Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 21.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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168 In Westßofe» (Elsaß) ist wohl der älteste aller Rabbiner des westlichen Europa zu seinen Vätern versammelt worden, R. Mardochai Cohen. 1775 in Zabern geboren, lernte er Talomd erst in Mainz, dann bei R. Mose Lobia in Hanau und bekleidete seine änolich dotirte Stelle lange Jahre hindurch, tn a^ter Weise Gott dienend, sein« Tora studirend „Brod mit Salz essend"-. Erst sein Begräbniß (am 7. Lprll) zeigte durch die Menge und die aufrichtige Trauer der Theilnehmenden, daß man ihn geschätzt hat. Oberrabbiner Aron aus Straßburg und mehrere Andere hielten Leichenrede». (Rach Univ. Jsr.*) •) Möchte doch Herr kloch, der da» Gute der alten Zeit s» «ohl zu schiize» und so bercht zu schildern weiß, sich einmal ftagen, ob nicht auch da» zu dem Guten gehört, daß damal» and noch vor wenigen Jahrzehnten di« Elsässer Bachurim ohne thörichten Dünkel dahin gingen, wo sie fernen" konnte»; od sie aus ihre Kameraden »der Gasifrenud« in Mcinz, Frankfurt x. x. wohl mit Hochmuth herabgesehe» haben, »der von diesen als Ausländer dehandett worden find, “>b ci Jemand ringefaller ist, di« Heimgekrhrlen zurückzuweisen, weil fi« tm Kurland studirt hätte»; ob man damal» ei» stärkere» Gesühl gekannt, al» da» lebendige Bewubrsein: -z'pst Oesterreich. ,Lr»vrrg. Das Oberlandesgericht veröffentlicht einen statistischm Bericht, worin daS ttaurige Resultat verzeichnet wird, daß im Jahre 1871 in Ostgalizim ca. 4700 Vergehen und cn. 1700 Verbrechen mehr begangen worden alS 1870. Um diese Erscheinung zu erklären sagt der Bericht: „Die Ursach: des Uebels muß in der angeboren Faulheit drS Volkes und dichsen Geneigtheit zur Trunksucht erblickt werden, welche leider die im ganzm Land« alS Propinationspächter und Schänder ansäßigen Jude» durch Erlheilung von Credit ay, fachen und wodurch fie alle Schlägereien, schwere Verletzungen und Todtschläge nur befördern." Also die Juden sind an Allem Schuld l — Der.Lemberger „Israelit" critifirt diese Auslassung des hochweisen Gerichtes in einem längeren sehr gut geschriebenen Artikel, aus dem wir nur eine sachliche Bemerkung mittheilen: „Man hat das Gewerbegesetz für Galizien in Beziehung auf die kostbare Eigenthümlichkeit dieses Lande-, Propinationsrechte zu besitzen, eingeschränkt. Der galizisch« Großgrundbesitzer, also der polnische Adel, hat daS unumschränkte Recht, soviel Schänken auzulegen, als ihm beliebt, und jemehr er anlegt, destomehr wächst das Propinationserträgniß. Dieses kostbare Recht, wodurch daS Landvolk gerade znm Saufen aufgefordert wird, verpachtet der Edelmann» dem Juden und bekommt dafür feinm Pachtschilling, der Jude wird also sein Werkzeug, um das Schankrecht auszunützen, und darm bekommt daS Oberlandesgericht die Ueberzeugung, daß der Jude Alles verschuldet, der Edelmann aber, der ohne die geringste Arbeit jährlich viele Tausende als Propinationszins eincassnt, der ist unschuldig wie ein Lamm. Und glaubt das O. L. G. wohl, daß christliche Schänker di« moralische Bildung d.-s Landvolkes heben würden?!" Frankreich. Z?«ri», 13. Mai. (Orig.-Corrrsp.) Gestern hat die Eenernl-Versammlung der Allianc« Isr. ünirerselle stattgcfunden. Sie war zahlreich besucht. Nachdem die HH. Leven, Sekretär, und Lehmann, Casstrer, ihre Berichte verlesen hatten, hielt Crömieux eine Red« und sprach hauptsächlich über die Verhältniffe der Juden in Algier. O.-R. Isidor hielt eine kurze Schlußrede. Bon allen Seüen wurde ibetont, daß die Alliance nur dann BedrutmdeS leisten könne, wenn fle eine allgemeine bleibe und nicht nach jedem Lande eine besondere Ueberschrist (Etiauette) erhielte, obgleich die verschiedenen Comitä'S ihr« Unabhängigkeit behalten sollten. Das Central-Comitö beantragte daher bei der Versammlung eine Statuten-Aenderung, dahin gehend, daß die Zahl dee Mitglieder des Central-Comitö auf SO (statt 30) erhöht werden könne, um eine größere Anzahl Mitglieder im Auslände wählen zu können. Ohne den mindesten Widerspruch nahm di« Versammlung diesen Vorschlag einstimmig an. Bon den inneren Angelegenheiten der französischen Juden und den Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit wurd« nicht» erwähnt. (Wir sprechen, gewiß im Geist« und Sinne aller' unserer Leser, den Führern der A11. Ist. Unir. unsere tiefgefühlte Anerkennung und unfern wärmsten Dank aus. Red.) Türkei. Smyrna» den 4. Mai. Ueber die telegraphisch schon gemeldeten Exceffe wird der „Allg. Ztg" geschrieben: „Da» alte Mährchen vom Christenblut am jüdischen Paffahfrste hat in den letztm Tagen wiederum unserem Griechischen Janhagel, dem ungewaschenen wie dem frinbehandschuhten, zum Vorwand« gedient, eine Zudenhetze im bekannten Rumänischen Stil in Scene zu setzen. Vor etwa 14 Tagen war ein dreijähriger Griechischer Knabe, welcher vor dem Hause seiner Aeltern spielte, abhanden gekommen. Der Knabe, sich allein überlaffen, fiel in einen Canal, ertrank, und deffen Aeltern hielten ihn nach fruchtlosem Suchen für verschwunden Da nun der Zufall wollte, daß das Griechische Osterfest mit dem jüdischen Paffahfrste in diesem Jahre zum Theil zusammenfiel, so fand der Fanatismus «inen Borwand, das Gerücht in Umlauf zu setzen: jener verloren gegangene Knabe sei von den Juden geraubt worden. Es kam zu Thätlichigkeiten ernster Art. Obschon der besagte Knabe bereits vor acht Tagen ertrunken gefunden wurde, obschon eine Medicinalcommisston fest gestellt hatte, daß man am Leichnam nicht» bemerk«, waS auf eine gewaltsame, durch Schneidinstrumente verursachte Tidtuug schließen ließe, so wollten sich di« Griechen dennoch nicht dabei beruhigen. Die gräßliche, grauenhafte, den düstersten Geschichtsepochen entstammende Beschuldigung, einmal von den rohe» fanatifirten Mafien erfaßt und von ruchlosen Personen genährt und gefördert, fachte die wilden Leidenschaften deS Judenhaff«» zur Hellen Flamme an. Als versuchte Angriffe von den Juden selbst zurückgesch'agen wurden, erreichte die Tollwuth des Pöbels den höchsten Grad. Am Asten Maitag schien die öffentliche Sicherheit im allgemeinen auf's Lusterste gefährdet. Wie von einer dämonischm Gewalt getrieben zog «ine mit Pistolen, Messern und Dolchen bewaffnete starke BolkSmaffr, aus den schlimmsten Elementen unserer Bevölkerung bestehend, nach dem von den Juden bewohnten Stadttheile, ersuchte jedoch zuvor den Grieihischen Erzbischof, ihr ein großes Kreuz au» der Metropolitan kirche verabfolgen zu lassen, damit unter Voranttagen desselben das frevelhafte Beginnen die religiöse Weihe erhalte. Der Erzbischof verweigerte selbstverständlich di« Verabfolgung, auch ward« mittlerweile di« Zugänge zum Ghetto von Türkischen Linien- und Marinetruppen besetzt. Da unsere Garnison äußerst schwach war, telegraphirte der Generalgouverneur nach Aidin, Magnesia, u. s. w. um Verstärkung, die auch sofort eintrai, so daß jetzt türkische Behörden in der Lage find, jeden Versuch einer Ruhestörung im Keime zn unterdrücken." — Einer andere» Correspoudenz aus Smyrna