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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1872-01-01 · 3. Jahrgang Nᵒ 3. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
3 (1872)
Issue
3. Jahrgang Nᵒ 3.
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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fett Str&nbtrang enthoben sei und ein Feste- und Bleibendebiete. Weiter ist dis jüngere Geschlecht unter günstigen Verhältnissen ausgewachsen. Die schweren Kämpfe um Entknechtung hat eS nicht selbst durchzukämpfeu geh»bt; die Anerkennung, daß auch der Jude «in Mensch und zu Tüchtigem befähigt sei, wurde ihm bereits entgegengebracht; darum kennt eS auch nicht jenes ängstliche Hinschielen auf das Uriheil anderer, nicht jene falsche Scham, die zumeist zum Nachahmen und zum Nachäffen führte. Ebenso haben die Männer des Geistes» des Wortes und der Feder, dem Judenthume Anerkennung — wenn auch noch lange nicht die vollgebührende — errungen, ste haben defensiv und offensiv gezeigt, daß das Iudenthum gar wohl neben den andern Religionen bestehen und auftreten könne, sie haben seine Vorzüge ins Licht gestellt, sie haben das jüngere Geschlecht davor bewahrt, daß es seine Religion als eine Schmach und ein „Malheur" empfinde, so ist es zum Selbstbewußtsein und Selbstgefühl gelangt und denkt nicht mehr an jenes Verkriechen und Verstecken des Jüdischen. Endlich noch eins. Es trägt ja jedes Uebel seine Besserung in sich. Der Mangel an jüdischem Wiffen, welcher das jüngere Geschlecht gegen das ältere zurückstehen läßt, wie beklagenswerth er auch sei, er befreit uns von viel ungewaschenem Gerede, von dem speziell-jüdischem Phrasenthum; wir finden den jüdischen Epikores mit seinen banalen Ausstellungen, Angriffen, veralteten Witzeleien nur noch unter dem älteren Geschlecht. Und nun betrachten wir noch im Allgemeinen, warum die Reformweishest hat Fiasco machen wüffr» Ihre Urheber, zumeist ehrenwerthe und wohlmeinend« Männer, waren unter dem Einfluß der Lesfing-, Herder-, Schiller-, Göthe'schen Humanitätsideen aufgewachsen. Sie glaubten ehrlich und auf-' richtig, daß die Ideen: Gott, Tugend, Unsterblichkeit in sich selbst fest begründet seien und ein Gesammtleben edler, schöner, beglückender Menschlichkeit und Brüderlichkeit begründen könnten. Sie glaubten, es bedürfe nur einiger, weniger, einfacher, gemüthlicher, ästhetisch schöner, religiöser Formen, sie hielten ei für durchaus nicht schwer, daß sich alle Gebildeten über jene religiösen Ideen und die schönen Foimen verständigen könnten; alles Andere sei vom Uebel und müffe allmählig entfernt werden, wenn man eS nicht mit einemmale wegschneidrn könne. Wie ist das Rad der Entwickelung über diese Dinge hinweggegangen und hat die Träume zerstört! die materialistische atheistische Richtung hat mit den Ideen: „Gott, Tugend, Unsterblichkeit, sittliche Freiheit' noch schonungsloser aufgeräumt, als die jüdischen Reformer der vorigen Generatton mit Speise, Sabbathsatzungen und Selichoch. Der „geläuterte MosaiSmus, der reine Monotheismus, die allgemeine Moral", und wie die schönen Dinge alle heißen, sie sind mit Spott übergoffen worden, schärfer als der, mit dem die Reformer über den TalmudtsmuS hergezogen sind. Don diesem fortgeschrittensten Standpunkte ist offenbar der Gottesdienst der Reformgenv'senschaft geradeso veraltete Schrulle, wie der einer polnischen Ehassidimschule. — Darum werden diejenigen, welche Religion wollen, welche nicht, tabula rasa machend, mit dem Gorilla Hand in Hand gehen mögen, zu der Einsicht gelangen, daß die Religion, zunächst das Zudenthum, noch nicht bestehen könne ohne die festen gegebenen Formen. Das ist'S, waS wir im Eingänge dieser Betrachtung (Nr. 2) beweisen wollten. Man wird einsehen, daß eS sich um ein entschiedene- Entweder-Oder handelt. Entweder die von Iahrzent zu Iahrzent, und rascher noch, l wechselnden Systeme der menschlichen Gedankenarbeit, oder die Religion, daS Gegebene, Feste, ewig Gleichbleibende! Gehört denn wirklich mehr als eine klein« Dosts Logik dazu, um.einzusehen, daß «ine Religion, die der Mensch reformirt, eben keine Religion mehr ist!> Wir würden jedoch unser Thema mir sehr oberflächlich besprochen haben, wenn wir nicht die gesummte Bewegung der Geister und der Geschichte dabei ins Auge faßten, also die christliche Welt zugleich bettachteten. Diesem Gegenstände werden wir einen besonderen Artikel widmen. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Aerkl«, im Januar. Verehrer und Schüler des seligen Oberrabbiners Ettlinger haben den Vorschlag gemacht, dem um Palästina soviel verdienten Manne dort ein bleibendes Andenken durch Erbauung eines nach seinem Namen „Beth. Jakob" zu nennenden Pilgerhauses (Zufluchtshauses „nonv JT3") zu stiften, und sie fordern zu Beiträgen für diesen Zweck auf. Wir erhalten hierauf bezügliche nachstehende „Erklärung" mit dem Ersuchen um deren Veröffentlichung: Mit Bezugnahme auf den vom Beth-Jakob-Eomitä in Altona ausgehenden Aufruf bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß wir gern bereit sind, das Projekt zu fördern, wenn dasselbe im Anschluß an die Pilgerhäuser gemäß der Statuten derselben und unter der bestehenden Aussicht und Leitung des Eenrralcomitäs erbaut werden wird. Das Centtalcomitä für den Bau der Armen- und Pilger- Wohnungen in Jerusalem. Akibah Lehren, vr. I. Hildesheimer. Gustav Hirsch. P. Areska«, 9. Januar. (Orig. Corresp.) Unsere Gemeindeparlamente habm in letzter Zeit ein so bewegte- Leben geführt, daß di« hiesigen Stürme ein hübsches Miniaturbild einer großen Haupt-Staatsaktion abgeben können. Die neue Synagoge und die Fragen wegen ihrer materiellen und religiösen Ausgestaltung waren die Ursache einer ganzen Reihe von Verhandlungen, welche eine lebhafte Spannung in den Gemüthern hervorrief. Die Synagoge nämlich theilt mit allen von Korporationen unternommenen Prachtbauten dg» Schicksal, daß der ursprünglich festgesetzte Baufonds verbraucht ist, lange bevor der Bau fertig dastehl. ES gilt eine große Summe aufzubringen, um denselben zu Ende zu führm. Aber wo das Geld herschaffen? Der einfachste Weg wäre gewesen noch «ine Anleihe aufzunehmen; indeß der Chef unserer Verwaltung, Herr Kommerzienrath Friedenthal» wollte von diesem Mittel nicht wissen; es schien ihm ein Unrecht, die Gemeind« über Gebühr zur Herstellung eine» Gebäudes zu belasten, zu dessen Benutzung eine nicht unbettächtliche Minorität wegen der Orgel, die auch im neuen Tempel gespielt werden wird, sich nicht entschließen kann, von dem jedenfalls, bei dem nur für einen Bruchtheil der hiesigen jüdischen Bevölkerung ausreichenden Raum, die große Mehrzahl ohne wttteres ausgeschloffea ist. Es schien dem Herrn Friedenthal nicht angemessen,., für das bloße Ansehen eine hohe Steuer vieler aufzulegen. Er schlug demnach vor, ungefähr den dritten Theil der Synagogenstinde zu verkaufen; die Fortführung de- Baues sollte sonach ermöglicht werden durch eine freiwillige Beisteuerung aller der wohlhabenden Männer, die die neue Synagoge besuchen wolle». Die Repräsentanten, an deren Spitze Herr Gehetmrath Grätzer^

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