Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 21.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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166 itigcn jujurufen: „thut doch desgleichen, helft den Armm und achtet auch im Proletarier den Menschen, so wird die sociale Frage auf ewige Zeiten gelüst sein!" Man behauptet endlich, ein wirklicher Unterschied zwischen den Juden in Rumänien, Galizien, Frankreich, Dentschland bestehe nicht, steseien Brüder. Nun, statt euch darüber„unsernKopfzuzerbrechen" lehrt doch lieber, daß eS überhaupt kein« „wirklichen" Unterschied zwischen Russen, Deutschen, Franzosen, Iren rc. rc. giebt, daß die vorhandenen Unterschiede so nebensächlich sind, und so alS Nebensache behandelt werden sollten, wie die zwischen blond- und braunhaarigen, oder — wie die zwischen euglischen und rumänischen Juden; daß darum Alle jene Unterschiede übersehen und sich alS „Brüder" ansehen sollen; denn bann wird ja alles gut sein! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Zf«sen, 13. Mai. (Orig.-Corresp.) Zn Betreff der von der „Neuen deutschen Schulzeitung" gebrachten Notiz, daß nach einer auf Veranlassung des Kgl. Provinzial -SchulkollegiumS vom „Oberrabbiner der Provinz Posen" getroffenen Entscheidung, die jüdischen Schüler nur am Neujahrs- und BersühnungSfeste vom Schulbesuch« zu diSpensiren seien, kann ich Ihnen Folgendemittheilen: Die Notiz hat durchaus keinen amtlichen Charakter und scheint in tendrnziüser Weise von einem Echulmeisterlein in di« Presse gebracht worden zu sein. Denn erstens rxistirt, wie ich Ihnen nicht erst zu bemerken brauch«, kein Oberrabbiner für di« Provinz Posen; ist ja sogar schon seit einigen Jahren daS Rabbtnat der Stadtgemrinde vacant. Ferner hat der letzte Rabbiner der Stadt Posen, der sei. Loewenstamm, vom damaligen Dirrcwr des Kgl. Friedrich-WilhelmS-Gymnastum», Dr. Sommerbrodt, aufgefordert, 16 Tage im Jahre (der MuShake'sche Kalender hat nur 13) aufgezählt, an welchen die jüdischen Schüler zu diSpensiren seien. Die Differenz besteht darin, daß MuShak« den Begriff Feiertage genau nimmt und demnach Hoschana rabba und den^9. Ab nicht mit aufzählt, wie eS der fei. Loewenstamm gethan. WaS aber die Hauptsache ist, so kann ich Ihnen nach persünlichrr Rücksprache mit den beiden Direktoren der beiden hiesigen Gymnasien, der städtischen Realschule und mit dem Rector der Mittelschule mittheilen, daß dieselben in Betreff der DiSpensirung der jüdischen Schüler an den jüdischen Feiertagen an daS Provinzial- Echulkollegium eine Anfrage nicht gerichtet, und daß denselben irgend ein dahingehender Erlaß de« Provinzial-SchulkollegiumS nicht bekannt geworden. Demgemäß sind, wie bisher, auch am letzten Paffahfestr di« jüdischen Schüler der genannten Anstalten, deren Eltern «S wünschten, vom Schulbesuch« diS« penstrt worden. Zn einem rinzelnm Falle, in welchem der Vater eine» Realschülers beim Provinzial-Echulkollegium wegen DiSpensirung seine« GohueS am letzten Passahfeste vorstellig geworden, hatte dasselbe vielmehr diese« Gesuch dem Direktor der Realskbule behufs Bescheidung deS Antragstellers zugesandt, und diese wurde, meinem Gutachten gemäß, dadurch erledigt, daß nicht nur der fragllche, sondern alle jüdischen Schüler, deren Eltern dem betreffenden Ordinarius ihren Wunsch zu erkennen gaben, vom Schulbesuch diSpenstrt wurden. — Bei der Aufmerksamkeit, welche besagter Notiz in den weitesten Kreisen geschenkt wurde, denn e« kamen, wir mir der Direktor d«S Kgl. Friedrich-WilhelmS-GymnasiumS, vr. Schaper, mittheilte. Anfragen über di« Richtigkeit derselben auch aus anderen Provinzen, wäre «S wohl wünschenSwerth, eine Berichtigung derselben erfolgen zu lassen. Und zu diesem Behufe stelle ich Ihnen diese Angaben zur Verfügung. vr. Wedell, israelitischer ReligionSlehrer an der städtischen Realschule in Posen. (lieber die hier besprochene Angelegenheit haben wir aus mehreren Orten Berichte erhalten. Der apokryphe, in die Form einer halbamtlichen Mittheilung gekleidete Artikel hat z. B. im Rawicz-Krübower KreiSblatt folgenden Satz enthalten : „Die Direktoren .... haben an die Provinzial-Schulkollegien .... Anfrage gestellt .... Die Entscheidung für die Provinz Schlesien ist unS nicht bekannt geworden; für die Provinz Posm ist folgendes alS Norm geltend. Nach der Entscheidung des Oberrabbiners rc. rc." — ES ist nicht zu bezweifeln, daß eine reine Mystifikation vorliegt, aber ist sie nur gegen eine Zeitung ausgeübt, oder gegen eine Behörde? Und von wem ist sie ausgegangen? — Wir erwarten, daß in Berlin, alS Centralpunkt, an die Behörden Anfragen gerichtet, und eine baldige geniigeude Berichtigung veranlaßt werde, damit nicht zum Wochenfeste noch mehr jüdischen Schülern Urlaub verweigert werde. Red.) Krefeld, 15. Mai. (Orig.-Corresp.) Schon im März d. I. erließ Herr Oberrabbiner vr. Horowitz ein Circulair an sämmtliche Gemeinden seines Sprengels, worin er die auf seinen BisttatioaSreisen wahrgenommenen Mängel und Schäden auf dem Gebiete deS Schulwesen« bloSlegte und recht geeignete Vorschläge: über die Mittel zur Ueberwachung und Förderung de».jüdische» Schulwesens im Crefelder Rabbinatsfprengel" machte. Ich theile die allgemeinen Gesichtspunkte derselben im Interesse der schulfreundlichen Leser daraus mit, weil manche» „gute Wort" darin auch anderSwo „einen guten Ort" finden dürste. ' „Bereitunmittelbar nach dem Antritte meiner Stellung, also beginnt da» Rundschreiben, sprach ich wiederholt die Meinung au«, daß eS einer gewissen einheitlichen Organisation und eine« einheitlichen Zusammenwirken« in allen Schulangelegenheiten de« Sprengel« bedarf, wenn dieselben von einer Centralstell« au« in wirksamer Weise gefirdert werden sollen. Die Erfahrungen, die ich bi« jetzt in meiner AmtSthätigkeit gesammelt, heben jene Ansicht zu einer festen Urberzeugung gekräfttgt und meinem lebhaften Wunsche nach Verwirklichung derselben auch bestimmte Gestalt und Form verliehen. Zwei Grundubel sind r« vornehmlich, die der energischen Abhülfe bedürftig sind: 1. Die Mangelhaftigkeit der meisten bestehenden Schulen und 2. Der Mangel an Schulen überhaupt. Wa« die Mangelhaftigkeit der Schulen betrifft, so hat sie in den meisten Fällm ihren Grund in dem Mangel an genügender Aufsicht. Wollten wir auch nicht die allgemein ausgestellte Behauptung gelten lassen, daß bei jedem noch so ehrenhaft« und pflichtgetreuen Lehrer allmälig eine Abnahme und Schwächung seines Eifer«, eine Verminderung der Akkuratesse in Ausübung seine« Amte« eintrrtrn, rann er sein Wirken aller Aufsicht und Controlle baar wisse; daß ferner tu einem solchen Falle di« Zahl der Versäumnisse Desselben häufiger und namenttich die so nothweudig regelnckßige Angabe der unberrchtigten Versäumnisse der Schüler nachlässig betrieben werde, oder überhaupt gar nicht mehr stattfinde — wollten