Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 13.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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104 Stoch jetzt herrscht die Unordnung u»d Plünderung, ein Jude darf sich nicht zwei Schritte von der Stadt entfernen, sonst wird er mißhandelt. Auch im Znneim der Stadt ist noch keine Sicherheit. Was noch irgend verschont geblieben, das wird jetzt ruhig und offen, ohne daß jemand von den Beamtm es verhindert, fortgetragen. Der Präfett von Ismail, der bei der Plünderung und Metzelei die Hand im Spiele hatte, bekleidet sttnen Posten iwch wie ehedinn — C* est la juatice de M. Costafore!, der in der Kammer wiederholt erklärte, er wolle strenge Gerechtigkttt üben, um den „Pttncipien unseres Jahrhunderts" zu enffprechen. Auf eine Interpellation des Deputitten Bolliak, des schon längst bekannten Judenfressers: „Ob es wahr sei, daß man die Juden zu emancipiren gedenke wie es ein i>. Jassy in hebräischer und rumänischer Sprache redigirtes Blatt „Timpul“ (die „Zeit") gesagt habe", antuottete der Minister der öffentlichen Arbeit, Herr Cretulescu — „daß er davon nichts wisse, und dcß nienials die Rede daran gewesen sei, und daß di« Juden auch niemals emanttpirt werden sollten." Ah l verunglückter Rumänien, wie bedauere swerth bist du? Du wirst mit Recht als ein barbarisches Land betrachttt, denn in dir werden Menschen, die keine andere Schuld haben, als nur einer andern Religion anzugehören, im 19. Jahrh. wie Thiere behandelt. Mehrere Blätter behaupten, daß diese letzten Judenkrawall: ein Merk der russischen Politik seien, aber das ist eine Lüge, es ist eine inländische Polittk, die Polttik der rothen Partei, eine meuchlerische Polittk... —! M. Taubes. lieber die letzte von unserm Corresp. als „Lüge" bezeichnet« Behauptung hatte die „R. fr. Pr." folgende Aufschlüsse gebracht: Einige Wochen vor Ausbruch »er Judenhetzen, welche sie Empörung drr ganzen ttvilisirtm Menschheit wachgerufen haben, erschien in Galatz eine Broschüre, welche sich „Bessarabien nach und vor dem Pariser Bettraz" betitelt. In dieser Broschüre httßt eS, daß, seitdem Bessarak'ien den „väterlichen" Händen Rußlands entttssen worden, die Bevölkerung sich im Zustande des äußersten Elendes befinde, und es werden die Bessarabier aufgefordert, sich zu erheben und das Joch Rumäniens sobald als möglich von sich abzuschütteln. Die Broschüre wurde insgeheim unter die Bevölkerung vertheilr und verfehlt« nicht, die erwünschte Wirkung hervorzubringm. Durch Bermittttung des russischen Consuls in Ismail, eines Herrn Romanenko, wandetten die blanken Rubel haufenweise in die Taschen der Einwohner, und es gelang, das gm« Einvernehmen, das zwischen Christen und Juden von jeher (?) geherrscht, zu erschüttern. Romanenko selbst conferitte oH mit vermummten Emissären, die täglich über die Grenze kamen und wieder zurückkehtten. Er stand in eifriger Correspsndenz mit sttnen Agenten und machte selbst eilte Er« cursion durch ganz Beffarabien. Nachdem die Borbertttungen wttt genug gediehen waren, wurde ttn dazu gedungener russischer Deserteur und Apostat gegen Verbürgung seiner Straflosigkeit angewiesen, in die Kathedrale Ismails ttnzuschleichen und ttn beliebig^ Gefäß daraus zu entwenden. Der Bischof der Ismail« Diärese, Mitglied des rumänischen Senates, gab die Kirche dazu her, und der gesammte Clerus schlug nach begangenem Diebstahle den schuldigen Allarm. Zwtt Tage lang wurde mit möglichster Ostuitatton der Inhalt ttner Latrine v»m Volke dursucht, um dir dann angeblich sich befindenden heiligen Gefäße zu entdecken, und Agenten wurde» nach Cahul, Dilcov rc. geschickt, um die Geschichte zu erzählen. Ein Priester durchwandette die Straßen, Tod und Verderben gegen die jüdischen Ketzer predigend und den Pöbel aufhetzend, indem er erklärte, daß selbst die noch ungeborenen Kinder der Israeliten für den in Ismail verübten „Kirchenraub" verantwottlich gemacht werden müffen. Am Sonntag den 9. Januar gab die Ktrchmglocke das Signal zum allgemeinen Sturme, und sofott erschien der mit Knütteln und Revolvern bewaffnete Pöbel vor den Häusern der angsterfüllten Juden, die sich familienwttse in ihren Häusern verrammelt hatten. Der Bürgermttster von Ismail ließ ungehindert die Nachricht circuliren, daß die rumänische Regierung der Bevölkerung Erlaubniß ettheilt habe, die Juden zu massacrire» und Lynchjustiz auszuüben. Nun hißte Romanenko seine Consulat»- Flagge auf — das Signal für den Anfang der Hetze und e» begann jenes schauerliche Drama, dessen Einzelheiten ich Ihnen berttts berichttt habe. Fortwährend flatterte die Flagge und wurde in der Nacht von einer Leuchte abgelöst, deren blutrothes Licht den müden Pöbel zu neuen Gräuelthaten aufmunterte. In Bilcov kamen die Mohamedaner und Hollen die am Ufer stehenden, händeringenden und wehklagenden Israeliten auf ihre Kaiks zu sich herüber. Die ehrlichen Osnianlis, empört über die grausamen Scenen, drohten eu masse herüberzukommen, um den Giaurs Menschlichkeit ttnzubläuen. Die Agitation wird noch immer grschütt, neue Ausschreitungen stehen für die Osterfttettage bevor. Der Regierung liegt es ob, zu zeigen, daß das Land Lebensfähigkeit besitzt. Sie muß die jüdische Bevölkerung durch eine gesetzliche Maßregel für alle Zukunft gegen den leicht aufznstachelnden Fanatismus der Bevölkerung schützen, denn nicht lange »och wird das civilisitte Europa die Existenz eines Landes verbürgen, das entweder nicht den Willen oder nicht die Kraft hat, Mord und Plünderung zu bestrafen und das Lebeu und Gut seiner Bürger zu schützen. Vermischte und neueste Nachrichten. Nerti«. Der „Staatsanzttger" meldet die Erhebung des Geheimen Commerzienraths Gerson Bleichröder in den erblichen Adelstand. — Im Befinden des Abg. vr. Kosch ist ttne klttne Besserung ttngetreten. — Am 2. März hielt der Berttn zur Unterstützung jüd. Studirender unter zahlreicher Bethttligung seine General- Versammlung. Bei dem sich daran schließenden Festmahle nahmen etwa 200 Personen theil, Toaste wurden gesprochen von Geh. Sanitätsrath vr. Waldeck, Professor Gnttst, Berthold Auerbach, Prof. Lazarus und Prof. v. Holtzendorf sJüd.Pr.) — Die Hochschule für jüdische Wissenschaft wird Anfang» Mai d. I. hier eröffnet und den Studirenden an Borlesungen da» gewähren, waS die Universität nicht bittet, weshalb auch Bibelexegese nur nebenher besetzt ist. DaS Lehrer-Kollegium hat sich berests konstituitt und zum Vorsitzenden für die Zttt vom 1. April 1872 bis dahin 1873 den Professor vr. Stttnthal gewählt. Die Auditorien sind in der Nähe der Universität. Die Vorlesungen und Uebungen sind unentgtttlich, doch müffen sich die Studirenden vorher zur Inskription anmelden. (K. Z.) — Die hier ansässigen Rabbiner Borchard und vr. Pinner richteten zwtt verschiedene Pettttonen an daS Herrenhaus, in denen Ersterer da» Herrenhaus bat, bei der Staatsregierung dahin wirken zu wollen, daß bei Anstellungen, im Staatsdienst die Konfession keinen Unterschied mehr bilden möge; «ährend der z«Hte Pxtent die, Aufhebung de» Juden-