Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Schließlich noch die Bemerkung, daß ich auf weitere Polemik verzichte. Ich habe ihren Lesern bereitneulich gesagt, daß da- Schreiben von Zeitungsartikeln nicht einmal zu meinen Nebengeschäften gehört. Anmerkung der Redaction. Wir unsererseits können die von dem Herrn Correspondenten erwähnte RedactionSanmerkung des „Israelit" nicht mit Stillschweigen übergehen. Sie lautet: „Die Thatsache betrifft, wie nähere Erkundigungen ergeben haben, einen Mann, der mir de» Breslauern sehr eng liirt ist." Wahrlich, Herr vr. Lehmann hat in Mainz etwagelernt! Sein Spürtalent wäre echte jesuitisch, wenn es aber ein solches wäre, und er nicht bloß so thite, als ob ihm „kein Geheimniß zu stark wäre." Aber auch dies ist jesuitisch, er hat dann wenigstendas „Räuspern" gelernt. Wie charakteristisch jedoch, daß Herr vr. Lehmann glaubt, es könne nicht in diskreter Weise Unterstützung gesammelt werden» es müsse „auf nähere Erkundigung" an den Tag kommen! daß diese Erkundigungen überdies ganz irre geführt haben (wenn sie überhaupt angestellt sind, und nicht der andere Grundsatz calmuniare audacter geleitet hat,) hat der Herr Corresp. gesagt, vercuntatorern fugito nam garrulus idem est (den Spürer meide, denn er ist zugleich AuSplauderer) sagt der Dichter. Wir sind gleichwohl ermächtigt, auf Anstchen des Herrn vr. Lehmann ihm d i e Namen zu nennen, und würde» dabei darum auf seine Discretion rechnen können, weil er am wenigsten wagen könnte, das Schweigen zu brechen. Wir machen bei dieser Gelegenheit noch auf die Entstellung unsrer Worte, welche die Corresp. des „Israelit" und „das Trad. Jud." vornehme», aufmerksam. Wir hatten in Nr. 8 gesagt, das Publicandum des Wiener-Vorstandes sei so abgefaßt, als ob es sich bei den „Modifikationen" lediglich um Vortragsweise," also etwa —um eine Lech» dodi-Melodie handle. Das wird dahin verdreht, daß wir gesagt haben, „der ganze Kampf in Wien bilde eigentlich bloß einen Streit um eine Lechododi-Melodie!") Ans Hberschteste», 27. März. Sehr viel Aufsehen und böses Blut verursachte die „Einladung des Gymnasialdirectors Herrn vr. Müller zu Kattowitz zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers und Königs." Er gebrauchte hierbei noch die veraltete Formel, die „hochwürdige Geistlichkeit beider Confessionen" einzuladen. Nach einen Monitum, welches er dieserhalb von distinguirter Seite erhielt, gebrauchte derselbe zur Entschuldigung, er habe daran vergessen, daß es auch Andersgläubige Hierorts gebe. Trotzdem von verschiedenen Juden, z. B. den Herren Hammer, Sachs und R. Pringsheim, zum Bau des GymnasialgebäudeS 1000 und 15,000 Thaler geschenkt waren, und noch verschiedene andere Stipendien von denselben gemacht, und daß über */» jüdischer Schüler daß Gymnasium besucht, will er die Geistlichkeit dieser Confessio» vergessen haben? (BrSl. Ztg.) Oesterreich. E. Ait»ts§»rß, im April. In meinem letzten kurzgefaßtm Berichte benutzte ich einen an und für sich ganz geringfügigen Gegenstand als Belag für die Spannung, die hier noch immer zwische» der jüdischen und christlichen Bevölkerung herrscht, eine Spannung, die ich aus Zartgefühl nicht mit dem rechten Namen bezeichnen wollte, denn dann hieße das Kind wohl: Haß. Leider muß ich dies jedoch heute bekennen, wo ich üL w eine cause celödre Bericht erstatte, einen Fall, wie er seinesgleichen heute vielleicht nur noch in Rumänien Vorkommen kan,-. Zn ein einer jüdischen Witt.ve gehöriges Netzgrfchäft kam vor einigen Tagen rin Mädchen aus einem nahe gelegenen Dorfe um eine ihr übertragene Netzarbeit abzuliefern und daS für dieselbe zu erhaltende Geld einzukassiren. Nachdem sie solche» erhalten, entfernte sie sich alSbald, nahm aber nicht den Weg nach dem HeimathSdorfe, sondern blieb noch einig« Stunden in der Stadt, ohne ihre Elrern davon unterrichtet zu haben, daß sie erst Abends zurückkehre. Es ivährte auch nicht sehr lange, als schon die Mutter des Mädchens ängstlich in das Geschäft stürzte, fragend, wo ihr Kind geblieben, das schon längst hätte in> Dorfe sein köirnen. Die Frau bedeutete ihr, daß ihre Tochter die Arbeit abgeliefer», ihr Geld erhalten und sich darauf entfernt habe; sie sei vielleicht schon auf einem anderen Wege zu Hause engclangt, während die Mutter sie zu suchen uach der Stadt gegangen. Scheinbar beruhigt kehrte die Mutter nach dem Dorfe zurück, um alsbald wieder dem Vater Play zu machen, der ängstlich sein Kind suchte. Ja, man wisse wohl, daß die Juden zu ihren Ostern Christenblut benöthigen, man fürchte, daß dem Mädchen von den Juden ein Leid sei zugefügt worden. Die glückliche Rückkehr des sorglosen Mädchen zu den Eltern machte dei:en Sorgen zwar ein Ende, doch nicht den judenfeindlichen (Gerüchten, die seit einigen Zeiten das Dorf und die hiesige Stadt durchziehen, wo sich selbst der intelligent sein wollende Theil der Einwohnerschaft, namentlich auch zwei Damen, die hier eine Nähschule und französischen Unterricht leiten, (sie!) nicht erblödrn sich zu erzählen, daß die Tochter der jüdischen Geschäftsfrau das Dorfmädchen in den Keller geschleppt, ihr dort die Adern geöffnet, und Blut für die Osterkuchen abgezapft habe. Wahrlich meine Feder sträubt sich dergleichen zu schreiben, doch es ist leider die reine, nackte Wahrheit und Sie können sehen, wie wir hier noch im rechten „Golus" leben. Dagegen sind ja T Hatsachen, wie die, daß man den Juden hier von allen Aemtern ausschließt ein Nichts und haben wir solche kaum der Erwähung für würdig gehalten. vublau-. Aus Hdestck wird der /»Rufs. Welt" über das gestohlene Muttergottesbild geschrieben: „Schon seit einigen Tagen wurde davon geredet, daß eine „Nonne" auf dem Bazar eine von ihr gesehene Erscheinung dem Volke verkündigt hätte, der zufolge das Heiligenbild sich in einem Souterrain bei Juden befinde, welche dasselbe verbrennen wollen, aber nicht können. Am 27. März verbreitete sich das Gerücht, daß in der Bude eines Klcinrussen das Heiligenbild sich „erneuert" habe. Dieses Wort bezeichnet im Volksmunde, daß das Heiligenbild, „als ein nicht von Händen g-schaffeneS", von selbst in der Gestalt des gestohlenen Bildes der Kasprrow'schen Mutter «Notier erschienen sei. Daher strömte alles hin, um das Wunder anzustaunen. In Wirklichkeit aber war Folgendes passirt: Der Inhaber der Gemüsebudc verbreitete schon seil einiger Zeit, daß mit seinem Heilgenbild« etwas Wunderbares geschehe, den ursprünglich dunkel, kaum erkennbar — wird es immer heller und heller. Vor dem Diebstahle blieb diese Mittheilung ohne Effe.t, doch nach Verübung desselben nahm das Gerücht größer« Dimensionen an; eS verlautete, daß sogar die Lampe