Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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134 mit den Juden, welche seither bei uns einer Unzahl wesentlicher Rechtsbeschräukungen unterworfen sind, denn nur da, wo weder Schranken, noch eine Bevorzugung irgend einer Bolksklasse existirt, kommen die menschlichen Eigenschaften, nach ihren wirklichen Gehalt, zur Geltung und übrigenbilden sich gewöhnlich die Menschen, mit wenigen Ausnahmen, ihre socialen Begriffe nicht nach abstracten wiffenschaftlichen Anschauungen, sondern nur nach den Thatsachen, welche ihnen im praktischen Leben entgegentreten. Auf diese Weise hat sich auch unsere christliche verölkerung viele Jahrhunderte hindurch mit der Idee befreundet, daß der Jude, als Paria der Gesellschaft, stets nur eine erniedrigend« abhängige Stellung einnehmen darf. Nachdem aber in neuerer Zeit, den Juden in einigen Landestheilen, nanientlich im Gebiete der gewerblichen Thätigkeit, einige Rechtserwnterungen gewährt wurden, so daß sie hierin fast mit den anderen Bolksklassen gleichgestellt sind, und sich auf diese Wesse Einfluß und Ansehen in Odessa verschaffen konnten, da entstand eine Disharmonie zwischen der wirthschaftlichen Stellung der Odessaer Juden und ihrer juridischen Verfassung, oder besser zwischen dem, waS st« im Sinne des Gesetze sein sollen, und waS sie in Wirklichkeit geworden sind. Diese Erscheinung konnte auch nicht verfehlen den Christen in die Augen zu stechen, für jeden derselben war eS schon empörend, daß der Jude, welchen er von seiner Jugend an als ein verächtliches Wesen, nicht ohne gesetzlichen Grund, betrachtete, sich plötzlich zu ihm auf gleiche Stufe stellt und ihm sogar die fetten Bissen entlockt. Der Russe, Grieche, Italiener u. s. w. erträgt geduldig jede Concur.enz, als normal und gesetzlich zulässig, höchstens machen sie sich gegenseitig eine Monopolisirung der Geschäfte streitig. Alle diese aber vereint gerathen in eine edle Entrüstung, wenn die aus der Gesellschaft ausgestoßeueu und zu einer Art von Sklaverei verdammten Juden sich erkühnen, etwas von den vaterländischen Delicatesien kosten zn wollen. In gleicher Weise ist auch der russische Advocat in Odessa darüber ungehalten, daß der Jude, anstatt des angestammten Faktorwesens und der traditionellen Schacherei, sich nunmehr der Advocatur zuwendet und ihm die einträglichen Geschäfte entzieht, well er eben die Frechheit besitzt, sich das Vertrauen der Christen zu erwerben und seine Sache gründlich zu verstehen. Die Handwerker klagen, daß sich viele Juden mit Handwerk beschäftigen und behaupten, nicht mit Unrecht, daß sie ohne dies« Concurrenz in Odessa besser fortkommen würden. Endlich sind alle übrigen Bürger damtt unzufrieden, daß Juden, — diese Parias der Gesellschaft — Wohnungen und Dienstboten miethen, wodurch sie eine Steigerung der Preise zu Wege bringen. Nächstdem ist aber auch zu berücksichtigen, daß die Arbeiter, welche bei den Juden die Fenster einschlugen, ihre Habe raubten und vernichteten, größtencheilS zu den Zuzüglern aus dem Innern Rußlands gehörten, da wo nämlich den Juden der beständige Aufenthaft gesetzlich untersagt ist. Der gemeine Russe glaubt, daß dieses Borbot nur zum Zweck habe, die Juden daran zu verhindern, durch ihre Anwesenheit den heiligen russsschen Boden zu entweihen. Wie muß ihn daher der Anblick einer russischen Stadt, wie Odessa, empören, wo er di« Juden sogar in einer hervorragenden Stellung sieht? Kein Wunder, daß er in seinem Aerger der Zerstörung jüdischer Häuser und Läden gern seine Hand bietet. Daß unser Nachweis der Urssachen, welche den Judenhaß in Odessa Hervorrufen keine Paradoxie sei, überzeugt unS die analoge Thatsach«, welche der berühmte Beobachter Dooqusvills vor. historisch-psychologischen Standpuntt aus, so treffend beleuchtet. So lang nämlich der französische Adel im Bollgenusse seiner feudal politischen Rechte verblieb, ertrugen die Bauern geduldig den lästigen Frohudienst; von dem Augenblick aber, wo die polittschen Vorrechte des Adeldurch den König geschmälert und eine Gleichstellung mit den übrigen Ständen erzielt wurde, entbrannte auch der Groll der Bauern gegen die Privilegien des Adels immer mehr und mehr, bis solcher zu einer großen Revolution ausartete. Auch in dieser Erscheinung sahen wir die Folgen eines Widerspruchs in der socialen und wirthschastlichen Stellung einer gesonderten Volks klasse hervortreten, denn Nichts stiftet so sehr den Unfrieden unter den vers.,iedenen Elementen der Bevölkerung, als eben dieser Widerspruch. Wünschen wir anders, daß dergleichen Borkommniff.', wie sie sich im vorigen Jahre in Odessa zugetragen haben eine absolute Unmöglichkeit werden, so müssen wir dar einzige, wenn auch langsam wirkende Radicalmlttel in Anwendung bringen und diesewäre: die Beseitigung der Rechtsungleichheit der Juden, indem nachweislich diese RechtSverkümmerung den Urquell des Haffes und Neides bildet. „Schaffen Sie ein Gesetz, wonach alle rothhaarigen Leute Ausnahmegesetzen unterstellt werden, so wird sich auch bald unter allen Rothhaarigen der Welt ein „Solidarität gebildet haben," sagte ölaoaula^ im Parlamente gelegenheitlich der Juden - Emancipationsfrage. Jedoch wäre die Solidarität nicht die einzige Folge eines solchen Gesetzes, denn die Generation, welche unter solchen Berhältnissen heranwachsen würde, wäre von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Rothhaarigen für eine Ausnahmestellung geschaffen sind und daher auch darin verbleiben müssen. Wenn aber diese Rothhaarigen an einem schönen Morgen auch nur einen winzigen Theil gesellschaftlicher Gleichheit erlangt, und sich ein wring auf di« sociale Stufenleiter erheben sollten, so wird der Pöbel hierüber bald in Wuth gerathen, die Fenster bei den Rothhaarigen einschlagen, u. s. w., dann aber wird auch der intelligente Theil des Pöbels den Beweis zu führen wissen, wie den Rothhaarigen recht geschieht, weil sie in einer Abgeschlossenheit und weltumfassenden Solidarität leben, auch Alles an sich reißen." (Siehe w. u. „Rußland.") Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stetti«, 15. April. Zu der im vor. Blatte nach der „Danz. Z." berichteten Beförderung d«S vr. Hirschwald zum Reservelieutenant in der Garde bemerkt die hiesige N. N. Z „So erfteulich immerhin der Fortschritt zur Gleichheit vor dem Gesetz ist, so wäre cs doch noch erfreulicher, wenn derartige Fälle, wo einfach den Landgesetzen Genüge geschieht, nicht mehr an die große Glocke gehängt zu werden brauchten." UebrigenS ist in der Wochenschrift 1871 S. 254 berichtet, daß Julius Ursel, KammergerichtS-Referendar in Berlin, während des Krieges zum Lieutenant im 2. Garde-Landwehr Regiment befördert worden ist. Demnach ist eS mit dem ersten jüdischen Garde-Offizier nicht einmal richttg, und gebührte dem oben genannten Ursel die Anciennität. — Ueber Ko sch stellen wir noch einige Notizen zusammen. Seine äußere LebenSgeschichte verlief einfach, bietet der Wech-