Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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97 Bor mrhreren Wochen starb in Kingston ein allgemein Heachteter und beliebter Jude, Emanuel Lyons. Der dornge christliche Geistliche hielt ihm in der schottischen Kirche, welche von Zuhörern überfüllt war, eine Gedächtnißrede, welche auch im Druck erschienen ist. (I. Chr.) Sferßflt. Die A. A. Z. hat Berichte aus Pera, welche chie Nothstände in Persien als noch immer sehr groß darstellen. HS heißt u. 91. „In der Hauptstadt Teheran sind die Straßen niit Leichen bedeckt, weil es an Todlengräbern fehlt, während halbverhungerte Leute mit den Straßenhunden kämpfen, um sich von den Leichen zu nähren." Aus Reo. Jsr. erfahren wir, daß die Gemahlin des persischen Gesandten in Paris, Nazar Aga, einen Aufnif zu Geldsammlungen für ihre hungerleidenden Landsleute erlassen und sich zur Entgegennahme derselben erboten hat. Montcfiore hat an den Schah von Persien eine Petition gerichtet und durch den engl. Gesandten in Teheran überreichen lassen, worin er um Rechtsschutz für die pers. Israeliten, die unter den Vergewaltigungen der dortigen Beamten oft und viel zu leiden haben, bittet. Aus "SLumänltn bringt eine Orig.-Eorresp. der „R. sr. Pr." vom 12. März Schilderungen eines Augenzeugen der schaudererregenden Vorgänge, (so wurden z. B. dem Rabbiner in Belgrad von der blutdürstigen Canaille die Ohren abgeschnitten!), sowie einige Enthüllungen über die „verborgene Hand", die die unglückliche» Ereignisse herausbeschwor:». Hiernach unterliegt es keinem Zweifel, daß durch russische Ränke und russisches Geld die Zudenhctzcn angezettelt worden. Feuilleton. Die Darwin'sche Theorie und die Religion. (z-rtsetzung.) Die Darwin'sche Theorie läßt sich nun aus drei Gesichtspunkten prüfen und beurtheilen: vom naturwissenschaftlichen, vom philosophischen und vom religiösen, d. h. in ihrem Lerhältniß zur Religion, zur Bibellehre, speziell zur mosaischen Schöpfungsgeschichte. Was die erste, die naturwissenschaftliche Prüfung betrifft, so maße ich mir zu derselben keine Coinpetcnz an. Doch bin ich den Verhandlungen soweit gefolgt, daß ich, als ganz sicher, Folgendes behaupten kann. Einmal, daß die Darwinschen Ansichten noch sehr streitig sind, und daß von den competcntesten und berühmtesten Fachmännern viele dafür und viele dagegen sich aussprechen; daß die Letzteren zwar zugeben, daß in den Darwin'sche» Ansichten manch richtiger Gedanke enthalten sei, daß aber kein einziger feiner Sätze als bewiesen gilt — ausgenommen die vorhin von niir erwähnten längst bekannten Thatsachen. 2) Daß zur Prüfung, zum Erweise oder zur Widerlegung alle Natur-! Wissenschaften zu Rath gezogen werden müssen; Physik und j Chemie, Kenntniß der unorganischen Natur, Pflanzen-, Thier-! uud Menschenkunde, Kenntniß der bestehenden Wesen wie i>er i untergegangenen, dazu Geographie, Geschichte, Sprach- und! Völkerkunde — kurz, die Zahl der Fragen und Bor-Borfragen,! die gelöst werden müßten, ist so unermeßlich groß, daß nein j mit aller Bestimmtheit Voraussagen kann, der Prozeß (so zu I sagen) werde lange noch nicht entschieden sein, bevor eine neue! Theorie auftreten und der Darwinismus ad acta gelegt sein wird. 3) Daß der Darwinismus heutzutage auf Wiffen- ,fchaftlichkeit noch gar keinen Anspruch machen kann. ES ist i ja gerade das Eigenthümliche, der Werth und die Würde der I Naturwissenschaften, daß sie durch Maaß und Zahl bestimmt und geleitet werden; darum nennt man sie ja „exacte." Der Darwinismus geht aber über Maaß und Zahl hinweg, und wenn man ihm z. B. entgegenhält, daß die jetzt vorhandenen Arten sich seit 4000 Jahren — abgesehen von dem, waS menschliches Zuthun gemacht hat — sich gar nicht merkbar verändert haben, so heißt es: ja wir nehmen Zeiträume von Millionen oder Billionen Jahren in Anspruch, — da hat den» die Wissenschaftlichkeit ein Ende. Endlich 4) daß Darwin zur Ausführung und Begründung seines Systems die Phantasie übermäßig in Anspruch nimmt. Unser Fragen nach dem Wieso? und Wodurch? beantwortet er durch ein Bon-selbft und per Zufall Da sind denn freilich alle Antworten willkürliche Annahmen, Phantasten. Ein Thierchen hat Fangarme, weil es seine Nahrung in der Weise erreichen will, daß es seine Arme immer weiter hinausreckt, wodurch diese nach vielen lausend Generationen immer länger wurden. Aus dem Knorpelfisch ist eine Eidechse geworden, weil einmal ein solcher in einen Sumpf gerathen war, wo er nicht mehr schwimmen konnte und sich auf andere Weise forthelfen mußte, wodurch denn nach Jahrtausenden sich Füße entwickelten, und der Fischschwanz sich in einen Eidechsenschwanz verwandelte. Vögel aber entstanden, indem einmal zufällig ein Wasserthier sich auf einm Baum relirirte, dort verblieb und zu leben sich bequemte, worauf denn allmählig Flügel sich entwickelten. Die Frauen sind bartlos, weil sie, um dem Manne dadurch zu gefallen, sich den Bart ausrupften, bis er nicht mehr zum Vorschein kam. Dergleichen können wir als mehr oder minder gescheute, mehr oder minder lächerliche Einfälle gelten lassen, aber daß es hochtrabend und breitspurig als Wissepschaft, neueste Wissenschaft austreten dürfe, das wird der gesunde Menschenverstand nimmer zugeben. (Fors. folgt.) Mühler'sche Intoleranz. Die Intoleranz scheint ein Erbstück in der Fainile Mühler's gewesen zu sein. Es wurde uns nämlich von einer uns befreundeten Dame nlitgctheilt, daß sie mit den Töchtern des Vaters des gedachten Ministers, des später», unter Friedrich Wilhelm IV. fungirender, Justiz Ministers Mühler, als er noch Oberlandsgerichts - Präsident in Breslau war — dort das berühmte Mädchen-Institut des Prediger Nösselt besuchte. Sie wurde mit einer dieser Töchter innigst befreundet, sie liebten sich wie Schwestern. Eines Tages bemerkte sie, daß Frl. Mühler sehr verstimint war. In ihrer Treuherzigkeit fragte die jüdische Freundin sie nach der Ursache ihrer Ber-! stimmung. Mit beklommenem Herzen erwiderte diese zögernd: „Warum soll ich nicht verstimmt sein? In dem Hause meiner Eltern wird ein Kinderball gegeben, zu welchem ich dich — meine beste Freundin — nicht ein laden darf, weil du eine Jüdin bist."_H. L. Haman. Nach dem Midrasch. Au« de» Hasse« trüber Quell« Fliegt oft hell und unvermischt Reiner Lieb« rein« Welle, Die da« kranke Heiz erfrischt. Samen, den aus dunklen Wegen «liier Fluch hat «»«gestreut, Sat all golv'ner Srnlesegen st die Guten schon erfreut. Haman so! Bon seiner Lücke Blieb Israel unversehrt Und sie hat zu« Feste«-lücke Sich für unser Volk rcrkehrt. Un» in ew'ge Rocht zu senken Strebt« sein verderbend Wort: Und der Rettung Angedenken Lebt in un« auf ewig fort. 8»ja. Zoseph E. Schmidt, j