Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 20.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Heymanv angenommen. Der Boi-stand soll demnach Delegtr» ie der »ftoeigvereine Deutschlands berufen und diesen eine» Plan zur Erreichung des angedeuteten Zweckes vorlegen. Behufs Eutwerfuug dieses OrganisationsplanS kann der Vorstand sich geeignete Mitglieder cooptiren Eine Neuwahl de- Vorstandes ward bis nach erfolgter Organisation ausgesetzt, und für durch Tod und Ausscheiden fehlende 3 Glieder wurden Neuwahlen vorgenommen. Das Resultat derselben legt« es offen dar, daß die Mehrheit der Versammlung entschieden für das Verbleiben innerhalb der Alliance Jsrallite gestimmt war.') 0. Aerki«, 7. März 1872. (Orig.' Corr.) Die Eröffnung der Hochschule für die Wissenschaft des Ludenthums" fand dem Programme gemäß gestern 7 Uhr Abends im Locale des Bruder-Vereins vor einer Versammlung statt, »elche durch von einzelnen Mitgliedern des Kuratoriums vertheiltr Ranen eingeladrn war,') es fanden darin die verschiedensten Richtungen ihre Vertreter. Die Arier ward durch Abfinguvg mehrerer auf die Gotteslehre Bezug habendcu Psalmennerse (Pf. 19 u. a. m.) in der Ursprache') eingeleitet, worauf H. Dr. Philippson die Festrede hielt. Redner sprach in der von ihm ja schon oft darx.elegten Weise von den Entwickelungsphasen des Iudenthums betonte dann, daß es jetzt gerade 50 Zahre seien, seit zuerst in Berlin von einer „Wissenschaft des Ludenthums" geredet worden, von den Bemühungen zur Errichtung einer jüdischen Hochschule zur Ausfüllung der lang empfundenen Lücke, bis nun endlich der Tag der Erfüllung gekommen. vr. Geiger betrat nun die Rednerbühnr- Er corrigirte zunächst den Borrchner durch die Bemerkung, daß auch, bevor man den Namen „Wiflenschaft des Luden« thums" kannte, es eine solch« gegtben, daß ste mit dem Zudenthum zugleich erstanden sei und stets geblüht habe. Dann aber kam der Redner auf sein Steckenpferd, und statt einer Eröffnungsrede Mußte das Publikum einen Kaihedrr-Vortrag über die Zweitheilung der Schrift, entstanden in dem zweigelhellten Reiche und die eine überarbeitet durch die andere, hören. Es sei Aufgabe der Wissenschaft hier zu fichten und zu ordnen. Dann wurde von der Geltung, die man auch dem Schriftthume des Restes der 10 Stämme, der Samaritaner, nicht entziehen dürfe, von alexandrinischer Uebersetzung und deren Werth zur Herstellung des Textes, vom Kampfe der den alten Traditionen treu gebliebenen Luden Palästina'» gegen das Hellenenthum geredet, Saducäer und Pharisäer durften selbstverständlich nicht fehlen und so war denn der Redner glücklich, nachdem di« Entstehung des Christenthum'S, Talmud, Islam, arab. und griechischer Einfluß, mehr in Phrasen als in Gedankenreichthum, besprochen war, in's Mittelalter gekommen, als ihn die nicht zu verbergenden gelangweilten Gesichter der Zuhörer wohl veranlagten, einen tüchttgen Sprung in die Neuzeit zu machen und auf des Tage- Ereigniß hin» zudeuten. Hier war nun der Kanzelredner wieder an seinem Platze und gab den Anwesenden, soweit sie unbefangen *) Wir erfahren anderweitig, da» di« HH. M. G. Lewp u. Dr. Cassel gewählt worden find. Red. *) Ihr Referent konnte der ihm gewordenen Einladung nicht Folge geden. Siachstehender Bericht stützt sich jckoch auf von Ohr «zeuge» n> halten« Mtcheilungen. *) Mit «nwläßten Haupte» wa» de» amoesende» Vtrragglüutigen «itzfillig sein «ichte. Hätte» dies« Vers« ja auch in der deutsch«» lleter» schimg geungen werden känneu, wen» man di« Mühe de» Nepstetzeckeu» waren» di« Ueberzeugung mit, daß es kein glücklicher Griff seitens der Luratoren gewesen sei, den vr. Geiger als Docenten an der Hochschule anzustellen. Rach beendeter Feier fand ein Souper statt, an welche« ein gemüthlicher, der Bedeutung de- Feste» angemessener Ton herrschte. Herr Direktor Lehmann, Redakteur des Magazins f. d. L. d. A. knüpft« an die Gründung der deutschen Universität in Straßburg an und brachte den Toast auf den Kaiser aus. Herr Profeffor Lazarus, dem als Liedner unbestritten die Palme gebührte, zeigte in herrlichen Worten, wie in den finstersten Zeiten unter den Luden die Wiffchaft geblüht, wie man Bolksbibliotheken hatte in den "712, nicht tobte Werke, sondern lebendig erforscht, lehrend und lernend jeder »ach seiner Fähigkeit und seinem Begriffsvermögen. Ln den Zeschiboth suchten und fanden Tausend« jüdischer Jünglinge, zu dvt Füßen ihrer Lehrer sitzend, Befriedigungen ihres Wissensdurstes. Die Neuzeit fordere eine anderer Gestaltung und so begrüß« er die Hochschule als dalang erstrebte und nicht ohne Mühe erreichte Ziel. Herr Sanitätsrath vr. Neumann trat als Vertreter des Volkes auf. Er zeigte, wie sehr diesedie Lehre und ihre Träger geschätzt, daß es für sie gebetet und das Gebet nicht aufgeben wollte, nachdem diese Träger längst nicht mehr gennisen. Er hoffe, daß man so für die Lehrer der Hochschule beten werde und wollte in dem Zusammenwirken der, so verschiedenen Richtungen angehirenden Lehrer für dir Wissenschaft, die Bethätigung des Spruche» fiuden: ,.Die Gelehrten mehren den Frieden", was auch auf die Pattheien im Volk von günstigem Einflüsse sein könne und die gefährdete Einheit des Iudenchums erhalten werde. Herr Profeffor Steinthal wendtte in sehr witztiger und humottstischer Weise der Spruch der Hagada von den „vier Kindern" auf das Verhalten der Parteien im Iudenthume gegen die Hochschule an, wobei e» an Hieben gegen die Ultta's von beiden Seiten, die er mft PETI bezeichnet«, nicht fehlte. Unter dem „vietten" wollte er die Indifferenten verstehen, die man aber immer und immer bewegen müsse, bis doch vielleicht da» Wort zünde. ES sprachen noch Herr vr. Cassel, zwei Jünger der Hochschule,' Herr Löw aus Gzegedin und Herr Adler aus Nrw-Dork Letzterer wollte in Amettka den Boden finden, wo ein nines Ludenthum, gekräftigt durch die Hochschule, erblühen werde- Auch Herr vr. Levi sprach mit großem Beifall aufgrnommene Worte, mehr im Geiste und Sinne des alten Zutenthum». Die Reihe der Toaste war damit nicht abgeschlossen, und blieb die Versammlung (es ist da» anzuerkennen) in geistig gehobener Stimmung bi» 1 Uhr zusammen. Es wäre vermessen und dem Geiste dieses Blattes zuwider, ein Uttheil, welche» ja nur ein Vorurtheil sein könnte, über die Hochschule schon jetzt auszusprechen. Wir wissen, daß brave, redliche Männer daran gearbeitet, sie in's Lebe« zu rufen, und wir schließen mit dem, aus dem Herzen kommenden Wunsche: Mögen ihre Hoffnungen nicht zu Schanden werden; möge man nicht das lebendige Judenthum tidte», indem man den Quellen, dieses Leben» nachzugeheu vorgiebt. Es ist von einem Redner gesagt worden, es gäbe einm Fanatismus der Frttheit, welcher zur Tyrannei kühtt; wir fügen hinzu, e» giebr auch einen Fanatismus sogenannter Geistesfreiheik, der wohl vernichten, zerstören, aber nicht aufbauen kann. Möge dieser Geist der neuen Anstatt fern bleibe»! -