Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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133 Ei»e Stimme aus Nubland. Königsberg, den 10. April 1872. 8. Die in St. Petersburg erscheinende russische Zeitung „die neue Zeit" (Nowoie Wijema) giebt in einem ausführlichen Leitarkel der Nr. 81. bemerkenSwerehe Details über die Judenhetzen, welche in Odessa zun, Borschein kommen und die auch augenblicklich die jüdische Berölkerung, da die Gährung im Pöbel eine Widerholuug der betrübenden Scenen des Vorjahres prägnosticirt, mit größter Angst erfüllen.*) Der nachstehende Artikel der „neuen Zeit" verdient in sofern besondere Beachtung, da diese Zeitung, trotz der wüthenden Anfälle, welche die Redacrion für die in einem Leitartikel ausgesprochene Verdammung der Gräuelthaten gegen die Juden in Rumänien, seitens der reactionären, sogenannten allrussischen Organe und bedrohliche anonyme Schmähbriefe erfahren mußte, sich nicht scheut, für die so sehr gedrückten russischen Juden mit aller Energie einzutreten, und die wahren Ursachen der Verfolgung rückhaltlos aufzudecken, ohne daß sie es für opportun hält, wie es andere judenfreundliche Zeitungen gethan haben, wenigstens einen Theil der Schuld den Juden selbst zuzuschieben. Der beregte Artikel enthält auch manche wichtige Mitthellungen über die feindseligen Gesinnungen und schädlichen Anschauungen, welche bei dem russischen Volke in Bezug auf die jüdische Nationalität Wurzel gefaßt haben, woraus wohl diejenigen Philanthropen, welche, mit den rusiischen Zuständen wenig bekannt, nur auf unzuverlässige Nachrichten und Inspiration hin, für eine Förderung der Einwanderung inS Innere des Reichs fortwährend plaidiren, gut« Lehren ziehen können. UebrigeuS ist auch selbst den Handwerkern der früher gestattete zeitweilige Aufenthalt durch eine neue Interpretation des bezüglichen Gesetzes (UkaS des Senats vom 15. Februar a. c. Nr. 8915) so sehr erschwert worden, daß die Ausweisung der Juden, namentlich aus den Hauptstädten, massenhaft geschieht und der Rücktransport derselben nach den westlichen Provinzen, in Begleitung der gefangenen Verbrecher, jetzt an der Tagesordnung ist. Der Artikel der „neuen Zeit" lautet: St. Petersburg, den 23. März (4 April n. St.) Die beunruhigenden Nachrichten aus Odessa lassen uns befürchten, daß die vorjährigen Ausschreitungen des Pöbels sich auch in diesem Jahre wiederholen könnten. Jene bedauernSwerthen Auftritte verdankten bekanntlich ihre Entstehung einem verbreitetem Gerüchte, daß die Juden daS Kreuz von der griechischen Kirche entfernt hätten, wogegen sich später herausstellte, daß der Geistliche dieser Kirche, Herr Gorgoly, das Kreuz abgenommen hatte. Der Geistliche zog eS jedoch vor, nach Art eines wirklichen griechischen Diplomaten, vorerst i die Beendigung des Kampfes abzuwarten, um dann mit der! Erklärung heroorzutreten, daß die Beschuldigung der Juden, welche alS oasus belli diente, grundlos war. Gegenwärtig wird zur Anschuldigung der Juden ein ähnlicher Borwand in dem räthselhaften Verschwinden des Casperschen Madonnenbildes gesucht' und bleibt eS nun fraglich, ob auch dieser Vorfall erst nach einem vorangegangeiien Lynch-Gerichte des Volkes seine Aufklärung finden werde, oder ob eS dieseSmal vielleicht den Juden gelingen werde, dem in daS Geheimniß Eingeweihten, mit Hülfe des auSgesetzten Preises, die Zunge zur gehörigen Zeit lösen zu können. Die Entscheidung hierüber muß einstweilen der Zukunft Vorbehalten bleiben. Hoffen •) Da» russische Osterfest Mt d. I. aus den 28. April. (Red.) wir jedoch, daß die Juden dieseSmal nur mit dem Schreck davon kommen werden, und daß die Behörden in Odessa diese Erwartung durch geeignete Vorkehrungen zu verwirklichen bemüht sein werden, da es sonst letzteren schwerlich wieder gelingen würde, sich dadurch ,u rechtfertigen, daß ihnen die Mittel zur Unterdrückung der Unruhen fehlten, zumal sie schon die Erfahrungen vom vergangenen Jahre vor sich haben, und ihnen auch nichts im Wege steht, sich mit den erforderlichen Attributen der Macht zeitig zu versehen. Es ist in der Thal kaum begreiflich, daß in einer Zeit, wo die Regierung, selbst die in Rumänien, der Verfolgung der Zuden nachdrücklich zu steuern sucht, dieses Uebel, welches sonst nur epidemisch auftrat, jetzt einen endemischen Charakter annehmen, und bei uns, so zu sagen, das Bürgerrecht verlangen konnte. Schreiten wir zur Untersuchung der Ursachen, die den Haß der christlichen Bevölkerung in Odeffa gegen die dortigen Juden in einem sehr hohen Grade heraufzubeschw^ren "ermochten, so wird sich gleich die Frage, aufdrängen, wie eS kömmt, daß in einem Orte, wo so viele verschiedenartige Nationen friedlich zusammenleben, gerade die Juden eS dahin bringen, so sehr angefeindet zu werden, daß die geringste Beranlaßung zu Gewaltthätigkeiten gegen sie führt? Hier kommen wir auch unwillkührlich auf den Gedanken» daß die Juden ganz besondere, für alle andere Nationen antipathische Eigenschaften an sich tragen. Allerdings liegt dieser Grund unS am nächsten und wird derselbe schon deshalb zutreffend gefunden, weil wir eben dadurch im Stande sind, 'auf die Irden selbst sdie Verantwortlichkeit für die ihnen zugefügte Unbill zurückweisen und manches Gewiffen, das sich bei solchen Schrndthaten empört, beschwichtigen zu können. Diese Anschauung, so täuschend und einleuchtenij sie uns auch vorschwebt, verstößt im Grunde doch gegen die Wahrheit, denen die wirklichen Ursachen des Judenhaffes in Odeffa sind auS ganz anderen, wenig sichtbaren Quellen herzuleiten, wie wir dieses auch näher Nachweisen wollen. ES unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Jndenhetzen in Odeffa hauptsächlich von den Griechen angezettelt worden, ferner ist eS eine Thatfache, daß die Griechen, noch vor kurzer Zeit, den Handel in den südlichen Landstrichen fast ausschließlich in ihren Händen hatten, und die Juden erst seit dem Krimkriege als ihre mächtigston Concurrenten sauftraten. Letzteres ist auch der erste Real-Grund des unvesöhnlichen Groll'S, dm das reiche und durch Verwandschaft init dem herrschenden Volksstamme einflußreiche griechische Element gegen die minder günstig situirten Juden fortwährend hegt. Außer dem giebt c* noch tiefer liegende und nachhaltig einwirkende Ursachen, die wir hauptsächtlich in der Rechtsungleichheit und der gesellschaftlichen Ausnahmestellung der Juden finden. Von jeher haben alle Nationen bei uns, in ihrer bürgerlichen Stellung, besonders aber im gewerblichen Verkehr, sich der ausgedehntesten Freiheit erfreut und nur die Juden machm eine traurige Ausnahme von dieser Regel. Wenn also, unter diesen Umständen in Odeffa ein Deutscher, Grieche oder Italiener zu Reichthum gelangt, so wird dieses keinen Neid bei den anderen Nationen erwecken, denn jede derselben lebt in dem Bewußtsein, daß sie ein gleiches gesehtlicheS Anrecht auf diejenigen Leckerbissen habe, welche die große Tafel deS Lebens bietet. Der reiche Erwerb wird in solchem Falle dem Deuffchen oder Griechen, weder auf Rechnung seiner Nationalität, noch der Religion gestellt, sondern einzig und allein seiner Persönlichkeit i und seinen Fähigkeiten zugeschrieben. Ganz anderverhält eS sich