Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 15.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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117 Während aber bis jetzt Religion doch im allgemeine» für Andere und im Princip als wichtiger und maßgebender Lehegegenstand gilt, wird sie fortan mir Zeichnen und Singen auf gleicht Trust herabgedrückt werde». Jeder weiß. wie ivenig Gewicht Schüler und Eltern aus Bücher legen, di« bei der Versetzung u. dergl. keine Rolle spielen. „De« Nachbar» Wand brennt," da» Gleichniß paßt hier in der Thal. Da» Zudeuthnm, die jüdischen ReligionSlrhrer und ReligionSbehirden (wenn eS überhaupt solche gäbe) haben «S nicht verschuldet, datz rin großer Theil der gebildeten Klassen den Religionsunterricht verwirft; andere i'tutc hoben durch Unverstand, Herrschsucht, Fanatismus u. s. w. die flammen deS Zornes angezündet, der sich gegen Religion und Religionslehre wendet, aber unser Haus ist nun bedroht. Allerdings wird das israelitische Haus, wenn es religiös ist, der Vater, wenn ihm Zudenthum am Herzen liegt, unter allen Umständen für ReligionSuntericht, Lorakenntniß, Sorge tragen, daß dies aber allgemein geschehen werde, das wäre eine arge Täuschung.*) Und darin läge keine Gefahr? ES ist hier nicht der Ort, über konfessionslose Schule, klassische und Realschuldildung zu reden. Wir wollen einen Mann sprechen lassen, drffen liberale Gesinnung Memand in Zweifel zieht. Treitschke sagte kürzlich bei der Debatte über den Kanzelstrafparagaphen: „Glauben sie einem Lehrer der Zugend, der mit schmerzlichster Bewegung das Heranwachsende Geschlecht sich immer mehr abwenden steht von den idealen Gütern des Lebens, um sich der Genußsucht und dem Materialismus in die Arme zu werfen! Auch einen starken Mann kann eS erschüttern, zu sehen, wie die edle, klassische Bildung verdrängt wird von der Zeitungsphrase und der lebendige kirchliche Glaub« durch daS Einmaleins." Und für die Juden liegt in dieser Richtung «ine besondere Gefahr! Die Erziehung unserer Zugend richtet sich besonders auf das Materielle. Wir haben hier keine Rechtfertigung gegen unbegründete und unverdient« Vorwürfe zu schreiben, sondern die Wahrheit von Thatsachen zu «.kennen und gelten zu lassen. Während also bei den Christen immer rin bedeutender Theil der höher gebildeten, tonangebenden und auf daS öffentliche Leben bestimmend einwirkenden Kieise die höheren Schulen absolvirt und dann den Studien, sich widmet, ist dies bei den Zuden nur bei einer winzigen Minderheit der Fall. Alle übrigen Söhne der Reichen und des Mittelstandes wenden sich den lukrativen BerufSzw«igrnzu. Mit allem Eifer werden diese Zöglinge durch die unteren und mittleren Klaffen der Schule getrieben; das Ziel ist nicht daS Lernen an sich, noch weniger edle, höhere, echte Bildung de» Geistes und de» Herzen», da» Ziel heißt: „vorwärts, damit der Zunge so früh wie möglich in'» Geschäft komme i viel, sehr viU von dem Erlernten wird dann rasch wieder vergessen, weggeworfeu; Ettern und Schüler wissen das vorher, aber «S muß erlernt werden, der Knabe muß ja di« Klaffen durchmachen, da»,Einjährig« Zengniß" erlangen; sonst freilich wäre ihnen da» «eist« nnr von llrbtt und nicht» nothwendig al» schöne Handschrift, tüchtige» Rechnen, französisch und englisch •) Sk flkdbMr Repräsentanten habe« freilich i» ihre« Protest« gegen bi« Petition Mgc» M israelitischen «eli^oaSantarich» in hicheren Schalen mit be»nnb«rn»»Srdtg«r Dreistigkeit tehanptet, e« steh« schr gnt um de» ReligionSnnterrich« Ri den Inden. San, sicher ist «», baß in Berlin nicht «in viertel, Wahrscheinlich. da» ton« ein Zchntel der jüc-ischen «mn. nastastrn nnd ReakschiUee, wm str üter 13 Iah« alt find, «in Wort x> StdtffMlk|f« |fct Spieibeu utib kaufmännische Correspondence, Klassiker in diese,: Sprachen zu lesen wäre schon nutzlo». Und so treten di« Jünglinge mit der auSgeprügtesten Halbbildung in« Leben. Denn man stteitet wohl über die Vorzüge der klassischen und der Realbildung, darin sind aber alle Sachverständigen, ja alle Vernünftigen einig, daß die Lehrfächer der unteren und mittleren Klassen theil» nur Gedächtntß und Verstand üben, tyril« nur die Mittel für die in den obern Klassen ,u schöpfende altclassische nnd moderne höhere BUdung gewähren sollen, dem Geiste und dem Herzen bieten sie an sich soviel wie nichts! So lange der Knabe sich mit dem grammattschen Verständniß der Alten quält, so lange er sich da» Rohmaterial der Geschichte einzuprägen hat, kann sich der Geist der Clrsstker, der Geist der Geschichte ihm nicht erschließen, uud so steht es mit allen Lehrgegrnständen. ES ist nur der ReligienSunterricht, welcher in den Unter- und Mittelstufen Geist und Gemüth zu veredeln, Humanität zu wecken vermag, er allein bildet den jungen Menschen zum Menschen au», alles übrige ist bestimmt ihm zum Kaufmann. Philologen, Techniker oder Zuristen die Vor - Vorbildung zu geben, wird aber von den meisten nie verwendet, sie quälen sich mit den Schlüffeln und kehren dann vor der Pforte um. Die höhere Stufe, auf der sich außer der Religion noch viele herrliche Quellen der Bll' düng erschlichen, betreten sie nicht. Seht euch einen sehr großen Theil der jüdischen jungen Leute an und verschließt «ure Augen gegen daS Unheil, wenn ihr könnt und wollt! Zhre „Bildung" besteht in einer geringfügigen und noch mehr geringhaltigen Dost» von gesellschaftlicher Tournure, Bekännschaft mit dem neuesten in Mode und literarischen Erzeugniffen, selbstverständlich Erstere« zuerst und Letztere« nur in Bezug auf die niedrigste Gattung, Poffe Couplet und waS sonst den Stoff zur banalen Unterhaltung 'liefert. Alles Höhere und Zdeale ist nutzlos, der Geist hat weites Feld für feine Thätigkeit im Erlernen und Auiibilden der Kenntnisse, Fähigkeiten und Geschicklichkeiten, die zum raschen Geldverdirnen nützen, und da» Herz sucht seine Befriedigung wohin weder unsere Feder, noch unser Blick, noch unser Fuß zu folgen vermag. Die Moralität endlich (zuletzt? taS geringste?) bleibt auf den Satz beschränkt: wa« da» Strafgesetz nicht verbietet oder der Strafrichter nicht erreichen kann, das ist erlaubt, nützlich, klug. Nehmt dem durch Religion, Religionslehre, religiöse Erziehung noch einigermaßen erhaltenen Bau noch ein paar Stützen weg, wohin werden wir geratheu, gerade wir? . . . Wir erinnern flüchttg an da» Gegenbild, an jene jüdischen Zünglinge, die bi» zum 18. Lebensjahre und darüber wer dem Religionsstudium fich gewidmet „den Talmud und dm Talmud, sie kannten weiter nicht»," und dann im Fluge, in wenigen Zähren sich zu der Höhe emporgefchwuagen unl> in die Tiefe hinabgesenkt hab«n, zu den Höhen und in di« Tteftn klassischer, philosophischer, wissenschaftlicher Bildung jeder Art. — S» ist harte Arbett gegen den Strom schwimmen und für den Zuschauer ist «» unerquicklich. Wo alle» preist und jub«V, allein schwarz sehen, warn«, die Schattensetten zeigen ... Unser Trost ist — freilich auch da» rin leidiger — daß wir nicht allein stehe», sch«, und zeigm, daß un» doch der Eine oder Ander« Recht giebt. Und am End« wollen wir ja wesattlich nur di« Warnung erheb« und begründen, daß wir „über dm Fall de» Feinde» nu» nicht freuen sollen."