Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 13.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935595--1137-5370770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
105 gesetztvom 23. Juli 1847 verlangte. Die PetitionS-Kommisston de- Herrenhansebezeichnet« die erste Petition alS „unverständlich" und beide alS solche Petitionen, welche auf Grund des 8- 5J0 der Geschäftsordnung „als zur Erörterung im Plenum nicht geeignet" und zur Einsicht im Büreau des Herrenhauses »iedergelegt sind (D. Z ) Lartrrutze. Im December v. Z. starb hier ein Kind eines Mitgliedes der ausgetretenen orthodoxen Israel. ReligionSgenossenschaft, der Synagogenrath verweigerte die Erlaubniß zur Beerdigung des Verstorbenen auf hiesigem israel. GottiÄacker. Die Orthodoxen erwirkten einen Befehl, wonach man daS todte Kind auf dem isr. Gottesacker begraben mußte. Der Synagogenrath that nun die nithigen und geeigneten Schritte, um bei ähnlichen Fällen solche Befehle unmöglich zu machen. Vom Großh. Bczirksamte dahier wird nun in'Folge besten eine Entscheidung des Großh. Ministeriums des Innern zur Kenntniß gebracht, daß die hiesige israel. Gemeinde nicht verpflichtet erscheine, die Beerdigung von Mitgliedern der sich so ^nennenden israelitischen Religionsgesellschaft uuf ihrem Friedhöfe zuzulassen, nachdem diese durch ihren erklärten Austritt aus der organisirten Iudenschaft des Großherzvgthums Baden aufgehört haben, Israeliten im wahren Sinne unseres Landrechts, und folgeweise der diesen zustehenden Rechte und Pflichten theilhastig zu sein. Solche Beerdigung hat daher auf dem allgemeinen städtischen Friedhofe jeweils statlzufinden. (Syn. Bl. ) Ktsatz. Die Zahl der aus Metz ausgewanderlen israel. Familien beträgt 75, aus Straßburg etwa 50. (Arch. Isr.) Lnremvurg. Die „Opinion Nation." berichtet: Bor kurzem zeigte ein Iesuitenpater den Bewohnern Luxemburgs feierlich die bevorstehende Ankunft eines Bischofs aus Persien an. Derselbe zog denn auch ein und wurde vom Klerus und der Bürgerschaft festlich empfangen. Derselbe nahm Beichten ab, las Messen und — was die Hauptsache — wurde von den Gläubigen mit Geschenken überreichlich bedacht. Man schätzt die von ihm eingekammelten Gaben auf 15,000 krS. Der heilige Bischof war jedoch nichts mehr und nichts weniger als ein getaufter Jude aus München. H?est. vr. Tobias Löw, Sohn des Oberrabbiners zu Szegedin, ist zum OberstaatSanwalts-Substituten in Pest ernannt worden. Mew-Hort. „Die Zeiten ändern sich und die Menschen niit ihnen." Einem gewissen Senator unbekannten Namms, der gegn die Juden Gehässiges geschrieben hat, stellen amerikanische Blätter jetzt Bismarck gegenüber, der denn doch ein Mann von ganz anderer Bedeutung sei und ganz anderüber Juden urtheile. Bismarck al- Muster der Freisinnigkeit und NorurtheilSlosigkeit gepriesen in den vereinigten Staaten! „Sage doch von keinem Dinge, daß es unmöglich sei" meint Hillel. Feuilleton. Die varwiu'fche Theorie «nd die Religion. (!Z»rts«tz«ng.) Auf eine Erörterung de- Darwinismus vom philosophischen Gesichtspunkte aus. kann ich hier auch nicht eingehen. Ich begnüge mich zu sagen, daß er eine Wiederholung jener in grauer Vorzeit gemachten Versuche ist, die Entstehung der Welt auder Annahme bloß stofflicher Dinge zu erklären, also ein System deS Maten'ali-muS. Natürlich hat Darwin, | gestützt auf die außerordentlichen Fortschritte der Naturkunde > sein System viel gründlicher construirt, als jene alten mate- > i-ialistischen Philosophen, welche ohne Kenntniß der realen Dinge gleichsam in- Blaue hinein forschten und riethen. Aber die Widerlegung, welche jene uralten Systeme und Theorien erfahren haben, trifft gleichwohl noch jetzt den Darwinismus. Woher stammt denn der Grundstoff? woher die Grundstoffe in und mit ihren Verschiedenheiten? Ob di« Alten von vier Elementen redeten, während man jetzt über 60 annimmt, macht offenbar nicht den geringsten Unterschied. Und woher die erste Bewegung und Veränderung, wer hat den Anstoß zur ersten Entwicklung gegeben? Diese Fragen weist Darwin ab, sie! gehen ihn nichts an. Aber wir können diese Fragen nicht abweisen und der Darwinismus fördert ihre Beantwortung um keinen Schritt. Darwin beginnt seine Theorie mit hem ersten vorhanden gewesenen Organismus — aber wie ist denn dieser aus den unorganischen Stoffen entstanden? Und wenn der vielschreibende Bock uns Vorreden will, aus den Grundstoffen, vornehmlich aus Kohlen-, Sauer-, Wasser- und Stickstoff lasse sich die Entstehung aller Wesen ableiten und erklären, so weiß freilich jeder Sekundaner einer Realschule, daß und wie man Wasser zerlegt und wieder Wasser zusammensetzt u. bergt., aber von diesen Stoffen zur organischen Urzelle ist eine unausfüllbare Kluft, und es ist noch ebensowenig nachgewieftn, wie die einfachste Zelle aus Grundstoffen entsteht als wie man jemand glauben machen wird, wir vermöchten aus den unorganischen Bestandtheilen des Leibes in richttger Mischung einen Menschen zu machen oder auch einen Affen, aber auch nichts Lebendiges, die Pflanze eingeschlossen, durchaus nichts! Ich komme nunnrehr auf mein eigentliches Thema, das Berhültniß des Darwinismus zur Religion. Ganz sicher ist das derjenige Gesichtspunkt, der die Meisten am meisten interessirt; einmal weil die religiösen Fragen zugleich das Gemüth, Denke» und Fühlen in Anspruch nehmen, dann, w-il in Beziehung auf Notunvissenschaft und Philosophie die Meisten Laien sind, während über religiöse Angelegenheiten jeder Denkende eine Ansicht hat, oder sich zu bilden sucht, keiner, der überhaupt an geistigen Dingen Antheil nimmt, sie abweisen kann. Je nach dem religiösen Standpunkt der Beurtheiler wird daher die Danvin'sche Theorie auf Zuneigung oder Abneigung stoßen. So ist es denn, 'zwar nicht in der Ordnung, aber doch ganz natürlich, daß die religiös Gläubigen von vornherein die Danvin'schen Lehren abweisen, sich mit Widerwillen von ihnen abwenden, während diejenigen, welche in der Religion nur Hierarchie, Jesuittsmus, Muckerthum, GeisteSknechtung, Feindseligkeit gegen.Wissenschaft und Freiheit erblicken, begierig den Darwinismus ergreifen, um mit seiner Verbreitung der Religion den GarauS zn machen. Und ich? Ich kann, um den Ausdruck zu gebrauchen, auch nicht „aus meiner Haut herau»", ich betrachte die Frage vom Standpunkte eines jüdischen Theologen. Sie werden mir daher gestatten, es ist vielmehr erforderlich, daß ich darüber noch einige Bemerkungen vorausschicke. Zuerst leuchtet ein, daß der Darwinismus für den Israeltten etwaüberaus Einschmeichelndes (im eigentlichsten Sinne) und Gewinnendes hat. Di« .Israeliten bilden ja nicht nur eine ReligionSgesellschaft, geeinigt durch gewiffe Glaubenssätze, Glaubensanstchten, Religion-Übungen und Satzungen, sondern einen Stamm, eine Rare, (wie die Raturkundigm lieber sagen) eine Rare, die sich mehr als irgend eine andere, rein, unvermischt in ihrer