Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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# 93 halten, Speisegesttze zu beobachten u. s. w." Aber roer sagt Ihnen das? Manches ist jetzt schwerer als früher; manche» auch leichter — aber unmöglich? So erkundigen Sie sich doch, Sie werden erfahren, daß es auch in großen Städren noch viele, recht viele Luden giebt, gebildete, geschäftlich thätige, mit Andersgläubigen lebende und strebende und von solchen sehr geachtete Männer, die das als unmöglich Ausgegebene vollkommen ermöglichen und dabei auch noch nicht einmal arm oder krank geworden sind! Aber die Kinder dieser Leu«? Daß die von Herrn Lehmann genannten Formen einst genügt haben, die Gluth der Begeisterung für jüdisches Wesen aizufachen und rege zu erhalten, bestreitet er gewiß nicht. Wir unsererseits brstrriien nicht, daß es heutzutage schwerer geworden ist, die Kinder zu guten Luden, in unserem Sinne, zu erziehen, da bloßeS Borthun und Nachthunlasir» nicht mehr genügt. Aber schon können wir uns auch hier auf Erfahrung berufen. Schon ist ein jüngeres Geschlecht herangeivachsen, welches aus dem rechten Wege erzogen, auf diesem verharrt. Der Raum gestattet uns nicht, hier den Weg genauer zu beschreiben. Wir deuten nur eins an: es gehört dazu vor allem,daßesdenEltrrn voller heiliger, konsequenter Ernst um das Ludenrhum und seine „Formen" sei, und daß sie sich den Kindern gegenüber in sittlicher und iniellectueller Beziehung keine Blöße geben, so daß jene mit vollem Bertrauen, mit gerechtem Selbstgefühl sich auf ihr« „frommen" Eltern berufen dürfen. Wir schließen mit einem Argumentum ad hominem. Herrn Lrhmann's persönliche Berhältnisie sind u»S gänzlich unbekannt, wir wagen trotzdem uns das Hierhergehörige zu combiniren. Herr L. besitzt Liebe zum Zudenthum, warme Anhänglichkeit an seine väterliche Religion. Hat er diese sich rein verstandesmäßig construirt? Nein! Rührt sie daher, weil man ihn in früher Jugend den Weg der Reform geführt, ihm gezeigt hat, wie man allmählig die Formen abstrrift; oder ist sie vielmehr in ihn gepflanzt durch Eltern oder Erzieher, Lehrer, Rabbiner, welche, wenn auch nicht dem Clabilismus huldigend und auch den Mißbrauch für heilig erklärend, doch den Weg gezeigt, gepriesen haben, selbst gegangen sind, der durch alle Jahrhunderte, bis in die Neuzeit, für den rechten gehalten worden ist? Wir wiffenS nicht, das Letztere halten wir aber für zutreffend; sollten wir uns ganz und gar irren? Herr L. hat jenen Weg für seine Person vielleicht verlassen, wie so viele; ab ei' die Lieb« ist ihm geblieben, würde noch eine Funke von Liebe zum Judenthum in ihm leben, wenn er nicht einigermaßen ^„altjüdischer Lehre und Frömmigkeit" erzogen worden wäre. Wir sagen nein und inen unS hierin ganz gewiß nicht! Die Erfahiung belehrt unS ja darüber tausendfach! Die Vorgänge i» Viea (I.) v. Aus H12. März 1872. Wenn Sie meinem Schreiben einen hervorragenden Platz in Ihrem Blatte einräumen wollen, so geben Sie ihm die vorstehende Ueberschrift, welcht den Artikeln des „Israelit" entnommen ist, gegen die ich «ich zunächst wende. Ich meine besonders den in der Nummer vom 21. v. Mts. Ich habe erwartet, daß Ihr Blatt eine Entgegnung, einige faktische Berichttgungen geben würde; ich sehe jedoch ein, daß Sie da» Material dazu persönlich nicht besitzen, auch zu vorstchttg sind, um etwa unzuverlässige Nachrichtm aufzunehmen; vr. Güdemann aber wird sich nicht selbst dazu Herbeilaffen, sich in Ihrem Blatte oder sonstwo zu vertheidigen, nicht gegen Lehmann, nicht gegen Szanto. Er hat es auch für die Wiener Gemeind« durchaus nicht nöthig. Da lassen Cie mich denn rintreten Daß ich, wenn auch räumlich fern, die Vorgänge und Verhältnisse in Wien genau kenne und bestens verläßlich au courant bleibe, wissen Sie; daß ich nicht zur Zunft gehöre, keiner Schule zugezählt werde, nicht pro domo, auch nicht fürs Brotschreibe, und auf die Ehre, Schriftsteller oder auch nur Correspondent eines Blattes zu sein, nicht den mindesten Anspruch mache — wissen Sie auch. Ein Freund des vr. Güdemann bin ich allerdings und rechne nn'r's zur Ehre — aber wenn mich Zuneigung zur Feder greifen läßt, so ist es, doch vor allem Zuneigung zur Wahrheit. Eine verleumdete Person zu rechtfertigen und entstellte Thatsachen zu berichtigen, ist jedes ehrlichen Mannes Pflicht. Doch genug zur Einleitung. Bor Allem gilt es, die nichtswürdige Insinuation im „Israelit" zu beseitigen, als ob vr. G. „eher die heiligen Principien des Ludenthums opfere, als daß er auf die reiche Pfründe verzichte und sich von all den Millionären trennen möchte, die kaum noch dem Rainen nach Luden sind, die so leicht Lausende verdienen und Hunderte verschenken." — Hr. vr. Güdemaiin hat für das Rabbinal jeden Gehalt abge lehnt! Und die Millionäre? Allerdings möchte vr. G. sich nicht mit ihnen verfeinden, er hat von ihnen schon recht viele Hunderte empfangen, aber für wen? das wissen die Orthodoxen am besten! Lasten Sie es nur drucken — denn ich nenne Lbnen und den Lesern keine Namen, stehe aber nöthigenfalls mit meinem Namen für jede Notiz ein — daß vr. G vor zwei Jahren für ein Oberhaupt seiner jetzt (und im Herzei. wohl von jej erbittertsten Feinde 1400 fl. gesammelt hat. Etist ihm dafür ein mündlicher oder schriftlicher Dank — nicht geworden. Das hat ihn nicht gehindert, später für einen, einem jetzt viel Genannten sehr Nahestehenden und dann für einen ihm noch Näheren, wieder zu „collectiren", vulgo zu „schnorren." Das sind ein paar Exempel. Wenn er sich den Zutritt zu der Pforte der Millionäre verschließen würde, so wäre er es nicht, der das zu bedauern hätte, sondern die unendliche Zahl der nach Wien kommenden — /.Gelehrten " Darum hat denn auch die „Jüd. Preffe" noch: kürzlich zugegeben oder hervorgehoben, daß vr. G. allerdings nicht so in Wien auftreten und sich gebühren könne, wie die Rabbiner in den ungarischen Pußten-Gemeinden. Die Orthodoxen sollten vielleicht die ausolcher Quelle stammende Gabe gar nicht nehmen, wenigstens nicht begehr:», aber es besitzen nur sehr wenige von ihnen die starre Eonsequenz jenes russischen Rabbi, der zur Zeit des Nolhstandes zornig auSrief: „>p»r begehrt Wohlthat von den Posch'im!" Sie finden sich ab/ sie wollen nicht wissen, ans welcher „linken" Hand die „rechte" es empfange». Genug, Sie können fest überzeugt sein, die Leute werden sich doch wieder an den Mann wenden, der sich von „den Millionären nicht trennen mag." ' Freilich geht vr. G. überhaupt nicht auf Trennen au», und — der R. A. Spitzer ist bi» in die neueste Zeit mit ihm denselben Weg gegangen. Da« ist der zweite Punkt, dm ich berichten und berichtigen muß. Zunächst berichttge ich, daß Sp. nicht geflucht hat. (Ist schon berichtigt. Red.) Es thut mir leid, daß Sie diese Entstellung verbreitet habm; Sie sind zwar unschuldig, aber etwa» mißtrauischer hätten Sie doch sein dürfen. (Wir sind «S der N. fr. Pr. gegenüber gewesen. Stehe L.-A. in Nr. 9, Eingang. Red.) Sie sahen doch wohl, daß die hetzendm und schürenden Arttkel in den drei orthodoxen Blättern aus einer Feder stammtm, und daß dein Mund« oder der Feder von Personm, die nichts einbüßen,