Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 13.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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102 Dichtungen durch »eugeschaffene, gemütherfrischende und serlrnerhebende Anpflanzungen zu bereichern und zu verschönern; aber immer schaute er zurück „auf den Felsen, der, er entstammt „und auf die Blmnnenhöhle, der er entstiegen war" und widmete auch sein Leben und streben, sein Dichten und Denken, sein Wort und seine That, den geheiligten Znteressen des Iudenthums! Wie lieb- und geistreich und wie lebensvoll die Gestalten sind, welche er als deutscher Dichter geschaffen, wie glücklich e> als Vater des „Genre der Dorfgeschichten" gewesen, wie trefflich er schlichtes deutsches Volksleben in seinem „Tolpatsch' und „auf der Höhe" in die Dichtersprache umzusepen ve.stand, in welchem poetische» Glanze sein „Barfüßele" un» sein „Landhaus an, Rhein" wiedetstrah.'e», wie er die Philosophie zu popularisiren und sie dem Verständnisse des Volkes näher zu bringe» wußte, dies alles gehört nicht sowohl in die Blätter jüdischer Journalistik, ale vielmehr in diejenigen der allgemeinen deutschen Literaturgeschichte, welche unserm gefeierten Dichter den wohlverdienten Lorleerkranz in'S Haar zu flechten hat! Wohl aber ist es nicht nur unser Recht, sondern unsere Pflicht, hervorzuheben, wie ein edler Zeitgenosse den freien Weltbürger und treuherzigen Deutsche» mit dem begeisterten Juden aufs '.Ängste verbindet, wie der enige, dessen Werke und Wirken den edelsten Gütern der deutschen Ration und der Menschheit geividmet sind, die Früchte seines Geistes auch seinen Stammesgenossen zum lieblichen Genüsse darbietet! In der „Gallerte der ausgezeichnetsten Israeliten" verherrlichte er die einzelnen hervorragenden Geister des Judenthums, welche nicht nur diesem, sondern der ganzen Menschheit zur Zierde gereichen; in seinem „das Iudenthum und die neueste Literatur", gab er seiner edlen Begeisterung unt seiner innersten Ueberzeugung als Jude den wohlverdientesten Ausdruck! Mit den Romanen „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann", in denen er Poesie und Geschichte so innig verbiß det und die Bewegungen des jüdische» Lebens im Bild« festhäll, wurde t: der Wegweiser einer neuen jüdisch-poetischen Geistesrichtung, der Begründer des sich zu einer eignen Gattung der Literatur gestaltenden Ghetto-Romans, in welchem sich Männer, wie Kompert und Andere so rühmlich hervorgethan! Durch die Uebersetzung sämmrlicher Werke „Spinoza's" verherrlichte er indirekt das Iudenthum, weil er Biele, die es noch nicht wußten, zum Betvußtsein führte, daß die Menschheit einen ihrer p> oductivsten Geister und edelsten Charaktere dem I »denthume zu verdanken habe. In dem edlen Wettkampfe für Recht und Gerechtigkeit, für Freiheit und Gleichheit, sehen wir ihn auch auf der Bresche mit seinem verewigten Freunde Gabriel Rieffer, um die Zwingburgen, welche sich in ihrer widerlichen Starrheit gegen uns Juden erhoben, zum sichern Falle zu bringen. In seinem öffentlichen Auftreten in christlichen wie in jüdischen Kreisen vrtleugnet er nicht nur nicht seine treue jüdische Gesinnung und seine Anhänglichkeit an der altangestammten ehrwürdigen Vaterreligion, vielmehr giebt er allda, wo ihm hierzu (Gelegenheit geboten wird, zu erkennen, daß er für die erhabenen Ideale des Judenthums und für deffen Lehrinhalt von schwärmerischer Begeisterung erfüllt ist! Wohl wäre es wünschenswerth, daß sich die Begabtesten unserer Glaubensgenossen ein Beispiel an diesem trefflichen Mann nehmen und gleich diesem neber: ihrrmjgemeinnützigen Wirken, ihre Kraft und ihr Streben auch der Förderung jüdischer Intereffen zuwenden, ihre Lieb« und Abhängigkeit dem Iudenthum zu erhalten! dem Gefeierten aber, dem die freudige Genugthuung zu Theil geworden, die Traum¬ und Sehnsuchtsbilder der Jugend sowohl in Beziehung auf das deutsche Volk wie seine jüdischen Giaubensgenossen zum großen Theil ve»ivirklicht zu sehen, »vollen wir auS dem Grunde des Herzens ivünschen, daß er noch recht lange leben und wirken inöge, daß es ihm beschiede» sein inöge, noch recht lange an dem weitern Ausbau deutscher ui»d jüdischer Gleichheit und Freiheit seine Freude zu haben und die Literatur noch fernerhin mit dcn vortrefflichen Erzeugnisse» seines Geistes und Gemütheo zu bereichern! Or. H. T. Ahorn. Der Vorstand der hiesigen Lyiiagogen-Gemeinde hat einen Jahresbericht für 18?) veröffentlicht. Derselbe bietet nun kurzen geschichtliche» Rückblick, eine Zusammenstellung der Vorstandsbeschlüsse, statistische Rachrichten, die Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben und Nachrichten über die Schulen und WohlthätigkeitSoereine. Es hat das alles natürlich nur lokales Interesse, aber wir können die Veröffentlichung solcher Rechenschaftsbericht« — die bisher schon in Berlin, Leipzig u. a. O. von den Vorständen ausgegangen war — auch den mittleren Gemeinden sehr empfehlen. Die unbedeutenden Kosten »oerden durch daS geweckte Interesse der Gemeindeglieder zehnfach ausgewogen. Als allgemein interessant entnehmen wir dem Berichte die Notiz, daß 33 Männer aus der 2l0 beitragende Mitglieder zählenden Gemeinde zum Kriegsdienste einberusen ivaren. Aktoua. Unter dem Titel „der portugiesische Friedhof zu Altona" hat die Hamburger „Reform" soeben eine Reihe von sehr interessanten Feuilleton-Artikel» veröffentlicht, welche mehr bieten als die Ueberschrift angiebt, nämlich eine Geschichte der Hamburger portugiesischen Gemeinde von ihrer Entstehung im Jahre 1603 an, und mit Andeutungen über die vorhergegangenen Zeit, bis in das vorige Jahrhundert, beziehungstveise bis zur Gegenwart. Unsere Leser werden sich aus den Eorrespondcnzberichten der Wochenschrift erinnern, daß der fragliche Friedhof im Februar v. I. geschlossen und nur zur Aiifnahe der irdischen Hülle deS fei. Oberrabbiners Ettlinger noch einmal geöffnet worden ist. (Wir werden im Feuilleton der „Wochenschrift" Auszüge aus den erwähnten Artikeln bringen). Aus Aayer». Ende Februar. Die Anfangs d. M. in derzweiten Kammer der Abgeordneten, i» München anläßlich der Beschwerde des Bischofs von Augsburg über Verfassung-Verletzung stattgehabten Debatten, welche eine totale Niederlage unserer Ultramontanen zur Folge hatten, berühren uuS Juden zwar nicht direct, können jedoch von uns nicht unberührt bleiben. Die zahlreichen Träger dieser Richtung in der Kanimrr haben sich oft genug die wegwerfendste» Urtheile über unü und unsere Angelegenheiten erlaubt, und ihre Preßorgane geben fast täglich Zeugniß, wessen wir unS von ihnen zu versehen hätteu, sollten sie je ans Ruder gelangen. In dieser Verhandlung hat nur unser alter Hasser, Professor vr. Sepp, es nicht lassen können, einen Stein nach unserm Iudenthum zu werfen und es deS religiösen Fanatismus so nebenbei zu beschuldigen; er, der zwar gegen seine Gesinnungsgenossen und seine Wähler diesmal freisinnig gestimmt hat, unterließ eS dabei jedoch nicht zu sagen, er stehe sich sehr gut mit den Jesuiten, und da muß er doch wiffe»,, wo der religiöse Fanatismus zu Hause ist. Di« drei Abgeordneten unsres Glaubens enthielten sich mit richtigem Tact des Wortes. Das konnte sie jedoch selbstredend nicht abhalten, beim Namensaufruf gegen die Beschwerde ihr Votum abzugeben und so die Ultramontanen zu überstimmen. AuS Mirnöerg ist auch ein an und für sich nicht wich-