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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 28. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 28.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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- 228 s«lb« Grprägr: e« ist die bodenlose Unvernunft, der Herz- und mitleidlose Glauben-wahn, welche da» Banner der Berfolgung erheben. An sophistichen und schamlosm Vorwinden ist nirgend- Mangel. Wa« in Smyrna geschehen, ist Ihnen durch Ihren dortigen Berichterstatter mitgetbeilt worden. Wenn wir einer sonst zuverlässigen Quelle Glauben schenken dürfen, so wird da die Untersuchung gegen die Unruhestifter in einer Weise betrieben welche stark an das rumänische Justizverfahren erinnert. Der Grneralgouverneur Hamdi Pascha ist «in Schwachkopf, und ebenso wie die Untersuchungsrichter in den Hindin der Notabel» der dortigen griechischen Gemeinde Nur durch feste- Auftreten kann eine dauernde Beruhigung erzielt werden. Wain unserer nächsten Nähe geschehen, auf der durch ihren Wein und Marmor weit bekannten Marmor-Insel, . wirft ein Helle-Schlaglicht auf die sittliche Entartung, in welcher / die unterm griechischen Bolk-schichtm sich noch befinden. Ein / ältlicher Mann wird in der Ortschaft vermißt. Dessen Bruder / sucht ihn, vermag ihn aber nicht zu findm. Wie ein kauffeuer [ geht die Kunde durch da- Städtchen: jener Mann sei von dm Israeliten geraubt worden. Man stürzt in die Synagoge, und vemichtet dort allewanicht nagelfest ist, dringt in die Häuser der jüdischen Familien, die sich unter schwrrm Mißhandluagm in die Häuser der Türken flüchten, wo sie zum ' Theil und nur zeitweilig Schutz finden. Don einem Einschreikm der türkischen OrtSbehörden keine Spur. Da dieß sich, so zu sagen, angesichts Konstantinopels zutrug, so sandte die Pforte Errt ein Truppendetachement mit einem besondrrn Regierung» nniffär auf einem KriegSfahrzmg dahin ab, um die Ordnung zustellen und die Schuldigen zur weiteren Aburtheilung stach Konstantinopel zu schaffm. Der Regierungscommiffir ging mit Energie und Umsicht an seine Aufgabe. Zunächst ging man an die Hauptsache, nämlich um zu erforschen, was in Wahrheit aujenem Mann geworden, den die Griechm für geraubt, vermißt und von dm Iudm getödtet ausgabm. SS wurden Nachforschungm angestellt, und der niederträchtige Betrüger, welcher durch seine Person den Dorwakd 'zu den Unordnungen gegebm, fand sich einige Stunden von der Ortschaft entfernt in vollkommen gesundm Zustande. Er ward erkannt aldrrjmige, welchm die griechifcheGemrinde für vermißt gehallm hatte. Jener Unhold wolte eS jedoch der Sicherheitsbehörde nicht so leicht machen. Des näheren darüber befragt warum er sich von seiner heimatliche Ortschaft grade am Osterfest entfernt gehaltm, simulirte er Stummheit, und gab durch Gebärden zu verstehen, daß er etwaaufschreibrn wolle. Er sei bei eiiiiin Juden geivesen, der ihm ein berauschende» Getränk gegeben; im bewußtlosen Zustand habe man ihm mit einem Messer Einschnitte in di« Zunge geinacht, wahrscheinlich uin da» Blut zu nehmen. Wie er sich dann auden Ortschaftm entfernt habe, daS wisse er nicht mehr. Auf Grund dieser schrijtlichen Erklärung wurde ein Arzt gerufen, der nach Besichtigung der Zunge erklärte: es sei weder eine Verwundung noch sonst eine Beschädigung an derselben zu bemerken. Nachdem er dann unter Androhung körperlicher Züchtigung etwa» schärfer InS Verhör genoinmen worden war, löste sich seine Zunge, und wurde schließllch äußerst redselig. Au« den Untrrsuchung-acten geht hervor, daß dieser Mann bestimmt war die Rolle des Vermißten während des jüdischen Osterfestezu spielen, um so Deranlaffung und Vorwand abzugeben, die Juden au» der Ortschaft zu vertreiben, und sich derm beweg- . liche» und unbewegliche» Eigenthum anzuzeignen. Stach diesem Hergang steht zu hoffen, daß dt« türkischm Gerichtsbehörden mit der vom Gesetz vorgeschriebmen erforderlichm Strenge solchen unerhörten Ruchlosigkeiten mtgegentretrn werden. Auch in Zanina, in Albanien, hatte man zu derselben Zeit eine Judenverfolgung vom Stapel gelaffm; aber die griechischen. Anstifter und da» lose Gesindel wurden rasch zu Paarm ge trieben. Wir lange noch Menschm, welche sich Ehristen nennm den christlichm Namen mit Schmach bedecken werden, wiffen wir nicht; aber wenn au» Rücksichten der Humanität und der christlichen Liebe in dieser Richtung von den Großmächten etwa» geschehen soll, so muß eS bald und nachdrücklich geschehen. Die Stimmung gegen die Juden ist überall unter dem griechischen Bevölkrrung«element eine andauernd gereizte und bittere. Die türkffchen Behörden sind nicht immer und an allen Orten der Aufgabe gewachsen; auch sind die Rädelsführer nicht selten in den höheren Schichten zu suchen. Wenn man da» verhalte» der griechischen Gemeindevorsteher sowohl al« da« der höherm und niederen geistlichm Würdenträger den letzten Judenverfolgungen gegenüber etwas schärfer in« Auge faßt, so bleibt aldurchschlagende wirksame Maßnahnie da» AuSkunftSmittel: bei vorkommenden Ausbrüchen des religiösen Fanatismus die Notabel» und die geistlichen Führer der griechischen Gemeinden individuell und inSgesammt verantworrlich zu machen. Auf diese Weise würde ferneren Judenverfolgungen in der Türkei die Wurzel entzogen werden. Vermischte und neueste Nachrichten. Klettt«. Bon dem dieser Tage hier erfolgten Tode und dtr Beerdigung des Prof. Rob. Prutz haben alle Blätter k« richtel. Zn einer der hiesigen Zeitungen sind von dem Leichen gefolge nur zwei Personen namhaft gemacht: ,,der Stadtvirordnetennorsteher S. und der Rabbiner vr. Treuensets". Auch dieser Bericht ist i» mehrere Journale übergangen, und man wird in der Hervorhebung meiner Person eine Demonstration vrrmulhen. Ich erlaube mir, daher hier zu bemerken, daß eine solche weder von der christlichen und jüdischen Bevölkerung in meiner Betheiliguug gefunden, noch von mir im mindesten beabsichtigt war; der Zeitungsbericht aber hat sie demonstrativ hervorgehoben, er wollte betonen, daß kein christlickxr Geistlicher sich im Leichenzuge befunden hat. Eine ähnliche Bewandniß hat es mit der Namhaftmachung des attdern Her n. Aertin. Die „Köln. Zeit." läßt sich unterm 24. Juni von hier telegraphiren: Bon einer europäischen Coufermz wegen der rumänischen Judenverfolgungen, welche England vorgeschlagen hätte, ist in unterrichteten Kreisen nichts bekannt. Die englische Regierung war seit den letzten Jahren euroxäischen Conferenzen im Allgemeinen wenig günstig. Englund wünschte in Rumänien möglichst überrinstimmende Vorstellungen der Regierungen. Dazu wird es auch wohl kommen, zumal auch Oesterreich und Rußland keine principirlle Einwendunzen hatten und nur in der Form die Stellung der rumänischen Regierung möglichst schonen wollen; hierauf sind auch die anderrn Regierungen bedacht. Aresla». Die hiesigen Lehranstalten (zwei Gymnasien, zwei Realschulen, drei Borschulen, drei Mittelschule», zwet Töchterschulen) waren bei Beginn des laufenden Schulsemester» von zusammen 55t<4 Schülern besucht. Dieselben vercheile» sich auf die einzelnen Eonfesstonen wie folgt: Evangelische, 3721, Katholiken 594, Juden 1247, Diffidrnten 22.

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