Religionsbekenntniffen, meinte man, wär ja nicht viel zu verdttben. Erst mit Ende des vorigen Monats erfolgte von Seiten des Cultusministeriums ein Rescript, in welchem die Kreisregittungen ausgefordert wurden, sich mit den Gymnasialrtttoraten in Beziehung zu setzen, um diejenigen Männtt in Vorschlag zu bringen, welche b-ffähigt seien, den Geschichtsunterricht zu übernehmen, dtt, wenn thunlich, von nun an nicht mehr konfessionell getrennt weroen solle. („Wenn thunlich!" — ist durch diese Clausel dtt Intolttanz nicht wiedtt ein Hintttthürchen offen gelaffen? Weßhalb soll in Baiern etwas unthunlich sein, was in allen anderen deutschen und außttdrutschen Ländttn unttt allen Umständen „thunlich" ist?) der Ztnhr, 4. Juli (Or. Eorr.) Am 1. d M. vttstarb nach kurzem Krankenlagtt dtt Israelit Jakob Leser in dem seltenen Alter von 103 Jahren, 2'/, Monaten. Geboren zu Prag, lebte tt seit seinem 43. Jahre in Hattingen, bis vor etwa 8 Tagen im Bollgenusse feiner körgerlichen und geistigen Fähigkeiten, dem Geschäfte als Handelsmann obliegend. Seine sttenge Reellität hatte ihm die Achtung und Liebe dtt gesammten Bürgerschaft erworben. Als vor 2 Jahren dtt Magistrat ihm anbot, fortan von allen Abgaben ihn zu befteien, lehnte tt dies entschieden ab, bemerkend, er verlange keinttlei Vttgünftigung, so lange tt zu arbeiten im Stand« sei. Hierzu muß bemerkt werden, daß dtt Verstorben« in dürftigen Vtthältniffen lebte. 6. ftratönirtt. Hr. Weißmann, ein Israelit und naturalisirttt Franzose, zu Bottuschan wohnhaft, richtet folgenden, vom „Journ. des Döbats" mitgetheilten Brief an seinen in Paris wohnenden Bruder. Er bespricht die neue Eposode dtt Verfolgungen, gegen welche die Garanttemächte schon so oft protestirt haben: Am 30. Mai begab ich mich in meintt Eigenschaft als MitgliÄ» dtt „Alliance ifrdetitc" auf das Commiffariat zu Bottuschan, um Beschwttde zu führen in Betreff dtt ungesetzlichen Verfolgungen, welche ein Polizeichrf kürzlich gegen meine Glaubensgenoffen geübt. Da es erst 6 Uhr bcä Morgens war, als ich mich in Begleitung des Herrn ProcuratorS vorstellte, vttließ mich diestt, um in eintt Stunde wiedtt bei mir zu sein. Dtt Polizeichrf, ein gewiffer Konstantin Placa, welchtt schon wegen feiner Grausamkeit gegen die Israeliten bekannt