Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 25.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935622--1247-5370868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
201 ■nfc feie Söhne saßen in den Ecken herum und schluchzten, daß ein Stein sich hätte erbarmen mögen. Da sagte Zsak Abraham: „Von morgen an muß es still im Hause sein! Wir' es vielleicht besser, wenn ich es gewesen, wenn Ihr Euren Versorger verloren hättet und Alle auf die Straße geworfen wäret? Der Haß der Christen muß ein Opfer haben. Wer war näher als er? Wer kann besser entbehrt werden? Weinet heute Abend — aber von morgen an still im Haus! „Run, es verging ein Jahr oder zwei; dann kam ein Brief von Ephraim. Er schrieb, er befinde sich wohl, man sei nicht hart gegen ihn und er werde zu schwerer Arbeit nicht angehalten, er habe einige Kinder zu warten und viel Zeit übrig. Wenn mau ihm einige alte Kleider senden wolle, so könne er sie mit gutem Vortheil verkaufen; sie sollten nicht fein, nur stark sein, nach solchen Kleidern sei große Nachfrage. „Zsak Abraham sagte spöttisch: „I, der will handeln! Der versteht sich aus'S Handeln!" — Aber die Mutter sagte: und wenn sie auch ausgehen und alte Kleider erbetteln müsse, so solle Ephraim sie haben. Sie verkaufte ihre eigenen alten Kleider und kleinen Schmucksachen und brachte ein recht hübsches Bündel zusammen. LlS sie daS Bündel schnüren wollten, zerschlug Zsak Abraham seine Sparbüchse. Seit Ephraim verurtheilt war, hatte er sich abgewöhnt, Abends Bier zu trinken, und was er dabei ersparte, hob er in einer Thonbüchse auf. — „Nehmt's!" sagte er. — Die Mutter sagte: „Giebst Du Deinen Segen dazu?" — „Zch gebe meinen Segen", antwortete er. „Mit dem Geld« gingen sie auf den großen Kteidrruiarkl. Es wird nämlich in London jeden Tag ein Markt gehalten — was soll ich sagen: eine Börse für alte Kleider. Zch bin selbst da gewesen. Es ist ein großer Platz und man begreift nicht» wo alle die alten Kleider Herkommen, und man begreift beinahe eben so wenig, wo alle die Zudengesichter Herkommen. Der Platz hat seines Gleichen in der ganzen Welt nicht; aber man möchte so waü auch nicht zweimal sehen. „Wieder verging ein Zahr; dann kamen fünfzig Pfund Sterling von Ephraim und er bat um mehr alte Kleider. Er schrieb: „Legt Alles, was ihr habt, in alten Kleidern an und laßt uns Compagnie machen." „Um es kurz zu sagen: Rach einem Zahre verlangte er nicht nur alte, sondern auch neue Klrider. ES waren dir Goldfelder drüben entdeckt worden, und die Leute strömten zu Tausenden herbei. Er sandte Gold und Gold und abermals Gold. Seine Strafzeit verlief und er kaufte Wolle und sandte sie nach England mit Gold dazu, um eine Tuchfabrik anzulegen. Er stieg und stieg so gewaftig, daß die Unna Zsak Abraham und Sohn nach Verlauf einiger Zahre Hunderttausend« von Schätzen in Australien und die größten Tuchfabriken und Schneiderwerkstätten in England besa^, und jeder der Söhne hatte ein jährliche- Einkommen von 10—20,000 Pfund Sterling, und sie führten ein großes Haus und ritten am Mittag im Hydepark, wo die reichen Engländer reiten, und es gab keine schöneren Pferde, als die der Söhne Zsak Abraham's, und sie nannten sich nicht länger Abraham, sondern Bramini. „Da kam eines Tage« ein Brief von Ephraim: er wolle zurückkehren. Er leb« drüben, wo alle Welt von seiner Deportation wisse, und er wolle auch einmal den Kopf erheben und Athem holen wie ein reicher Mann. DaS gab einen Schreck in der Familie! ES war beinahe vergessen, daß einer der Söhne wegen eines falschen Wechsels deporttrt worden war; Niemand sprach davon; eS war ganz wie vergessen. Wenn er nun aber zurückkäme, so würde man an alles wieder erinnert werden und welchen von ihren feinen Bekannten würden sie einladen können, um mit einem Deportirten zusammenzutressen? Zhre Häuser würden wie die Pest gemieden werden. Sie bewogen den Vater und die Mutter dazu, ihm entgegenzureisen, ihn in der Stadt, wo er landen würde, zu empfangen, und dann auf ein Landgut, das sie in der Nähe besaßen, zu führen. Als aber Ephraim sich einige Zeit da aufgchalten hatte, wollte er nach London, um die Paulskirche zu sehen, und sie mußten ihn nach London begleiten, und die Brüder empfingen ihn sehr freundlich; allein sie waren für Niemanden zu Hause und gingen nur spät Abends aus und lebten wie Einsiedler. „So kam Peßach heran und der Vater lud sie Alle nach alter Sitte zum Szrder ein. Da geschah etwas ganz Neues. Die Tochter des FellbereiterS kam zur alten Madame Abraham und sagte, ihr Vater sei gestorben und sie wisse Alles, und sie bitte für ihn um Verzeihung. Madame Abraham antwortete, daß Gott alles zum Guten gewendet habe, sogar Ephraim sei gesund und glücklich zurückgekehrt. „Ach", sagte das Mädchen, ,ist er wirklich nach Hause gekonimen? Wollen Sir mir erlauben, ihn zu sehen — nicht mit ihm zu sprechech sondern ihn nur zu sehen. Zch will, wenn Sie es mir erlaube» wollen, als eine Magd verkleidet an Zhrem Festabend bei Tische aufwarten oder nur ein Gericht hereintragen, damit ich ihn sehen kann, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen. Verwehren Sie es meines Vaters Tochter nicht, Zhren Sohn zu sehen und zu segnen!" — „Gut, so mag es denn sein", sagte Madame Abraham. „Als sie Alle am Szedertisch saßen, erhob sich der alte Zsak Abraham und sagte: „Gott hat uns befohlen, daß wir jedes Zahr an diesem heiligen Abend die Hagode, die Erzählung, von unserer Beifteiung aus dem Lande Aegypten, vorlesen sollen undsie den Kindern erklären und ihnen Dankbarkeit einprägen wie da geschrieben steht. Heute, an diesem gesegneten Abend, habe ich eine andere Hagode. die ich zuerst vortragen will, Gott wird es uni erlauben. Und dann erzählte er die ganze Geschichte von den Wechsel, von der Deportation, von den alten Kleidern, von der Rückkehr EphraiinS, von der Härte der Brüder, und schloß mit den Worten: „Ephraim, mein Sohn, mein Aeltester, komm, setz' Dich an meinen Platz, sei daS Haupt der Familie und sei gesegnet!" „Da schrieen die Brüder laut auf und sagten: „Was hilft es, Vater, daß Du die Wechselgeschichte auf Dich nimmst? Bisher war e« nur Einer in der Familie, der deporttrt worden war; von jetzt an werden eS Zwei sein, Einer, der deporttrt wurde, ein Anderer, der da hätte deportirt werden sollen! Di« Leute werden so reden. Kannst Du die Welt ändern?" „„Beruhigt Euch", sagte Ephraim, „ich gehe wieder fort." Da warf sich die Magd, des FellbereiterS Tochter, vor ihn» nieder und rief: „Ephraim, Herr Ephraim, ich bin Mary. Mein Vater hat Alles über Euch gebracht, aber er war kein böser Mann und hat eS schwer bereut. Zch, seine Tochter, ich will Deine Magd sein! Du sollst nicht allein und verlassen in die weite, kalte Welt hinausgehen! Dein Gor' soll der meinige sein und ich will Dir treu sein wie ein Hund, nein, wie ein englisches Mädchen!" „Da rief Ephraim: „Mary, Du bist eS! Dann bin ich ein glücklicher Mensch und wir Zwei gehen zusammen nach Australien!"" Forts, folg».