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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 21. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 21.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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164 Palcfte in Picadilly wohnte. Zn den Augen der Juden erscheint selbst der heruntergekommenste Jude nicht so heruntergekommen, wie in den Augen der Außenwelt. Du ärmsten besitzen vielleicht Eigenschaften, welche fie in den Augen ihrer Brüder hoch stellen, und viele der niedrigsten und schmutzigsten Hebräer, welche, alte Kleider und Häute aufkaufend, durch die Straßen ziehen, sind unter ihren Glaubensbrüdern dafür bekannt, daß sie groß« kheile der heiligen Schrift au-wendig wissen. Au allen diesen bleibenden Ursachen der jüdischen Machtstellung muß jedoch noch eine hinzugefügt werden, die sich nur im Laufe der Zeit entwickeln konnte, fest die äußerste Bigotterie nachließ und seit im westlichen Europa die Juden zuerst geduldet, dann mit kalten Respekt und schließlich, als sie sihr, sehr reich geworden, mit serviler Verehrung behandelt - wurden. (?!) Dieses Volk — das so exclusiv, so außerordent-; lich national, so eng mit einander verknüpft ist — hat in einen: siaunenswerthen Grade die Fähigkeit gezeigt, sich mst den Ländern zu identificiren, in welche der Zufall es geschleudert. Ein englischer Jude ist ein Engländer, er liebt englisch« Sitten und englische Erziehung, er wird ein tüchttger Magistralsbeamter, spielt mit Vollkommenheit den Squire u. s w. Die ranzösischen Juden waren standfeste Freund« Frankreich währmd deS Krieges, sie dienten al» Freiwillige während der Belagerung von Paris, sie öffneten ihre Börsen dem national en Bedürfnisse und ihre Häuser dem leidenden Frankreich. Die!»rutschen Juden ihrerseits waren eben so standfeste Deutsche, und im Kriege wie im Frieden sind sie stetbereit, sich sowohl als Deutsche wie als Juden zu zeigen. ES ist die Verknüpfung der Eigenschaften beider Nationalitäten, welche die hervorragendsten unter den deutschen Juden zu ihrer hohen Stellung in der Welt de- Reichthums erhebt. In dieser Welt heißt ein Deutscher sein rin Geschiftsmannn sein, mit dem sich schwer rivalistren läßt; ein Jude aber ist ein Kaufmann», den zu schlagen fast unmöglich erscheint, und «in drutscher Jude daher ein Fürst und Hauptmann unter dem Volk«. In dieser Weise ist es den Juden gelungen, viel von der Antipathie zu überwinden, die man gegen Menschen von einer ftemden Race und fremden Religion hat. Den englischen Juden steht man nicht abseit von England und den Engländern stehen. Aber e» ist unmöglich, daß nicht ein« Art von gesellschaftlicher Schranke zwischen den Juden und tihristen fortbestehen sollte. Sie können nicht untereinander heirathen, und es tödtet die fteundschaftlichen Beziehungen de» Familienverkehr», wenn dajunge Volk weiß, daß dies« Freundschaft sich zu nicht« Weiterem entwickeln kann. Um diese» Hinderniß zu überwinden, haben viele reiche Juden ihre Religion aufgegeben und sind mit ihren Angehörigen Christen geworren. Aber di« geistig am höchsten stehenden unter ihnen schreck,m hiervor zurück und verharren in der Stellung, in welcher sie geboren wurden. Die Juden führen daher im Ganzen ein etwas reservirtes und abgeschlossenes Familienleben. Aber die Nachtheile, welche hiermit verbunden sind, werden andererseits durch Dortheile wieder ausgeglichen. Ihr Famil enleben, gerade weil e» abgeschlossen ist, hat an Wärme urd Würde gewonnen. In wenigm Familien ist so viel Beschaulichkeit, elterllche und geschwisterlich« Zuneigung, Achtung vor d<m Alter und Sorge für die Kinder, wie in jüdischen Famil, en. Die Frauen auch sind veredelt, nicht erniedrigt worden dadurch, daß ihr Wirkungskreis auf fie selbst und ihre Familie beschräntt wurde. Sie sind fast alle geschäftserfahren und fähig, an großen Angelegenhetten Lhril zu nehmen, denn bei ihrer Race hat da- Weib von je al» Gehülst» und Theilnehmerin bei jeder Angelegenheft gedient. Muß«, geisttge Aktivität und da» Bestreben, höher zu steigen, erfüllen die Jüdinnen mit großem Eifer für die Erziehung, Liebe zur Bildung und zur Kunst. Die Jsolirung der Juden endlich bewirkt, daß die meisten Männer liberal und frei von Klassenvorurtheilen find, wie anderseits die Verknüpfung mit ihren zerstreuten Brüdern sie von Beschränktheit zurückhält." » » Der vorstehend« Aufsatz ist einer jener, in neuester Zeft oft gemachten Versuche, einerseits die Aittipathir gegen die Juden zu erklären, ohne in den Ton und die Argumente der gemeinen Feindseligkeit einzustimmen, ohne die Schuld auf die eigene Religion zu schieben, welche trotz aller Lehren der Liebe den Haß nicht zu überwinden vermocht hat, vielmehr durch den Mund gar vieler ihrer Priester und Lehrer ihn immer neu genährt hat, und ohne selbst in Hinsicht auf die Rumänen und andere halbbarbarische, aber doch christliche, Völker «inzuräumen, daß lediglich Rohheit, Raubsucht und Pfaffenhetzerei die Schuld an den Ercessen tragen. Andrerseits will man das Wunder, da» thatsächlich« und ganz unläugbare Wunder der Geschichte: das Fortbestehen Israel», aller „halben (aber auch dreiviertel!) Maaßregeln" ungeachtet, erklären, ohne es dem „Fluche, der auf den Juden ruht" zuzuschreiben und ohne dem Judenthum «in Compliment machen z» müssen. Wir haben gegen „natürliche Erklärung" diese» Wunders nichts einzuwenden; die Vorsehung bedient sich allerdings natürlicher Mittel. Vieleist in der Zaturäa^ Review richtig dargestellt. Aber man spricht von dem Geldmachen der Juden, als ob Andere dies verschmäheten; man spricht von ihrem G«lde,^lls ob alle Juden reich wären, uud nicht «nter ihnen, wie überall, auf einen Reichen und zehn Vermögend« tausend Unbemittelte kämen, obgleich daS in London gewiß augenfällig ist. Man thut, als ob die Juden sich grade da wie Sand am Meere häufen, wo sie mit Füßen getreten werden, während sie nur durch den Fanatismus des Mittelalters in di« Länder getrieben wurden, die von jener traurigen Tultur noch nicht „beleckt" waren, und als ob nicht jeder Tag zeigte, wie gern di« Juden, wenn möglich, auS diesen Ländern auswandern. Man spricht von der Sympathie der Juden gegen einander, als ob dies« nicht in erster Linie reine Humanität wäre, mit der Juden gern jeden unterstützen und niemand verachten. Man übersieht, daß auch rin zehnfacher „Rothschild" doch nicht allen Armen helfen kann und nur darum zunächst die Nichststehenden, einen sehr winzigen Theil der Glaubensgenossen unterstützt, weil es so in der menschlichen Natur liegt. Man weiß nicht, oder will nicht einsehen, daß die Sympathie der Juden „gegen einander" nur die religiöse Milde und Weichheit des Herzen» ist, welche selbst den ganz vngebtldttrn und sonst rohen Juden vor Gewaltthätigkeit u. drgl. bewahrt, mft der z. B. eben Studenten oder gar Professoren einen Greis „in Folge eines sehr traurigen Mißverständnisses" todt geprügelt haben — denn wir behaupten kühn vor aller Weft: dergleichen kommt unter Juden nicht vor! irnd wir erwarten ruhig den Gegenbeweis. Man erkennt an, daß der jüdisch« Millionär den Lumpensammler nicht verachtet, daß er ihn sogar hochschätzt, wenn dieser Geist und Kentnisse besitzt, daß der Aermste sicher ist, seinen Bedarf zum Feste zu erhalten; man sucht die» künstelnd zu erklären, statt einfach den Werth einer Religion anzuerkennen, die solche» fördert, und statt den Sei«

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