Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 15.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935597--1152-5370783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
118 Berichte und Correspondenzen. ScntTdilaa). Merkt«, 29. März. (Orig.-Corresp.) «nt Purimabend ist in der neuen Synagoge die Megilla nicht verlesen worden, vr. tsteiger hielt dafür eine Predigt. Ich habe dieselbe nicht gehört und erfuhr nur, daß er zu Gaben für die persischen Juden aufgefordert und die natürlich« Anknüpfung an das Festgebot der Wohlthätigkett und an di« persische Purimgeschichte benutzt habe. Die Beilage zur Nationalzeitung vom 27. d. Mts. eröffnet mir jedoch «inen neuen Gesichtspunkt. Ich lese dort einen Bericht über jene Predigt — freilich ein bezahltes Inserat und durchweg eine plumpe Reclame — welcher folgenden Satz enthält: . „Der wahre Bolkshirt müsse mit Hinrenansetzung und Verleugnung seines eigenen Ich'S seine höchste Lebensaufgabe darin suchen, selbst mit den schwersten Opfern für das Wohl und das Heil der lsiesammtheit freudig zu kämpfen und zu wirken. Und eben durch diese Opferwilligkeit zeichne sich die von chm angestrebte Reform im Iudenthum aus, welches er in dem Geiste anffaffe, daß es nicht eine Religion Köhler Phrasen, sondern eine Religion der That sei, welche ihren Ausgangspunkt in der Humanität und Bruderliebe findet, während die Gegnerschaft dieser Reform (die Orthodoxie) weiter mchts als die Beobachtung von Ceremonien und Formen predige, jenen Kern der Religion aber zumeist gänzlich außer Acht laste." WaS sagen Eie zu diese: ebenso gänzlich aus der Luft gegriffenen und thatsächlich verkehrten, wie nichtswürdigen Insinuation? Ein Blick in die Ependeüsten zeigt, daß Orthodoxe wie Reformer in den Limits'- gleich lhätig und mit ihren Gaben gleich vertreten sind. Daß gerade die Rabbiner Geiger und Aub keine Aufforderung erlassen und daß theilS vr. Hildesheimer, theils Gemeindemitgliedrr die Sache in die Hand genommen haben, nachdem bereits die Witzblätter die Thrilnahmlofigkeit der Berliner Juden gegeißelt hatten, das alles find notorische Ding«. Aber die Ultra'- der Linken wie der Rechten gleichen einander darin, daß sie aus allem Parteisach« machen und aus allem für sich Capital schlagen möchtm. (Höchst seltsam ist es, daß, wie eine Correspondenz des > „Isr." berichtet, Rabbiner Dreqfuß in Meininger, ganz ebenso wie vr. Geiger gesprochm haben soll. „Man möge, soll er . gesagt haben, diese Sammlung nicht mit der für die armen . Jaden in Palästina, welche nur von den „Orthodoxen" und „Asten" unterstützt werden, verwechseln, diese (die persischen) > Jaden werden zum größten Tbeil von den rrformirten Ge- ■ meinden unterstützt." Da ist es freilich provocirt, daß der > Redacteur des „Isr." darauf hinweist, daß rS gerade Koryphäen der strengsten Orthodoxi: sind, di« die größten Summen > . für die persische» Juden gesammelt haben. Red.) | t. Martt», 3. April. (Lrig.-Eorresp.) — Sonntag, den > 31. März, beging mcht nur die jüdische Gemeinde, sondern > auch die ganze Stadt Berlin eine Feier, welcher an Erheben-! dem und Weihevollem nur selten ein« gleichkommen dürste.! Es galt, den irdischen Ueberre'tea des »«sstorbeaen Abgeord- > neten vr. Raphael Jacob Kosch vor deren Ueberführung nach i Königsberg in Pr. die letzte Ehre zu erweisen. Auf 11 Uhr Vormittags war der Anfang der Feier festgesetzt, und schon - nach 9 Uhr war der an die -Synagoge angrenzend« Theil der j Oranienburger Sttaße mit einer wogenden Meng« festlich Ge- I kleideter aller Lonfrsfionen angefüllt, welche den Beginn der j Feier nicht versäumen und wohl auch ein bequeme- Plätzchen J nicht verfehlen mochten Kaum aber war um 10'/, Uhr ge-! öffnet worden, als schon das Gotteshaus so übervoll war,; daß mancher Platz von drei bis vier Personen besetzt war. i Und doch herrschte in den weiten Räumen die feierlichste Stille, j der beste Beweis dafür, daß es nicht Schaulust war, was die j zahlreiche Menge zusammengelockt hatte. Uebrigens war auch des Sehenswerthen — was wenigstens Pracht und äußern Glanz betrifft — nicht viel vorhanden, sondern einfach und fast schmucklos, ganz angemessen dem Wesen des zu ehrenden | Tobten, stand unter Blumen und frischen tftewächsen der Kata- I fall da, zu seinen Häupten und Fußende durch je einen Lorbeerkranz, und sonst hie und da durch einen Palmenzweig geschmückt. Unter den Anwesenden erblickte man in den vordersten Reihen die meisten der in Berlin lebeitden Abgeordneten jeder Richtung, den Minister Eulenburg und, ivenn ich nicht irre, auch Selchow. Nach einem kurzen Gesänge begann vr. Geiger die Gedächtnißrede, in welcher er zunächst als Zweck der Feier nicht die Klage um den Heimgang eines solchen Mannes und den unersetzlichen Perlust, welchen besonders seine Glaubensgenossen durch seinen Tod erlitten, sondern die Besprechung des wahrhaft Göttlichen in diesem Manne angab, angemessen der Stätte, an welcher man sich im -lugenblicke befinde. Die Rede schilderte nun hauptsächlich das Versöhnliche, Gewinnende, welches den Verstorbenen in seinem ganzen Leben so sehr kennzeichnele, und die Wärme und Innigkeit, mit ivelcher er den Ideen der Freiheit und Einheit angehangen und in der Welt Anerkennung zu erringen sich bemüht habe, als Israelit und Kämpfer für eine Gesellschaft, deren Menschenrechte lange Zeit hindurch verkümmert geblieben seien. — Noch seine, letzten Worte wären eine idealistische Auslegung des jüdischen Bekenntnißspruches gewesen, indem er als das höchste Ideal menschlicher Entwickelung daS “TW, die Einigkeit und Gleichberechtigung Aller erklärte. Hierauf stimmte der Ehor den Psalter an: „Was voit Staub, geht Helm zum Staub." Nachdem er geendet, richtete vr. Löwe-Calbe, einer der ältesten Freund« und parlamentarischen Gesinnungsgenossen des Verblichenen etwa folgende Worte an die tief ergriffene Trauerversammlung: „Nicht ein Mitglied Ihrer Gemeinde, rin guter Bürger seines Landes, deffen Name stets unter den Ersten und Besten genannt werden wird, ein Vertreter seine- Volkes ist es, um den wir an dieser heiligen. Stätte klagen. Er hat mitgewirkt in der Vertretung dieses Landes seit dem Augenblick, wo zuerst ein öffentliches Leben in diesem Staate sich entfaltet hat. Auf chn zuerst fielen die Augen seiner Mitbürger, als es sich darum handelte, ein Mitglied zur Volksvertretung zu wählen, und mehr als seine Talente war es sein untadelhaster, reiner Charakter, der ihn zu dieser ersten Stelle des öffentlichen Wirkens berief. So befand sich Kosch unter dm Gründern unserer Berfaffung, unter derm Schutz wir Alle leben. Der Mittelpunkt seines Strebms aber war der Kampf für di« geistig« Freiheit unseres Vaterlandes, in den er rintrat mtt der ganzen Festigkeit seine« Charakters, mtt dem so großen Scharfsinn seines Geistes, dem er aber durch die versöhnende Achtung, dir er stetdem Gegner zollte, die Schärfe »ahm. Die Sicherheit seiner Beweisführung str der Geltendmachung de- Rechtes, die Retnhett seine» Wandels, die Makellosigkeit seines Lebens gewannm ihm vor Allem die Hexzen der Gegner, denen er zu-