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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 17-18. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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132 spricht, heraus. Vier Parteien, sagt der Midrasch, gab es unter »nsern Vorfahren am Schilfmeer. Die erste sagte: „wir wollen nach Egypten zurückkehr»" — ihnen sagte Moses: ihr werdet Egypten nie wieder sehen; die zweite sagte: „wir wollen kämpfen" — ihnen antwortete Moses: „Gott wird für euch streiten; die dritte sprach: „wir wollen uns in das Meer stürzen" — ihnen rief Moses zu: bleibt stehen und sehet dre Hilfe des Herrn! die vierte schrie rathloS untereinander — ihnen rief Moses zu: „ihr schweigt stille!" „Zurück nach Egypten," sprach die erste Klasse. Co spricht auch heutzutage eine Partei. Es hat besonders in Anbeginn der neuen Zeit nicht wenige gegeben, die das Fallen der Schranken, der Judengassen und ihrer Eisenpforten, ungern, zagend ansahen, Gefahr ahnten und das Wort im Munde sühnen „die Niedrigkeit steht Israel schön." Und wenn heute auch Niemand mehr die Zeit der Knechtschaft zurückivünscht, so sehen doch manche kein anderes Heil, keine andere Stellung für Israels wahres Leben, für Glauben und Gottesfurcht, als m unbedingten Festhalten oder Zurückführen der alten Zurstände in Synagoge, Schule, Haus und Gemeinde, alles soll bleiben, alles wieder werden, wie es in den traurigen Zeiten der Knechtschaft gewesen und entstanden ist. Es wäre vorschnell, diese Männer einfach als Thoren und Verblendet« zu verlachen. Sie sehen und sie fühlen mit großem Schmerze, wie einenach dem andern fällt und abstirbt, wie man hier noch einen Feiertag hält, da noch zwei, dort gar keinen, hier noch ein Gebot, dort gar fein?; kein Sabbath, kein Gottesdienst; gebrochen der Bund des Fleisches, verloren die LundeStreue in den Geistern. Sie sehen, wie man das Iudenthum immer weniger kennen lernt, liebt und achtet, wie Tausende nur noch dem Namen nach Juden sind, und auch danicht, »eil sie sich deS Namens schämen. Jene Ansicht hat darum ihre Vertreter nicht nur fern vor den Städten, nicht nur unter denen, die an der allgemeinen Bildung wenig theilgenommen haben, nicht nur unter den Armen, deren einziger Trost die Religion ist, sondern auch unter denjenigen, die mit Glücksgütern gesegnet sind, aber nicht im Golde allein ihr Seelenglück finden; auch unter solchen, die auf der Höhe der Bildung stehen, aber ihren Verfall mit überblicken und die Schattenseiten des Zeitgeistes nicht übersehen; auch unter denen, die in den großen Städten wohnen, den Sitzen der Sittenverfeinerung und — der Sittenlostgkeit. Eben da sehen sie, wie unter Israels Männern und Frauen der häuslich« Sinn schwindet, die Einfachheit, Mäßigkeit und Treue, unter Israels Jugend Cittenreinheit, Gehorsam gegen die Eltern und Bescheidenheit, wie da und dort wieder einer in das Meer der Ausgelassenheit und Ueppigkeit versinkt. „Verloren geht die Treue, aus ihrem Munde schwindet der Glaube," so rufen sie . . . Aber denen, die verzagend nach Egypten zurückkehren wollten, rief Mosezu: „ihr werdet Egypten nicht Wiedersehen!" Wir wollen dabei gar nicht an eine Rückkehr des alten Elends denken, von der Gott in Gnaden bewahren möge — wir verstehen es von einer Rückkehr der alten inneren Zustände. „Ihr werdet sie nicht Wiedersehen," heißt es auch da. „WaS vergangen ist, ist vergangen." Wie jeder Frühling neue Sprossen treibt, so bringt jede neue Zeit neue Erscheinungen und Gestaltungen deS Lebens zu Tag«. Kommt auch Unkraut mit auf, wer will eS dem Frühling vorwerfen? Unkraut, ja Giftpflanzen, ärgern sie dich, so jäte sie auS, halte sie von deinem Gart» fern — wahre dein HauS, deine Kinder vor dem Verderben, dm bösen AuSzeburten de- Zeitgeistes — sonst kümmere dich um das Unkraut nicht, es wird die Welt nicht füllen, es vergeht von selbst. So haben unsere Waisen schon vor graum Jahren gesagt: „laßt uns früh und spät mit den Unsrigen Tora lernen und üben, so wird der Abfall von selbst vergehen." Die zweite Klasse bildete am rothen Meere den geraden Gegensatz zu der ersten; sie sprach: „wir wollen gegen die Egypter kämpfen!" Auch heute ist Kampf, Krieg die Losung einer Partei. Sie ist von Haß gegen Egypten, d. h. gegen alles, was an die Zeit der alten Knechtschaft erinnert, erfüllt, sie möchte das Gedächtnis jener Jahrhunderte auslöschen, selbst die Namen und die Leiden der Märtyrer sind ihnen gleichgültig. Sie sieht in allem, was in jenen Tagen entstanden ist, in allem, was an die Ausschließung Israels erinnert, ja in allem, was früher bestanden hat, auch an dem Ehrwürdigsten, nur die Nachtheile, alle väterliche Sitte ist ihr zuwider, sie haßt und bekämpft sie grundsätzlich. Es soll auch im religiösen Leben der Juden nichts sein, was sie von andern trennt und unterscheidet, und jene Männer erblicken in allein Schranke und Hemmniß. Sie sehen stets auf den nachrückenden Pharao, sie möchte» den Gegnern Israels jeden Vorwand zur Ausschließung oder Zurücksetzung benehmen. Sprach man zu ihnen: das talmudische Judenthum ist ein Hinderniß eurer rechtlichen oder gesellschaftlichen Gleichstellung, so hieß es: wir sagen uns von ihm los; sprach man, warum feiert ihr einen besonder» Ruhetag, so hieß es: wir wollen ihn verlegen; sagte man, warum haltet ihr euern Sabbath so streng, so hieß es: wir thun es schon nicht mehr, und was man nennen mochte, sie waren bereit es aufzugeben. ES zeigte sich freilich, daß ein eingewurzelte pharaonische Gesinnung durch keinerlei Nachuud Aufgeben zu beschwichtige» ist; aber eS giebt immer noch viele, die es versuchen möchten; sie schauen imnier noch rückwärts, führen den Fortschritt im Mund und sind in der Thal hinter der Zeit zurückgeblieben, welche längst gelernt hat, daß der Israelit Recht und Achtung nur gewinnen kann, wenn er seine Religion, seine Vätersitte achtet und um der Feindseligkeit willen durchaus keine Eoncessionen macht Indem der Blick dieser Partei so rückwärts gewendet ist, auf den Feind, sieht sie vor sich nicht das Meer, sieht nicht, daß sie zu gänzlichem Abfall und Unglauben leitet; und indem ihre Losung Krieg ist, ftagt sie nicht nach dem inner» Kampfe, den sie herbeiführ», nicht nach dem Riß, der in den Gemeinden Israels entsteht, in den Häusern, zwischen Eltern und Kindern. Moses aber ruft jener Partei am rothen Meere zu: „Gott wird für euch streiten," und so muß man jetzt in ähnlicher Weise sagen: ihr müßt mit und für Gott streiten, sonst ist es ein Kampf um die Güter der Erde, dem der Sieg entgeht, oder, wie Moses ein andermal sprach: „kämpft nicht, denn Gott ist nicht in eurer Mitte!" Man muß auch heut die Mahnung hinzufügen: geht nicht weiter, sonst bleibt Gott nicht unter euch. Glaubt ihr einem Theile der Gegner Israels zu gefallen, so verfallt ihr dem heftigeren Zorne, dem weit gefährlicheren Hasse derjenigen, die aus überschwänglichen Glauben unsere Feinde sind und daS neue Kampswort auSgegeben haben: „die heutigen Juden sind nicht die Bekenner deS auch von unS hochgehaltenrn alten Bandes, des mosaischen Gesetze-, es sind Menschen ohne Religion, die Feinde und Verderber staatlicher und sittlicher Ordnung." (Lchluß in der Vellage.)

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