Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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- Homer 2× ep/1025156
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QkgMt feer heiligen Schrift, würden andal Material zu unser« Beweise liefern. Wir ftage» nämlich einfach: was soll denn an di«, Stelle der Bibel treten? Man hat gesagt, de» Griechen habe ihr Home,- die Stelle unsrer Bibel vertreten, er sei dal di» griechische Cultur beherrschende, die Gesammtheü der Hellenen vereinigend« Buch gewesen. Dag trifft zu; aber dann./galt es doch nur für den winzigen Bruchtheil der Menschheit die Hellen«. Soll Homer heut an die Stelle der Bibel treten?! Möglich, daß irgend ein für das Griechenthum Schwärmender daran gedacht hat; wir werden doch solche Einfälle nicht widerleg« sollen? Man hat gesagt: „die deutsche Zugend kennt viel besser die jüdischen Patriarchen und Könige als die Gestalten deutscher Heldcnkaiser und eher die jüdischen Propheten als die deutschen Dichter." Welche Kaiser? Die Hohenstaufen? Soll ihre Geschichte im welfischen oder im ghibellinischen, im katholischen oder im protestantischen Sinn und Geiste aufgefaßt und erzählt werden? DaS fehlte noch, daß man den Streit auch in die Dorfschule verpflanzte! Hat der j Gang der Geschichte augenblicklich die welfische Anschauung; zurückgedrängt, so ändert daan der Sache nichts — eS ist! hier nicht der Ort darüber mehr zu sagen. Allerdings soll j die Zuzend die vaterländische Geschichte kennen lernen; wir wollen auch nicht auf die Lächerlichkeit Hinweisen, die da ent- I stand und entstehen mußte» wenn man die Geschichte einer l D lodezbynastie zum Mittelpunkte der Weltgeschichte für die; Schüler, des betreffenden LändchenS gemacht hat; aber wir > sagen: wenn nun wirklich die ganze Zugend Deutschlands di« 1 Name» und Tharen der deutsche» Kaiser kennt, waS soll denn j dir französische, die italienische, englisch« lernen? Doch natür- > lich die vaterländische Geschichte, die Franzosen also vor allem! di« Ludwig'» XlV. und Napoleon'»; gefällt euch daS?! WaS ' bleibt für die Humanität, für die Einigung der Menschheit übrig, wo gibt es dann »och irgend ein Hülfsmirtel de» Verständnisses zwischen den Nationen? Haben wir die Einseitigkeit der Franzosen geradelt, um sie nun herüberzunehmen? Die deutschen Dichter soll die deutsche Zugend kennen lernen! Gewiß! Man wird sich jedoch mit den kleinen Kabeln, poeti- , scheu re p. gereimten Erzählungen und dergl., die in jedem . L-sebuche für die Kleinen stehen, und über die in dieser Stufe auch nicht hinausgcgangen werden kann, doch nicht zufrieden geben. Also weiter etwa die Nibelungen. ES mag Leute gtben, welche die Nibelungen, Gudrun re. fortan die Biber drs deutschen Volks sein laffen möchten; wir hätten da nur zu wiederholen, was wir über Homer gesagt haben. Also die Klassiker. Bon Göthe wird kaum die Red« sein können; - aber von Schiller, dem „volkSthümlichen" Dichter. Wahrlich wir würden uns glücklich preisen, wenn der edle, sittlich reine» die Menschheit umfassend« Geist Schiller'» das deutsche Volk, alle Völker, erfüllen möchte. Aber ist der weitaus größte Theil seiner Dichtungen dem Volke, wohlverstanden nicht dem s. g. Volke, für welches man allerlei populärwiflenschastlich« Werke schreibt, sondern der zahllosen Menge 1 der Armen an Geld und Geist zugänglich? Wa» weiß dieses j Volk vov der Mythologie, ohne die so viele Schiller'sche Erdichte i unverständlich bleiben? Soll unser Volk die spanische, di« italienische, die ftanzösische und englische Geschichte lernen, um Don Tarlos, Fiesco, di« Jungfrau und Maria Stuart lesen zu können?! Di« Bibel ist, in ihren Geschichten, jedem Kinde | verständlch, der Bauer liest die Bibel «»ad gewinnt, für ihn i genügendes, verständniß, er bedarf keinor erklärenden La««-.,! knngen. Gleichwohl, wir wiederholen es, wäre es herrli wenn unser ganze» Volk Schiller lest« könnt» und würde; es bliebe ja de» Trefflichen genug übrig, wenn'man auch diejenige« Dichtungen aus der „Volksausgabe" wegließe, zu denen auch der Gymnastalschüler erst einer Erklärung bedarf. Aber wie weit sind wir noch von dem Ziel« entfernt. Wir ver» kennen oder unterschätzen keineswegs die Bedeutung der Rebe nwnrzel unsrer Liollisation, der altklasflschen Literatur, aber wir betrachten es al» ein Grundübel unsrer Zeit, daß die classisch« Bildung einen tiefen Riß durch unser Volk gemacht hat, daß die Sprach- und Denkweise der höher Gebildeten von dem Volke nicht verstanden, nicht begriffen wird. ES ist mit dem Weglaffen der „lateinischen Brocken" auS den Akten der Gericht«,' mit dem Wegräumen der Fremdwörter (deren Zahl trohdtm stet» zunimmt) nicht gethan. Doch wir laffen dieses Themr, über welche» viel zu sagen wäre, fallen; wir sagm wieder ganz wie oben: iverden denn nun all« Nationen Schiller lesen? und wir ziehen in Beziehui,g auf die Dichter dieselbe Schlußfolgerung, wie vorhin in Hinsicht auf die Geschichte. Daß nun etwr nur die, allerdings von der National^ tät ganz unabhängigen, Realwissrnschafteu gelehrt werden, daß andrerseits Handel und Verkehr, Eisenbahnen uud Telegraphen, auch für das Geistes- und Gemüthileben der Rationen da» einzige internationale Band abgeben sollte, da» verdient keine Widerlegung; in Beziehung auf da» Erster«, die Beschränkung de« ZugendunterrichtS auf Rechnen, Ehemie und dergl. verweisen wir nicht auf pädagogische Schriften sondern auf — die „fliegenden Blätter", die öfter so köstliche Proben von Zukunftsgedichten, denen die Sprache der Ehemie uud Physiologie zu Grunde liegt, gebracht haben. Doch wir gehen auf Einzelnes nicht weiter rin und schließen mit allgemeiner und weiter greifender Betrachtung.. Es ist die glänzende Zeit unserer klassische» Literatur gewesen, in. der man die Humanität, da» Weltbürgerihum gepriesen, den RationalitätSdünlel, die einseitige Betonung de« Patriotismus, al» kleinlich, als verächtlich bezeichnet hat. Der KosmopolitiSmu» ist in Verrugekommen; wir aber sind, fast wie von unserm Dasein, überzeugt, daß auch er wieder seinen Tag haben wird. Man hat von einer Weltliteratur geredet, we»' nigstens geträumt; man har die Dialekte zu unterdrücken, durch «ine Schriftsprache zu ersetzen, die Sprachen der auf niedriger Eulturstufe gebliebeien Völker zu eliminireo gesucht, so daß einige wenig« Eultursprachen in Europa übrig bleiben sollten. Man ist zu weit gegangen, da» entgegengesetzte Streben hat sich gtlttnl' gemacht; die Weltgeschichte bewegt sich zwischen Eriremen. Es hat eine Zeit gegeben, und sie ist in Beziehung auf die Literatur nicht die schlechteste geaxsen, in der der Gebildete mir jedem Gebildeten sich in einer Sprache verständigen tonnte; dies Uebergewicht Frankreichs mußt« wohl gebrochen «verden; jetzt verlangt man drei, vier Sprachen, ungerechnet die tobten. Und russisch, ungarisch, polnisch, cze» chisch, rumänisch? 'Die betreffenden Völker werden bald auch nur in dieser Sprache mit Andern sprechen wollen. — Dt« . Bibel erzählt von dem AuSeinandergehen der Völker bet« Thurmbau, „da Einer die Sprache des Andern nicht verstand" — wohin soll nun die Entwickelung sich richten? Da» hin, daß ein Band, wenn auch nicht wörtlich der Sprach«; aber der gemeinsamen Bildung, dt« Völker umspanne, oder daß der RationalitätSschmindel dghin treibe, daß es nichts Gemeiußmu« inehr geb:?. Daß jedo» voll nur sein« Geschichte >—