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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 24. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 24.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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188 nicht zu Zrrthuin führ«." Besprechen wir dm Gegenstand in aller Ruhe! wir wollm nicht» verdeck», e» ist nicht nöthig. Ist e» an» auch nicht erwünscht, wm» wir grade zu« Feste unfern Lesern ei«n polemischen Artikel »oltege», so ist r» doch wieder«« ein de» Tage» durchaus würdige» Thema, wenn wir von unlerer heil. Religion den schwerstm und bittersten aller Borwürfe mtfernen, den, daß sie Lieblosigkeit, Ausschließlichkeit, Haß lehre. Alo es ist zuvörderst richttg, daß jmer Satz im Schulchan aruch steht, natürlich heißt eS dort -122 oder *13 oder 012V — dies«: Ausdrücke variirm bekanntlich in den Ausgabm, weil sie als gleichbedeutend gelten. Es tritt demnach die Frage an uns heran, ob sie 1) im Allgemein», 2) speeiell an der cittrt» Stelle sich auf unsere heutigen christlichen Mitbürger bezieh». Damit erledigt sich zugleich die Frage, ob ave die hochgefeiert» Männer, welche die mehrerwähnte „Erklärung" begründet, verfaßt, reproduzirt hq^n, gelogen od.r etwas g^agt haben, was sie nicht verantwortm köun», ob vr. Lehnann in Main, es bester versteht, als sie. Wir schränken die „Erklärung" weiter selbst ein. Ueberall da, wo es sich um Rituelles, um Gesetze handelt, die uur d» Israeli!» angehen, da ist unter fraglichen Ausdrückm auch der Christ zu verstrhrn; also z. B. wenn gesagt ist, daß wir von dem, was ein "122 geschlachtet hat, von dem in seinem Gewahrsam befindlichen Flestch u. s. w. nicht essm dürfen, daß er bei einer jüdischen Trauung, Scheidung re. nicht als rituell gültig» Zeuge fungiren könne, wiederum, daß wir von ihm diese und jme Dinge am Sabbath verricht» oder nicht verrichten last» dürfen. Die „Erklärung"' bezieht sich aber auf alle Ge- und Berbott, di« allgemein Recht, Lieb«, Billigkeit, Humanüät betreffen, die nicht einzig und allein dm Israelit», sondern jed» Menschen angeh». Da jede» verftLndige Lind dies» Unterschied findet und kennt, sich gar nicht lange besinnen muß, um zu sagen, in welche von beidm C ast» ein Gesetz gehört (es müßte sich dmn um eine Spezialität handeln, die e» noch nicht zu bmrtheil» weiß —) so haben die Berfaster der „Erklärung"" dies» Unterschied nich" erläutert; sie Hab» nicht für Leute geschrieben, die nur lesen und übersetz»; viele jmer Erklärung» beginn» mü d» Wort» „es ist offenbar und bekannt für jed» der Verstand besitzt;" dem Unverständig» pflegte man zu sagen: „gehe und lerne das in der Kinderschule."' (MN 21 *2 *ip ^1) Wir haben femer kein» Grund, in Abrede zu stell», daß sich in Talmud und Midrasch und in dm aus ihn» abgeleiteten, auf ihnen fußenden Schrift» gar manche» findet, was ebensowmig zu unfern Begriffen von allgemeiner Nächstenliebe und Gerechttgkeit paßt, wie zu dem, was die Tora in dieser Hinsicht verschreibt. Daß die Mffchnah und der babylonische Talmud dabei nicht an Christen gedacht Hab» könnm, ist klar, denn sie Hab» solch« entweder gar n-cht gekannt, oder wenigstens nicht im Auge gehabt, da es in Babylonien kaum einzelne gab, und die Christengemeinden Palästina'», zur Zeit der Mischnaylehr», noch gegen die stknss« der Heid» verschwanden. Wo im Talmud, besonders im jerusal«misch», von Christen die Rede ist, und wenn z. B. Retigioasdisputionm mic solch» erzählt werden, da sind sie von den Heiden wohl unterschied» und nie mst jenen Ausdrückm bezeichne«. Erft die unter der Furcht vor Inquisition und Cmsur »tstandenm Handschrift» und Ausgab», Hab» abfichtlich statt Christ»: Heiden ur d dergl. gesetzt, weil es gefährlich war, gegm Christ» zu polemisir», nicht aber geg» Heid» oder „Philosoph«»,, GotteSläugner," wir man an geeigneten Stellen schrieb. Aber die Intoleranz, der Haß gegen Heiden? Die Mischnah- und Talmndlehr« lebt» unter dem aller elementarsten Sittlichkett baarm Pökel de» uittergehend» Heidenthum«, de» verwesenden Römerreiches; fir sprechm klar au», daß es auch unter dies» Mensch» „Fromme, der ewigen Seligkeit theilhaftig" gebe; aber >>as, was sie an entsetzlicher Verwilderung täglich sah», entriß ihnen Aussprüche wie: „diese sind keine Menschen," oder 2181.1 |ö D3*lt. was genau unserem, „sie gehör» nicht zur civilisirten Menschheit" »tspricht; denselben Ausdruck gebrauch» sie ab» auch von dem roh», sittlich verwahrlosten Juden! Und der »lsrtzlich« Druck, die aller Menschlichkeit entkleidete Behandlung, mtt d» der Römer und Römling den Juden niedertrat, entriß dem gequälten H»zen dm Schrei d«S Schmerze», auch die Ausdrücke der Bitterkeit, der Erbitterung, de» Hasse». Noch einmal: wir haben nicht nöchig, das zu verdecken, zu beschönig», durch Dmteleim abzuschwächen, dmn wir haben un» dessm nicht zu schäm». Es gehört der Gesuchte an und ist nach den Zeitverhältnisseu gerechtfertigt! Aber sind jene Aussprüche nun, weil sie im Talmud stehen (meist nur als Prioataussprüche einzelner Lehrer) für uns Gesep? Bo» vornherein wäre es Unsinn, das zu behaupten; denn die Mensche», auf die sich jene Aussprüche beziehen, existiren ja seit tausend Jahren nicht mehr! Die Verfass» d» Auszüge und Glossen aus und zum Talmud und der aus diesem und jenen zusammrngeftellt» s. g. Codices Hab» jedoch jene Aussprüche zum großen Theile mitaufgenommm, dmn es lag nicht in ihrem System, geschichtlich Gewordenes einfach durch Schweigen zu elrminiren, das duldete ihre Ehrfurcht vor den Alt» nicht; sie codificirtm und führt» die Discussiou fort, so üb» die Halacha» betreffmd die S»- rurnali», Kalenden und Hermen der Römer, wie über da» Verhalt» gegen Heiden d» Vorzeit; und so steht noch alle» im Schulchan aruch. Ab» die Lage der Juden im Mittelalter war auch anderweittg durchaus nicht geeignet, die in trüber' Zett »lftandmen Ansichten und Aussprüche in Vergessenheit gerathm zu lassen. W» will auch da wieder den gehetzt», geplünderten, verjagten, dem Mordstahl und dem Sch«tt»haufen stündlich preisgegebenen Juden es verargen, wmn sie einmal sagten: „jme sind keine Menschen," da man sie thalsächlich nicht als Mensch» behandelte; wer darf lieblose, inhumane Aussprüche den» Vorhalten, die von Lieblosigkeit, entmenschter Grausamkeit täglich betroffen wurden? G»ug, die ost erwähnt» Ausdrücke *123 u. s. w. obmdrein au« Cmsurrückfichtm ost absichttich so gemischt, daß „Götzendimer" uid „Nichtjude" nicht mehr leicht zu unterscheid» waren — sind in trüb», finstern Zetten oft auch auf Christ» bezogen worden. Auch das brauchen wir nicht zu verhehle». Aber auch damals längst nicht vvn allen Juden! Zuuz har (zur Lit. und Grsch. E. 372—V7) jüdische Stimmen vom st. bis zum 18. Jahrhundert einander gegmüber gestellt, Summen d» Ausschließlichkeit und de» Zornes, Stimmen d» Liebe und unbeschränkt» Humanttät; er hat sie gezählt und gewogen, und die letzt»en überwiegen die erster«» weitaus. Und kaum hatte das »sie leiseste Wehen mild»» Gesinnung sich den Jaden bemerkbar gemacht, mindeftm« vom 17. Jahrhundert ab, da »ging, tausendfach wird»holt, auf dir milder gesinnt» uralten Autoritär» gestützt, jene „Erklärung," welche laut v»kündeie: ,^ie Christ» (und die, Muhaviedan», so schrieb und meinte man in d» Länder« .,

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