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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 19. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 19.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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149 I. Aerti», 28. April. (Orrig. Conesp.) Wahrscheinlich haben Sie auch Notiz genommen von einer in hiesiger Zeüung mitgetheilten Verfügung der Regierung, welche gestützt auf ein Gutachten deS „Oberrabbiners der Provinz Posen" erklärt, daß keine religiöse Veranlassung vorliege, die jüdischen Schüler vom Besuch der Schulen an jüdischen Feiertagen (mit Ausnahme der „hohen Feiertage") zu dispensiren. Hier ist eine solche Verfügung von Direktoren einzelner Gymnasien in den Mittelfeiertagen publicirt und den jüdischen Schülern der Dispens wenigstens erschwert worden. Nun weiß ich zwar, daß es keinen „Oberrabbiner der Provinz Posen" giebt, ja daß die Gemeinde Posen in diesem Augenblick gar keinen Rabbiner hat; ich weiß auch wohl, daß der Schulchan aruch nicht stricte den Besuch einer Schult am 12"'' verbietet. Aber andrerseits ist ja den jüdischen Schülern sogar der Dispens an jedem Sabbat gesetzlich garantirt, und ferner hieße es ja die leider schon weit gediehene Entfremdung der jüdischen Zugend vom religiösen Leben noch verinehren, wenn man sie anleitete, auch von den Festen keine Notiz zu nehmen und sie der Möglichkeit beraubte, an diesen Tagen dem Gottesdienste und der Predigt bei zu wohnen. Hier sind von mehreren Seiten aus die nöthigen Maßregeln gegen jene Verfügung ergriffen worden; ich glaube aber, daß die Sache auch zur öffentlichen Besprechung kommen solle. Es ist dabei zu bemerken, daß in diesem Zahre ausnahmsweise die beiderseitigen Osterfeste weit auseinander fallen, während sie in den meisten Jahren so nahe an einander gerückt sind, daß das jüdische Fest wenigstens zum größeren Theil mit den Osterferien znsammentrifft. Eine solche Differenz tritt in diesem Jahrhundert nur noch vier mal ein (1875, 1883, 1891, 1894,) und eben so für die Pfingstfeiertage. Das ändert zwar im Prinzip« nichts, erleichtert aber doch die Ausführung deffelben. — Es ist auch nichts dagegen zu erinnern, daß die Schule eiuen solchen Dispens nur auf den ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen gewährt, um dem Mißbrauch vorzubengen. Ich stelle Ihnen anheim, Erkundigungen einzuziehen, wer der betreffende Rabbiner ist und was denselben zu einer solchen jedenfalls unbedachten Aeußerung veranlaßt habe. (Es ist uns von der ganzen Sache nichts bekannt geworden, — hier haben die jüdischen Schüler auf Ansuchen der Eltern überall Urlaub erhalten. Nachträglich erhalten wir d'': unter „Posen" mitgetheilte räthselhafte Notiz. Red.) — r — H-reska«, 8. April. (Orrig. Cor-resp.) Der j Frühling, wie es denn seine Art ist, das Lebenskräftige zu er- : neuern und das Welke und Abgestorbene vollends zu zerstören,; hat auch in diesem Jahre gar viele wackere andere und weit bekannte! Glaubensgenoffen, deren frische Seele in einem zerfallenden \ Körper wohnte, in's Jenseits gerufen. Besonders Breslau hat herbe Verluste zu beklagen, am letzten Tage des Adar ist nun auch Herr Salomon Nissen jahrelangen schweren Leiden erlegen. Er war «in einfacher Kaufmann, ohne Amt, ohne Rang, ohne äußere Ehrenzeichen und dennoch hat in Nissen unsere Gemeinde einen Mann verloren, der in seiner Eigenart, in seinen Vorzügen, wie in seinen Fehlern wohl keinen seine- Gleichen hatte; und bas Wort: „Wehe über die Verlorenen, die nicht wiederzufinden sind," das so oft angewandt wird, wo uns der morgige Tag schon widerlegt, hat hier seine volle Berechtigung. Riffen war ein Mann, von der umfaffendsten Gelehrsamkeit in jüdischen Dingen und zu seinen Füßen haben Männer mit aufmerksam lauschenden Ohre geseffen, die damals schon Koryphäen der Wiffenschaft waren; gefeierte Lehrer schämten sich nicht seine Schüler zu sein. Da hatte einer bei seinen Studim eine entlegene Notiz entdeckt, er kommt erfreut über seinen Fund zum alten Riffen — wir nannten ihn so, obgleich er noch gar nicht alt war, denn er war weise — und der wußte aus dem Stegreif bester in der Sache Bescheid als der Jünger, der sich anfangs auf seine Entdeckung soviel zu Gute geichan hatte. Die jüdische Wissenschaft, die wahrlich keine engen Grenzen hat, konnte von ihm sagen: in meinem ganzen Hause ist er vertraut und heimisch. Und dieser Mann mit der phenomenalen Gelehrsamkeit war auch von einer phenomenalen Bescheidenheit, die wir in diesem Maße fast beklagen unt zu seinen Fehlern rechnen müffen. Wohl dem Manne, dem man nichts Schlimmeres vorwerfen kann! Mit einer kaum begreiflichen Angst vermied er, der doch so fest und sicher war, in die Oeffentlichkeit mit dem Resultat seiner Forschung zu treten, ja er machte es sogar, wenn er einem seiner gelehrten Freunde eine Notiz mittheilte, diesem zur strengen Pflicht, nur bei keiner Gelegenheit seinen Namen öffentlich zu nennen; ja er, der nie böse und gereizt war, der jeden Körper- und jeden Seelenschmerz geduldig trug, konnte sich erbittert zanken, wenn er in den Worten derer, die mit ihm wissenschaftlich verkehrten, nur eine leise Andeutung seiner wissenschaftlichen Verdienste zu lesen bekam. Vor mehreren Jahren hat er uns sogar der Hoffnung beraubt, daß der Bann, den er bei Lebzeiten über seine Arbeiten gelegt hatte, nach seinem Tode aufhören würde; man wußte, er hatte Vieles schriftlich ausgezeichnet und die Eingeweihten konnten nicht zweifeln, daß ein köstlicher Schatz verborgen war. Aber auch diese Hoffnung hat er zerstört; als er krank wurde, hat er den bei weitem größten Theil seiner Manuskripte ins Feuer geworfen. Nun könnte einer glauben, mit einer solchen SonderlingSnatur war der Verkehr schwer oder peinlich. O nein, es war eine Unterhaltung, wie man sie sich reizender kaum denken kann; als sei der Köcher unerschöpflich, so schwirrten und sausten ohne Unterlaß die Pfeile seine- Witzes und seiner Laune: unversehens wie aus einem Hinterhalt schaffen die feinen „Wörtchen", die glänzenden Bemerkungen hervor, und es ging einem zuweilen bei ihm wie einem beschenkten GeburtstagSkinde, daß sich gar nicht faffen kann über all den Reichthum, der ihm in den Schoß fällt. Und das hörte in den schweren Leidensjahren der letzten Zeit nicht etwa auf; auch da sprudelte der Humor wie auS einem unersieglichen Quell; oft überwältigte ihn der Schmerz, daß er nicht weiter konnte; aber wenn er wieder zu sich kam und man ihn theilnahmsvoll fragte, da berichtete er über seinen Zustand — mit einem Wihwort. Was Wunder, daß ein solcher Mann, reich an Geist, rein an Charakter, duldsam und bescheiden, recht Vielen abgestorben ist. vr. Joel sprach an seinem Grabe als Theologe, nicht als Rabbiner; der geistliche Prunk in Tracht und Redeform, der bei einer von AmtSwegen gehaltenen Rede nicht zu vermeiden ist, wäre auch bei Nissen, dem schlichten Manne, so gar nicht angebracht gewesen; ewar ein schlichtes warmes, gedanklich durchleuchtetes Wort des Mannes würdig, der eS sprach, des Mannes würdig, dem er es sprach. Aus Hflose» wird der „Neuen deutschen Schulzeitung" geschrieben: Wie allgemein bekannt, fallen die jüdischen Festtage grüßtentheils in die Schulzeit und sind für Schüler mosaischer. Glaubens, welche nicht nur niedere, sondern auch höher« Schulen besuchen, ein bedeutendes Hindrrniß zum gleichmäßigen Fortschreiten in den Unterrichtsfächern. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, haben di« Direktoren der Gymnafitn und Realschulen an die Provinzial - Schulko^llegien die

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