Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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92 daß btt 2trat lediglich das betrifft, was er Form nennt, da die über einige Lehren obwaltende Meinungsverschiedenheit nur in sofern zu Streitigkeiten sühn, als sie auf die Form, die Praxis, Einfluß übt oder gewinnen will. Herr L. folge uns also auf das Gebiet rein practischer Fragen Die zehn Gebote, diese Grundlage des praktischen Judenthums, läßt er doch sicherlich stehn, aber die zehn, nicht neun, also auch daS Sabbathgefetz. Wir fragen ihn nicht, ob er die zehn Gebote im Sinne des überliefeNen Judenthums für offenbarte Gottesgebote hält, wir lassen jede theoretische Erörterung aus dein Spiele und inquiriren nicht nach Herzensüberzrugung. Herr L. erkennt gewiß bestimmte Arbeitsverbote für den Sabbalh nicht an (obgleich das Wort nun einmal „Ruhetag" nicht „Feiertag" bedeutet). Er will es wohl Jedem überlassen, welcher Arbeit er sich enthalten mag, jedoch 15!t er wahrscheinlich einen Verzicht auf die gröbste handwerksod:r gewerbsmäßige anstrengende Thätigkeit für angemessen. Ferner sieht er gewiß Verlegung des Sabbath auf den Feiertag der Majorität für unerläßlich an. Wir stellen uns abermals auf seinen Standpunkt, fragen ihn aber, ob denn nun die seit bald 30 Jahren ganz im angegebenen Sinne in Hinsicht auf das vierre Gebot verfahrenden Neformgenoffen in Berlin den Sonnrag feiern, den SonntagSgottesdienst der ganz nach ihren Prinzipien reformirt ist, besuchen; mit einem Worte, ob die Reform unter ihnen das Judenthum befestigt hat. Wir geben zu, daß die meisten Gründer der Rksormgenossenschaft (von Verstorbenen reden wir ohnehin nicht) ehrlich geglaubt haben, dies erreichen zu können Wir sind nicht so fanatisch, ihre dahin zielenden Aussprüche für Heuchelei zu halten, aber die Erfahrung von fast einem Menschenalter hat ihr Programm als einen Jrrthum erkennen gelehrt; ist auch darüber zu streiten? beweisen die Thatsachen nichts? Wir räumen weiter ein, daß die Reformgenoffen uns lieber sind, als diejenigen, denen Religion und Judenthum überhaupt nu7 Kinderspott bedeuten, aber das genügt uns doch nicht. Genügt es Herrn Lehmann? Und wenn an anderen Orten, wo der Eulttis noch mehr oder weniger in hergebrachter Weise geblieben ist, Juden die Synagoge an einzelnen Tagen im Jahr besuchen, geschieht dies nicht, weil noch ein Rest von religiösem Bedürfniß in ihnen lebendig ist? Würden sie, ohne dies Bedürfniß, durch Reformen hineingeführl werden? Wenn dieselben aber behaupten, daß sie öfter kommen würden, wenn der Gottesdienst sie „mehr ansprechen würde" — wer glaubt jetzt noch, daß sie damit nicht sich selbst täuschen, daß ihre Lust am Gottesdienste einen Tag länger dauern würde, als der Reiz der Neuheit, oder die Befriedigung, ihre Ansicht zur Geltung gebracht zu haben? Doch lassen wir den Gsttrsdienst, kommen wir zur Sabbalhruhe und zur Synode. Diese hat u. A. beschlossen, das Fahren am Sabbath sei zu den bekannten Zwecken erlaubt. Diejenigen, welche dies ausgesprochen haben, sind theilS solche, welche ehrlich glauben, das dergestalt nicht Erlaubte sei verbot:», und das Gestattete sei nach dem Gesetze des Judenthums erlaubt, theils solche, welche sich vorläufig mit jenem Ausspruche begnügen, aber noch weit mehr „abzuschaffen" und zu erlauben in petto haben. Herr L. weiß, daß die „Zeloten" über jene „Erlaubniß" sich ärgern, oder richtiger gesagt, lachen. Aber auf die Gefahr hin, von ihm unter die Zeloten gerechnet zu werden, wir thun beinahe dasselbe. Wir find bereit, mit den vvr. Landau, Winer und noch Andern (praosentidu» eieoptis, von Herrn Lehmann selbst, zu dem wir reden, sprechen wir also nicht) den Punkt ernsthaft, wiffenschaftlich zu erörtern, aber das Votum von Krethi und Plethi, welches sich jenem anschließt, ist uns zu lächerlich und ärgerlich. Er weiß ferner, daß zehntausend Anderen der Standpunkt, der die Berechtigung des Fahrens nach Bibel, Talmud und Schulchan Aruch debrttirt, ein überwundener, ein kindischer ist, und hätte er das nicht gewußt, so hat ihn der inehr oder weniger cynische Spott dieser Leute inzwischen belehren müssen. Bleiben also diejenigen übrig, auf die jenes Votum wohl wirken soll, diejenigen (fo bezeichnet er selbst sie) „die mit frommer Kindlichkeit, mit patriarchalisch-frommer Einfalt allem Hergebrachten anhängen und ohne viel zu denken und zu grübeln in ihm ihr Genüge finden." Wir könnten über diese Ausdrücke mit ihm scharf ins Gericht gehen, doch wir halten Herrn Lehmann für redlich, und jene Sätze hat er wohl unbedachtsam niedergeschrieben; wir könnten ihm auseinandersctzen, daß das Seligpreisen frommer Einfalt ganz und gar nicht jüdisch ist, doch das weiß er wohl selbst; wir könnten ihn darauf vetweisen, daß nach dem Talmud noch ganz andere Männer, Moses und Elias, hart von Gott getadelt worden, weil sie so gering von Israeliten dachten, doch die Stellen kennt er vermuthlich nicht. Aber wir fragen ihn einfach, ob er Juden für so dumm hält, daß sie nicht wissen, wie jene „Reformen" nur „vorläufige' sein sollen, daß sie nicht die Absicht merken und entweder verstimmt werden oder lachen. Hält Herr L. die Leute, auf die er wirken will, wirklich für so naiv, daß sie die Aussprüche der Synode für das nehmen werden, wofür sie sich geben? Daß man nicht ihn, Herrn Lehman», fragen iverde: „Also Fahre» ist so und so gestattet, wie steht es denn nun um Rauchen, Schreiben, kurz alle 39 Hauptarbeiten? Wollen Eie uns vorläufig nur das Fahren gestalten? Wir danke» schön.' Wollen Sie uns das Uebrigc nicht gestatten, wer hat es Ihnen denn erlaubt? Wen haben Sie gefragt? Und wir sollen Debattirklubs bilden, um einander zu überzeugen, daß man am Sabbath das und jenes thnn, oder den Ruhetag auf Sonntag verlegen müsse? „Von einem lerne alles!" Das Streben, das Judenthum durch Reform zu erhalten, hat einst als Experiment seine Berechtigung gehabt, die Erfahrung hat aber unwiderleglich dargethan, daß diese Methode schritt- oder sprungweise (je nachdem) bis zum Jndifferentismus hin- und aus dem Judenthum hinausgeführt hat. Jetzt ist solches Stteben nur noch als Selbsttäuschung oder Humbug zu bezeichnen, und dadurch sollte das Judenthum gekräftigt, erhalten werden? Welcher Weg ist denn der rechte? Wie sollen wir jenen erhabenen Zweck erreichen? Herr Lehmann sagt: „Unsere orthodoxen Gegner wollen das auch, aber ihr Wille ist ein theoretischer. Denn können sie sich praktischen Erfolg versprechen von dem Einfluß ihrer Uebungen und Bräuche auf ihre Kinder, die Kinder unsrer Zeit? Können sie dem, wa» in der Abgeschloffenheit der Ghetti von Geschlecht zu Geschlecht übertragen war, gleiches Fortleben sichern in den Herzen ihrer in der Freiheit, in fortdauernder Berührung mit Andersgläubigen lebenden und strebenden Söhne? Wir mindestens haben das Gefühl und Bedürfniß, daß es ganz anderer Mittel, als der allwochentäglichen Anlegung von Gebetriemen, als der Sabbathlampe und de» häufigen Synagogenbesuche» bedarf, um in unsren Kindern die Gluth der Begeisterung für jüd Wesen anzufachen und rege zu erhalten." DaS ist der gewöhnliche Einwand; wir sagen nicht Vorwand: „ES ist heutzutage nicht mehr möglich, Sabbath zu