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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 7. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 7.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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52 eine Blüthm hätten treiben ktnn«, wenn ihre Wurzel« nicht immer im glücklichen, wannen Boden des heidnischen »s und der stolz« Roma hasteten? Rnr auf einig« Gen steht di« moderne Eultur selbstständig und selbstschöpferisch nur an einzeln« Prinzip« derselben hat sie ihr volles, getastetes Eigenthumsrecht: ich zähle hierher: die Naturnschastrn und die Musik — und vielleicht auch die Me-; in der Architektur gebührt nur noch der Gothik allein Anerkennung, daß sie, ohne an die Architektur der Alten knüpf«, auf eigmem, heimischen Bodm gewachsen und h« ist. Frägt man nun nach dem Einflüsse, den das stenthum auf die Eultur der civilisirtm Völker währmd »«nzehuhundert Zahr« seines BestehmS ausgeübt hat, so sich Folgendefeststellrn: Bon dmjenigen Zweig« der ur, welche die christlichen Völker alS Erbschaft der alt« schm angetreten, sind einige nur vorübergchmd, andere insoweit sie zur Rüstkammer der Kirche gehören, wieder t fast gar nicht von der christlichen Religion beeinflußt en. Malerei und Skulptur war« freilich währmd einer en Epoche vom Ehristmthum fast einzig und allein becht; Rhetorik stand lediglich nur in so weit in seinem ifre, als die Homili« ihrer nicht entbehr« konnte; Philoie und Poesie trug« nur vorübergehend ein« ausgesprochen lchen Charakter, schüttelten jedoch bald genug dieses Joch um mehr oder weniger sich in den nationalen oder koiil tischen Dimst zu stellen; die Staatskunst war freilich end deS ganzen Mittelalters bis zur ftanzösischen R«on*) von dm religiös« Prinzipien und Streitigkeiten beht, doch ist die moderne Gegmwart längst schon über . Standpunkt hinaus, trotz der zähen Hartnäckigkeit, mtt ries« Standpunkt namentlich Preußen noch festzuhalt«^ cht; Geschichtsschreibung und Rechtswissenschaft entwickelt« a't ganz unabhängig vom Christenthum, denn das sogete kanonisch« Recht ist, namentlich was die Ehegesetzgebung sst, fast nichts anderes, als biblisch-jüdisches Recht; die jemntif endlich hatte niemals Berührungspunkte mit dem stenthum. Was nun gar diejmigeu Culturzweige betrifft, nabhängig von der alt« ererbten Eultur sich ans eigenem n herausentwickclt, so ist die Gothik wohl mit Recht eine che Tochter de» Ehristmthum» zu nenn«, und die Musik ' hr vielleicht ihr ganzes Dasein zu verdanken, in soweit schon durch dm alten Tempeldienst zu Jerusalem Annngspunkle gegeben waren; dagegen haben Naturwissenen und Medizin früh schon sich vom Gingelbande des teulbums lossagen müssm, weil dasselbe sich Anfanggültig und später geradezu ablehnmd und feindselig gegen Wissenschaft verhielt. Wer kann demnach also noch' l, daß Ehristmthum und Eultur zwei identische Begriffe 7 Eine christliche Einflußnahme auf diesen oder jm« trzweig läßt sich freilich nicht aberkenn«; allein eine solche . wie zum Schluffe noch gezeigt werden soll, auch dem nthum und dem Mohammedanismu» nicht abgesprochm n. Auch Juden und MoSlemin Hab« diese- oder jene» t ihrer Zeit mit Fleiß »nd Geschick anzubaum und ihrm ngm dm warmm Odem ihrer Religion einzuhauchm gc- Ebm so wmig aber, wie man diese beidm letzteren -ließlich darum mit der Eultur zu identificirm gmeigt vird, eben so wenig darf die» mit dem Ehristmthum 1 '84« seit feen Zeitalter gub»i| XIV. hoben Religion nnfe hm — ungeachtet feer ^legentiichen vigateri« feiest« Lbnig« — tolle «ehr in fee «rtfecn Politik gespielt. (Rrfe.) s geschehe». Je «ach ihrer Ausdehnung i» Raum Hab« alle drei Glaubensbekenntnisse die ihn« vou der Eultur zu gewiesene Aufgabe trat und redlich erfüllt, bi» die ihr von der Vorsehung vorgesteckte Zett gekommm war und sich erfüllt hatte. Es ist aber eine geschichtliche Unwahrheft, Ehristmthum für Eultur und Eultur für Ehristmthum zu nehmen; es ist eipe Entstellung geschichtlicher Wahrheit, Eultur und Ehristmthum idmttsch zu nennen, — weil lange vor und gleichzeittg neben dem Ehristenthum und unabhängig von ihm die Eultur üppig geblüht und herrliche Früchte getragen.- Ich sage ferner, Ehristmthum und Eultur sind nicht identisch, weil zweitens das Christenthum als solche» trotz der wichtigen Mittel, die ihm fast zu allen Zeiten zu Gebote stand« und noch stehen, nicht immer denselben wohlthätigen Einfluß auf die Kulturvölker geübt hat. Werfen wir zunächst nur einen flüchtigen Blick auf unfern eigenen Erdtheil, so wiffm wir, daß in der alten, heidnischen Zeit die Griechen und Römer nicht bloß die Hegemonie in der Eultur hattm, sondem auch eine nicht viel niedrigere Stufe derselben einnahmen, als die Gegmwart überhaupt erklimmt hat. Griechen und Römer sind aber gleichzeitig auch die ältesten Ehristenvölker in Europa. Woher kommt es nun, daß sie trotzdem, und gerade seitdem sie sich zum Ehristenthum bekennen, eine oder gar mehrere Stufen der Eultur hinabgestiegen sind? daß sie mit der Ausbreitung des Ehristmthums sich von ander« Culturvölkern überflügeln ließen und ihre so lang und mit Recht besessene Führerschaft in der Eultur an die Germane^ , Franken und Angelsachsen abgeben mußten? Ja noch mehrl Fast alle europäischen Rattonm und Völkerstämme bekenn« sich bis auf einm ganz klein«, fast verschwindenden Bruchtheil seit geraumer Zeit zum Ehristenthum. Wenn es nun wahr wäre, daß der christlich« Religion als solcher die unbezwinglich civilisirmde Macht der Eultur inne wohnte, woher käme e» denn, daß so große und weite christliche Völkergebiete noch immer auf einer so niedrigen Stufe der Eultur stehen und trotz ihrem Ehristmthum auch nicht einmal einen Schatten der Eultur sich anzueignen gewußt haben, die in grauer Dorzett schon heidnische Völker besessen haben? Warum stehen die Lappen noch so niedrig, und Griechen und Römer nicht viel höher al» Slaven (?) und Mongolen? — Noch befremdender dünkt unS der Culturzustand der außereuropäischen Ehristm. Kleinasien ist die Wiege deS Christenthums und die astatischm Christen sind die ältesten der. Welt. Nun, stehen etwa die christlich« Armmirr, die asiattschen Lateiner, Griechen rc. mit ihrem so alt« Ehristenthum höher in der Eultur, als die ihnen zur Seite lebenden Araber und Türken? Oder sind die Kopt«, in Egypten civilisirtcr als die Mohamedaner ihrer Umgebung? Oder geltm nicht vielmehr umgekehrt Armenier, Lateiner. Griechm und Kopten trotz ihrem uralten Ehristmthum für entarteter, tückischer, barbarischer, wenn auch vielleicht pfiffiger und schlauer, al» die asiatischen und afrikanisch« Moslemin, mit denen sie zusammenlebm? Wo äußert sich also hier die civilisirmde Macht des ChristenthumS, die diesem pur ersllsve« inne wohnen soll? Oder warum zeigt sich diese Macht hier weniger, alS bei ihren europäischen Mitchristen? Eultur und Eivilisation müssen demnach doch nicht so ausschließlich durch da» Ehristmthum bedingt sein, alS man glauben mach« möchte. Und wie nun gar, wmn e» eine geschichtliche Thatsache ist, daß währmd einer ganzen Epoche der Mohammedanismu» der einzige und ausschließliche Träger der Wisse«» schaff und Kunst, also der ganz« Eultur gewesen, während

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