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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 19. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 19.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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152 kare Unschuld, dem überwiesenen Verbrechen gleich verdammt wird, dann wird die Gerechtigkeit zur Farce und der Staat droht aus allen seinen Fugen zu gehen. Man hat bis nun stets Vorwände gehabt; so oft Unruhen ausgebrochen sind, hieß es, dahaben nicht Rumänen gethan sondern Fremd«, die Rumänen schütteln alle Verantwortung von sich — nun aber ist es sonnenklar, der schreiend-ungerechte Verdammungsspruch ist von Landeskindern gefällt worden, das waren keine Fremden uiehr. Der Weg, der jetzt einzuschlagen ist, liegt offen da, fein Zögern und Deuteln kann mehr zugelaffen werden, wenn I man nicht selbst in den Verdacht des geheimen Einverständj niffes kommen will. Es liegt nicht allein nur der Regierung, | aJen Besserdenkenden und Rechtlichen, allen vaterlandsliebenden Rumänen liegt jetzt ob, zu beweisen, daß Gerechtigkeit im Lande gilt, sie müssen nun das schleunigst gut zu machen suchen, was Unvernunft und Verhöhnung alles Göttlichen und Menschlichen verbrochen hat. Es schmachten in einem elenden Kerker, ehrsame, lang bewährte und geachtete Bürger, Väter» deren Familien nicht allein dem materiellen und physischen, sondern auch dem moralischen Elend entgegen gehen! Wir empfangen eben die telegraphische Nachricht über das Resultat der gestrigen Schwurgerichts-Verhandlung zu Buzeu. Die Ruhestörer, Judenhetzer und Verbrecher von Vilcov, 29 an der Zahl, sind, wir wir übrigens vorarssehen konnten, sämmtlich vollständig freigesprochen worden. Es wird uns mitgetheilt, daß der hiesige amerikanische Grneral-Consul bei der Regierung um die sofortige Befreiung der verurtheilten Israeliten nachgesucht hat." Der Ausgang der Judenprozeffe in Rumänien entspricht — so schreibt die Nordd. Allg. Zeitung offiziös — den schlimmsten Borhersagungen derer, welche den Stand der dorttgen Rechtspflege so niedrig wie möglich taxire». Die Gefahr neuer Ruhestörungen und Rechtsverletzungen ist dadurch in bedenklicher Weise gesteigert. Angesichts derselben haben die Generalkonsuln Deutschlands, Oestreich-Ungarns, Großbritaniers, der Bereinigten Staaten von Nordamerika, Italiens, Frankreichs und Griechenlands eine Kollektivnote an die rumänische Regierung gerichtet, um keinen Zweifel darüber zu lassen. wie man in der ganzen zivilisirten Welt diese Zustände beurtheilt. Sie lautet nach der N. fr. Pr. wie folgt: „Die Unterzeichneten halten es für ihre Pflicht, collectiv und in der formellsten Weise der fürstlichen Regierung die mündlichen Vorstellungen zu wiederholen, welche die Meisten unt:r ihnen von ihren Regierungen beauftragt waren, bezüglich der Judenfrage zu machen. Zunächst können sie nicht umhin, ihre Verwunderung darüber auszusprechen, daß das Ergebniß der im rumänischen Beffarabien vor mehr denn zwei Monaten angwrdneten Untersuchung ihnen bis jetzt noch nicht mitgetheilt worden ist, trotz der in der Note des Auswärtigen Amtes vom 7./19. Februar enthaltenen Versicherung. Sie haben außerdem mit ttefrm Bedauern erfahren, daß das Schwurgericht zu Buzeu, nachdem es mehrere Israeliten, bezüglich deren der General-Staatsanwalt selbst die Anklage fallen ließ, zu strengen Strafen verurtheilte, alle jene Individuen fteigesprochen hat, welche angeklagt waren, die ernstesten Erceffe und Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt Vilcov begangen zu haben. Die Unterzeichneten erblicken in diesem doppelten Derdicte die Andeutung der Gefahren, denen die Israeliten in Rumänien ausgesetzt bleiben und deren Bevorstehen für dir nahen i i Osterfeiertage erst neulich ihre gleichzeitigen Schritte bei der fürstlichen Regierung gerechtfertigt hat. Die Regierungen der Unterzeichneten werden zu ermessen haben, ob die den Angreifern der Juden erworbene Straflosigkeit nicht geeignet sei, die Wiederkehr von gewaltthätigen Scenen zu begünstigen, die eines civilisirten Staates, welcher als solcher die Freiheit und Sicherheit aller religiösen Eonfeffionen gewährleisten muß, unwürdig sin." (Gez) Thielau (Deutschland), Schlecht« (Oestreich), Pcirotto (Amerika), Le Lourd (Frankreich), Green (Engeland), Manos (Griechenland), Gloria (Italien)." — Der Buckar. Eor. d. „N. Fr. Pr." schreibt: „So vortheilhaft sich obige Adreffe von den bisher gebräuchlichen Rosenwaffer-Noten der Eonsuln uitterscheidet, so wird man sich doch nicht dadurch ins Bockshorn jagen lassen. Unsere Regierung wird nach wie vor mit ein paar schön gedrechselten Phrasen darauf antworten, und das umsomehr jetzt, als Herr Zinowieff, der ruff. Konsul, durch die Verweigerung seiner Unterschrift klar bewiesen hat. daß das mächtige Czarenreich, um deren Gunst man hier zumeist zu buhlen scheint, nichts dagegen habe, wenn man ein paar „lumpige Juden" plündert, mißhandelt und obendrein zu schiverer Kerkerstrafen oerurtheilt." Aus Lo«do« melden die englischen Blätter, daß schon am 19. April im Unterhause, angegeregt durch Francis Goldsmid, über die rumänische Judenverfolgung verhandelt wurde. G. gab eine Uebersicht der Vorfälle und verlangte Vorlegung der amtlichen Aktenstücke. Di« Motion wird unterstützt. Lord Enfield, Unterstaatssecretair, legt das bisher von der englischen Regierung Geschehene dar. „Wir haben, sagte er, vollkommenes Recht, gestützt auf den Vertrag von 185b zu verlangen, daß die Freiheit der Juden geschützt werde, und es würde eine Beleidigung für uns als Christen sein, wenn wir nicht alle in unserer Macht stehenden Maßregeln ergreife» würden, um an das Ziel zu gelangen." Nachdem auch von anderer Seite betont worden war, daß es Zeit sei „etwas mehr als bloße Vorstellungen eintreten zulaffen" (to äo sometding wäre active than mere remonstrance) erhebt sich Sergeant Simon zu längerer Ausführung. Er halte sich nicht als Israelit, sondern als Engländer bei der Angelegenheit betheiligt, sie betreffe die Ehre Englands nicht die der Juden. Haben wir, auch wir und die ftanzisischen Juden, Gut und Blut im Krimmkriege hingegeben, um an Stelle der türkischen Regierung, tvelch« den Juden Schutz gewährte, diese Rumänische Mißregierung zu setzen? Die britische Regierung und andere mögen bisher viel zu Gunsten der Rumänischen Juden gethan haben, aber eine zehnjärige Erfahrung müsse gelehrt haben, daß Alles fruchtlos sei. Lord Enfield rede immer noch von einem durch einen Juden verübten Kirchenraub, aber der Thäter sei vor 14 Jahren getauft und ein russischer Deserteur. Er räth, er verlangt eine Gesammtthätigkeit der Garanttemächte, um dem allem Menschenrechte widerstreitenden Zustande ein Ende zu machen. England muß den Rumäniern zeige», daß es ihr der Civilisation in's Gesicht schlagendes Gebühren nicht dulden werde. — Auch Dixon glaubt die Regierung werde ihre Pflicht nicht thun, wenn sie nicht etwas mehr als bisher in der Sache thäte. In Berlin wird ebenfalls eine Interpellation wegen Rumänien von Abgeordneten des deutschen Reiches vorbereitet. Auch soll Bismark mit dem. zur Zeit in Berlin anwesenden Rumänischen Finanzminlster über diese Angelegenheit bereit» Rücksprache genommen haben.

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