Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 27.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935624--1264-5370883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
216 Selbstirüfung dir Gemeinden von dem Unsinnigen, Gefährlichen ihre- Vorgehens überzeugen. Halbbildung, Aufklärern überwuchern das Laad, der Sinn für Irdenthum, für Religion schwindet immer mehr aus den Familien, Auflösung, Zersetzung greifen nach und nach die ältesten, mächtigsten Gemeinden an, allerorten Zwiespalt und Zerfahrenheit in der Verwaltung, im Schulwesen, überall vermißt man reines Streben, bessere Gesinnung und dabei möchte man den letzten Halt, den Krystallisationspunkt, um den dir Einzelnen harmonisch sich ansetzen sollten, aus den (Gemeinden schaffen. Der Rabbiner ist in diesem Treiben und Streben unbequem, aber es sollte darum keine Gemeinde leichtsinnig seiner sich begeben, sie schädigt ihre Festigkeit, ihren Bestand. Das Bund des Gemeinsinns, des Zusammengehörigkeitsgefühls umschlingt die Glieder der Gemeinde enger, wenn sie einen Mittelprmkt haben, auf den sie Hinsehen können. Auch ist dem Verfalle nicht so Thür und Thor geöffnet, wenn ein Rabbin.- die Gemeinde leitet, die Irreligiosität pflegt sich da nicht so breit zu machen, wo sie in Jenem das religiöse Gewiffen der Gemeinde zu verletzen einige Scheu trägt. Und daß wir es sagen, der Rabbirer ist nöthig, damit in der Gemeinde Einer wenigstens die jüdische Wissenschaft, — die Wissenschaft überhaupt kann man sagen, denn auch diese ist nicht verirrten —, hege und pflege, durch sein Beispiel und Lehren d e Kenntniß von ihr, der Sinn für sie, nicht völlig ersterbe. Ja es ist ein Vertreter des Idealismus dringend in jeder Gemeinde von Nöthen, wenn Verflachung und Verrohung nicht weiter um sich greifen sollen. Es war einst ein edler Vorzug jüdischer Familien, daß ihre Kinder zur Pflege der Wissenschaft, des Besseren angehalten wurden ohne Aussich auf einen bestimmten Zweck, einen sicheren Gewinn. Die Zeit ist nüchterner gewordener, reine Liebe zum Wissen hat viel an Boden verloren, aber der Umschwung ist ein überraschender, das Haschen nach Gewinn hat allegeistige Regen und Leben in den Gimeinden erstickt, dem greifbaren Nutzen wird alles höhere Sti eben nachgesetzt und es gewährt ein trauriges Bild, wollte man ausdenken, wie es nach Jahren in de» Gemeinden aussehen ivird, in denen geschäftliche Gesichtspunkte von tag zu Tag überhand nehmen. Es gab eine Zeit — sie ist nicht s» fern —, da konnte jede mährische Gemeinde einiger gelehrter, gebildeter Männer sich rühmen, heute ist nicht jüdische Wissenschaft allein, auch der Sinn für Wissen in ihrer Mitte im Erlöschen. Eine ernste Umkehr thut Noth, mit leichtfertigen Ansichten, wie dir hier bekämpfte, muß entschieden gebrochen werden, wenn nicht ein hoffnungsvolle« Land, ein wichtiger Posten jüdischer Gesinnung, wahrhaft jüdischem Wesen völlig entrissen iverden soll. — r. her £>*«««, 25. Juni. (Or. Eorr.) Die Wahlen zum ungarischen Reichstage sind im Wesentlichen schon beinahe beendet, und so weit die Resultate bis jetzt überschau: werdru können, ist die Regierungspartei gegen die Opposition unvehältnißmäßig zahlreich vertreten. Di« günstige Wandlung wird allenl salben freudig begrüßt und wird nicht verfehlen, auch bei uisern Glaubensbrüdern im Lande guten Eindruck zu machen. Wissen doch diese sich noch recht lebhaft an jenen 18. März l870 zu erinnern, der auf Anregung der Linken unter Ausp cien des ungarischen Reichstages ein zweifaches Iudenchum zum Borschein gebracht hat, und können sie ja recht wohl ermessen, daß unsere Linken, die „GlaubenShüter", in jenen oppositionellen Kreisen gar manchen Stützpunkt gefunden habe», besten sie nun hoffentlich verlustig gehen werden. Es ist aber vor der Hand nicht abzusehen, daß die Annäherung auch nur in Etwas gefördert würde, vielmehr stehen die beiden Lager jo feindlich wie zuvor rinaiider gegenüber.. Dank der großen Mühe, weiche die Anhänger der Eongreßstatuten noch immer mit der Organisation der Gemeinden haben, gewinnen die Schomre hadats auch Zeit, sich zu consolidire» und eigene Gemeindewesen zu gründen. So hat »mlängst Raab, eine wohlhabende und an intelligenten Elementen reiche Gemeind«, das Werk der Trennung sich endgiltig vollziehen sehen, indem dir Gegner des (Kongresses für ihre »enerbaute Synagoge auch einen Rabbirer acquirirten, der ein reiches Feld der segensreichsten TlrLigkeil antrifft, wenn er es sich angelegen sein lassen will, die hochgehendrn Wogen des Haders zu besänfttgen. Daß die Leidenschaften dort sich 'so sehr erhitzen konnten, eine sonst friedliche 'Gemeinde in zwei feindliche Lager zu spalten, findet seinen Grund in dem Mangel eines Seelsorgers, der sich sei" Abgang des letzten Rabbiners iin Jahr 1860, also seit 12 Jahren, fühlbar macht und durch die Person des energielosen Rabbinatsleiters, der früher das Amt eines Religionslehrers bekleidete, nur in sehr geringem Maße er-setzt wird. Ob die nominelle Würde eines Rabbiners dam beiträgt, die auseinanderstrebenden Theile des Ganzen zusammenzuhalten, will ich nicht entscheiden; das Beispiel von Preßburg könnte dazu veranlassen, die Frage eher bejahend zu beantworten. Zn Preßburg war die Rabbinerwürdc in den letzten Jahrzehnten ja mehr nur eine talmudijche Autorität, die auf die Verwaltung der Gemeinde kaum Einfluß geübt hat. Jetzt hat sich die dortige Vereinigung der liebrrale» Elemente constituirt, und das ist Ursache genug zn Streit und Feindseligkeiten. Ob aber die „Hüter des Gesetzes" noch einmal so schwach sein werden, die Wacht der Religion, dem ungarischen Reichstage zu übertragen, lasse» wir getrost dahinstehen. Vermischte und neueste Nachrichten. Stettin, 27. Juni. Wir habest in Nr. 21 berichtet, daß mehrere Israelitische Familien in Schivelbein ihren Austritt aus der dortigen Synagogen-Gemeinde und ihre» Anschluß an die hiesige ftei-christliche oder frei-religiöse Gemeind« (beide Bezeichnungen werden von dieser selbst promiscue gebraucht) erklärt haben, und dcß der Antrag des Synagogen-Vorstandes auf execmorische Leitteibung der Eultussteuern abgewiesen sei. Was wir alsbald oe-muthet hatten, hat sich jetzt bestätigt; der Vorstand halte lediglich einen Formfehler begangen, ist nur angebrachtermaßen abgewiesen und wird den Fehler nachträglich verbestern. Es war auch in anderer Weise unbegreiflich, da die Behörden ja Gesetze nicht zn machen oder zu critistren, sondern bestehend«, so lange sie gelten, anzuwenden haben. Areska«. Die Direktor Dr. Zacharias Frankel-Stiftung — deren Statuten wir in voriger Nr. gebracht — hat bereits ihre wohlthätige Wirksamkeit begonnen. Aus ihrem Fonds sind zwei nicht amtirend«, aber mit theologischen Studien sich beschäftigende Rabbinen mit Stipendien von je 175 Thlr. bedacht worden. Hpnek«. In hiesiger Gemeinde hat sich, veranlaßt durch die alle Grenzen überschreitenden Reformen des von der Synode her bekannten »r. Wie ler, ein Theil unter Führung des Herrn Orglerals Sondergemeinde abgezweigt. — iD’WIÖ TH7K8 'VV Wsras. Das Hefige Eomitö „zur Unterstützung der Israeliten in Rumänien" hat, Dank dem Eifer der Mitglieder und der Opferfreudigkel der Gemeinden, bereits sehr günstige Resultate erzielt. ' (Siehe „Inserate" Red.) Tftfi. Der Dinctor der israelischen Präparandie, A. Lederer, wurde vom Eultus-Ministertum zum Mitglied des LaadeS-Unterrichtsratheil für Volksschulen ernannt.