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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 28. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 28.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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222 bcr zärtlichste Gatte, und Vater liebenswürdig in, Umgang«, Helfer und Racher allen Bedrängten, harmlos wie ein Kind» und wein harte Schicksalsschlägr, Todesfälle, ihn auch tief gebeugt hatten, so hatten sie ihn doch nicht verbitten, ja sie hättm ihn noch milder gemacht, wenn es möglich gewesen wäre. Eine Reihe von Zähren war er auch Vorsteher der israel. Gemeind«. Merkwürdiger Weise legte er überhäufter Arbeit wegen diese- Amt in einer Sitzung nieder und zwar trii einer sonst an ihm ungekanntm Erregtheit und Entschiedenheit — es war aufgrfallen, aber man ahnte nichts Böses; in derselben Nacht trt.f ihn ein Schlaganfall. Daß die Liebe und Achtung, die er in so reichem Maße genossen, fich bei der Beerdigung kund gaben, bedarf kaum der Erwähnung. Er ruh« in Frieden! Oesterreich. X. l). Aus Jbtfont, 24. Zuni. Schon seit geraumer Zeit Hab« ich Ihnen von unseren jüd. Zustiadeu keine Mittheilungen zukommen lassen, sollt« daher das Versäumte nachholen, ab« daran ist eben nichts Erquickliches. Soll ich Ihnen etwa berichten, wie die Gemeinde zu MiSkolz schon auf dem Sprunge sich zu vereinigen war, und wie diese Hiobspost den Männern der Trennung, die an der fetten Schüssel in Pest sitzen, in alle Glieder fuhr, und wie plötzlich der ehrenwerthe Präses Reich in MiSkolz erschien, Allarm schlug und jammernd auSrief: ,.Wie! daS, woran wir drei Jahr« gearbeitet, wollet ihr durch die Bereinigung zerstören?" Der Ausgleich ging so in di« Brüche, der listige Mann aus Pest kehrte mit Jubel zu den Trinen heim, die Gefahr, MiSkolz zu verlieren, war beschworen. DaS giebt Zeugniß für den eminent frommen Sinn dies« Leute; aber wozu sollte ich Ihnen das mittheilen, Sie stad roch nicht in der Lag« dem würdige» Mann irgend, eine AuSznchnung zuzuerkennen? Ein Genie ist er jedenfalls, denn übaall wo der Fried« angebahnt werden soll, erscheint er plötzlich, um neu« Gluthen des Haders der verlöschenden Flamme zuzuführen. Auch nach Kaschau, wo eine dritte Partei für den Frieden thälig war, brachte er diese Gluthen, und blies daS Feuer aus vollen Backen an» bis es wieder recht lustig brannte. Und brennen muß es, sonst verlieren ja di« Leute, welche eia so rentables Geschäft durch ihre vorgebliche Rechtgläubtgkett gemacht, daS liebe Brod. Da liegt d«S Pudels Kern, und von diesem Gesichtspunkte auS muß da- Treiben, welches von der Landeshauptstadt aus dirigirt wird, brurtheilt werden. Sie find gut bezahlt alle die Artikelschrriber i«r bunt« Blätter dieser Partei, daher brennen, trennen, Ctrett, Zank, Hader, alles, alles, nur kein« Eintracht, keine friedlich« Vereinigung. Jetzt herrscht Windstille, die Landtagswahlen absorbiren alle- Interesse, und die Juden sind dabei ein bedeutende» Factor, aber eS scheint im Allgemeinen in den Gemeinden die von des Tkinisters Gnadm erstandene auton. jüd. Confession immermher an Credit zu verlieren, man kommt allmälig zur Einsicht, daß gerade die größten Schreier, die auS allen Kräften in die Lärntrompete gestoßen, die« alles nur um deS lieben Ich willen in Scene gesetzt haben, und alö vorzüglich« ActeurS bedeutende Summen in ihr Säckel einstriechen. Die Blätter dieser Ultrr'S sehen mit vieler Betrübniß ihren Stern sinken, auS jeder Zeile läßt sich der Unmuth gegen die eigene Partei erkennen, bald weinen sie bitter« Thränen darüber, daß die Gemeinden nach dem orth. Landesstatut sich nicht organisirrn wollen, bcld drohen sie den „Gaoniem" mit einer Kriegserklärung, fifern sie nicht den sog. Statutsquo-Anhängern den Bann entgegenschleudern, wieder machen sie ihrem gepreßte« Herzen Lust gegen die Orthodoxen Deutschlands welche «in „koscheres Seminar" wünschen, kurz eS ist nicht mehr btf lebhafte Feuer und grobe Geschütz, welches sie früher auffuhren, es ist mehr daS Stöhnen nach erlittener Niederlage. -rma: nw p» Ob aber eine Vereinigung des ung. Israel zu erwarten sei, das läßt sich kaum behaupten. Di« Fortschrittspartei ist eben — ehrende Ausnahmen abgerechnet — zu indifferent, und stößt der ehrlichen Orthodoxie kein Vertrauen rin, rät Allgemeinen beschränkt sich der Fortschritt auf eine in unserer Zeit überall vorherrschende Leichtlebigkeit, vornehmes Zgnoriren der Religion, dieser Pseudofortschritt aber gewinnt niemals echt jüd. Herzen.' Die Orthodoxie will aus dem Mittelalter gar nicht herauskomme», das oreäo qina absurdum ist ihr leitender Grundsatz in der Religion,*) und wenn sie eS auch in der Praxis häufig sogar mit biblischen Geboten leicht nimmt, erkennt sie in der Theorie jeder Schrulle eines polnischen Rabbiners, sobald sie einmal in „einem Sefer geschrieben steht" höchste Autorität zu. DaS ist auch die Ursache der Erfolglosigkeit jeder Belehrung; wagt jemand ein Wort gegen die Kabbala zu sprechen, so ist er «in Gesetzesleugner, versucht er die natürliche Auslegung einer agadischen Talmudstelle, wird er zu den Ketzern geworfen, für bas Natürliche, Einfache, Vernunftgemäße, vom wissenschafttichen Geiste Eingegebene fehlt jedes Berstandniß, daS sog. „Pschetl" ist da» Alpha und Omega aller Gelehrsamkeit. Ein „Pschetl" überwirgt ia de» Augen dieser Leute die gesammten gelehrten Forschungen eines Rappapport, Zunz, und Frankel. Da ist es klar, daß st«H nichts anfangm läßt, der obskurste Winkelrabbiner ist ihnen ein bessererer Theolog«, .als alle jüd. Gelehrte« zusammen, und alle die gelehrten Werke, auch die ia hebr. Sprach« geschriebenen, sind für sie nicht vorhanden. Versuchen Cie einmal Einem unserer Orchodoxen Zehre Auseinandersetzung über die Halacha in Zor. Deah 253 und CH. Mischp. 34 im Sinne, wie Sie es im Leitartikel Nr. 25 d Bl. gelhau, zu erklären, er wird fein lächeln und sich denken und auch sprechen: im Ganzen ist nichts Pschetlartigeo, und dabei noch von Zeitverhältnissen die Rede, was gar gottlos ist, denn wenn wir di« halachischen AuSspLücke nach Zeit und Ort beurtheilen, calculirter, fällt das ganze große Gebäude der Religion zusammen. Die besser gebildeten Rabbinen haben demzufolge bet der Orthodoxie keinen Wirkungskreis, ihre Bildung ist schon ein Anstoß, außerdem geht jeder von ihnen seinen eigenen Weg, zu einem Gesammtwirkm ist es bei ihnen in Ungarn bisher noch nicht gekommen. Woher daS kommt, werde ich ein andereSmal besprechen, aus meinen Ausführungen aber wird der Leser ia Deutschland sich ein ungefähre« Bild von unseren Zuständen entwerfen können. Türkei. Don den Dardanellen. Ueber die Judenverfolgungen in der Türkei bringt der 31. A. Z. vom 20 Juni folgenden interessanten Artikel: DaS jüngste gleichzeittge Auftreten von Judenverfolgungen an verschiedenen Punkten der Türkei ist eine Erscheinung von so bedrohlichem Charakter, daß eine nähere Kennzeichnung jener Vorkommnisse wohl nicht überflüssig sein dürste. Ueberall tragen die wilde» WuthauSbrüche daS- / *) Man sieht aul de» Folgenden, daß der Hr. llorresp. unter „Orthodoxen" kaddalagläublg« Lhassidtm »der lshasfldimgenoffen versteht; et« in. Deutschland nicht «-orhande« Speeles.

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