Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 52 (27.12.1871)
- Date
- 1871-12-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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415 Geschäft!«»«» hier lebt und all treuer Jünger bei Dr. Lipfchütz Me Vorträge, die derselbe hier in einem Kreise gehalten, fett deffen Entfernung von hier» fortsetzt. El ist ein!Mann mit recht vielen guten Eigenschaften, der sich vielfach in Midrasch und Agada umgesehen, aber nebenbei recht exaltirt uid eitel in einem sehr hohe« Grade ist; el kam hinzu, daß „ein Organ für dal orthodoxe Judenthum" ihm Unterstützung rerlieh und ihn bei Abdrucks einer seiner' jüngst gehüstenen Redm in seinem Blatte würdigte. Nun mag el Ihnen allerdings auffallen, daß sich unter solchen Verhältnissen ein Mann, von dem Extravagauzen zu erwarten waren, einen Anhang und ein Publicum zu verschaffen wußte, wir el in der Thal doch vorgekommen — el waren circa 400 männliche und »och mehr weibliche Theü» nehmer —; allein Sie wissen, wie el mit solche« Dingen geht. Abgesehen von einer Minderheit, die naiv genug war, diese religiöse Malkerade, wie Sie sehr richttg bezeichnen, sür ein gotteldienstlichel Werk anzusehen» bestand die Gesellschaft zum große« Theil aul Leuten, die jedem Ceremonialgesetz seind find, denen el vielleicht nicht ganz unerwünscht kam, dir jüdischreligiöse« Gebräuche einmal etwal (gründlich! Red.) dem Spotte preilgegeben zu sehen. Wenn nun auch die Beweggründe nicht immer so verwerfliche waren, so war el zunächst und vor allen Dingen Neugierde und Vergnügungssucht, die zum Besuche ver» onlaßte» welche Motive auch unsere frommen Festlheistiehmer zu ihrer Rechtferttgung anführen. Im großen Ganzen hat fich die Orthodoxie, all solche, fern gehalten. Ein Tischlied, welche! mit Instrumentalbegleitung vorgetragen wurde, — ein poetische! Erzeugniß de! Unternehmer! Cohn — lasse ich einliegend folgen und möge e« all Illustration dienen; ich ersuche Sie, den Ihnen passend scheinenden Gebrauch davon zu machen. (Nur au! dem von dem Herrn Correspondenten im Eingänge angegebenen, gewiß triftig« Grunde fühlen wir un! veranlaßt auf die „Maskerade" zurückzukomme«. £ätte da! Stück in Krähwinkel gespielt, so hätte e! nichts geschadet und könnte leicht mtt Stillschweigen übergangen werde». Aber in Hamburg sind die Blätter — man hat un! 5—6 Nummern der »Reform'» »Freischütz' und ,H. A. Tribüne' gesendet, welche Schilderungen enthalten — voll von dem Skandal! »Ref.' berichtet ohne merkbare Gehäsfigkett, aber auch da! ist übergenug! Der »Freischütz' hat eine drei Spalten füllende, offenbar von einem Juden (!) geschriebene, von commis-voyageur-äBifcen strotzende Schilderung. Dazu Spottgedichte u. s. w. iller Art. Einige Bruchstücke au! dem, wie gesagt, objektiv gehaltenen Berichte der Reform! „Unmittelbar aul der Psalm-Melodie ging die Musik in den Marsch an! Norm» über. Den Zug eröffnete ei« ÜSjähriger Greis mtt der „Makkabäerfahne", einer Latte mit angenageltem Pappschilde, auf welchem zwei springende Löwen nebst hebräischer Inschrift gemalt waren. Der AuSzug aus Egypten war sehr hübsch; ftellich erschienen die Emigra nten nicht dt de» versprochene« historisch treuen Reisecvstümen, sondern in moderner Tracht, hatten sich indessen mit gleichfalls modernen Ressekoffern, Geldtaschen ic. versehen und ein Pllger zog sogar einen Kinderwagen mtt Garderobe und Haulrathstückcn. Später kam ein Herr mit Bandelter von Goldpapier und einem Wtdderhorn, auf welche« letzterer so schauerlich schreckliche Töne hervorbrachte, daß ei» allgemeine! Zische» diesen eigenthümliösen musikalssche» Experimenten ei» Ende machte. (Andere Berichte ergeben, daß nicht die Töne, sonder» die scheußliche Profauation de« Unwillen erregt haben.) Aeußerst graufig waren auch einige Männer in Leichen Hemden und weihen Kappe«. Eine melancholssche Weise, vom Orchester angestimmt, figualifirte dal Erscheine» der gefolterten Matter mtt den sieden Söhne», welche anf der Estrade eine Art Riobidengruppe stelle» mußte». All erfreulicher Gegensatz hierzu trat ein von heitere» Wkssm inttoducttter Malkenzugr Ahalver, Esther, Mardochai und Haman auf, dal Purimfest fymbolifirend. Ahalver trug eine» purpurrothen hermelinverbrämte« Talar nebst dreieckige« Hut mit rother Feder, Esther hatte gleichfalls sehr elegante Toilette gemacht. Mardochai aber ward nicht auf Me Estrade geführt, well er auf einem mittelgroßen Schaukelpferde saß, welche! mit nicht geringer Anstrengung durch den Saal geschleift ward. Ueberau! gwßen Erfolg hatte die Darstellung de! Laubhüttenfestes. Die Laubhütte, etwa von der Größe eine! Polichinellkastenl, bestand aul einem Holzgestell, zur Seite mit Korbgeflecht bekleidet, während dal Lattenwerk obm mit vielen Köpfen grünen Kohls malerisch geschmückt war; in der Laubhütte, deren Träger von Schweiß trieften, saßen mehrere Kinder, welche hebräische Gesänge anstimmten, durch die der Wein gesegnet wurde. Später hielt Cohn seine Rede, konnte aber den Tumult nicht bewältige« und ward endlich so erzürnt, daß er mit den Worten „Ihr seid Pöbel!" sortlief. Er wurde wieder zurückgebracht» und mehrere Festgenoffen bemühten fich, die Ruhe wieder herzustellen, jedoch vergeblich. Obgleich Herr Cohn feine Rede noch einmal begann und auch vollendete, so war fie doch dem Tumult gegenüber fast völlig unverständlich. I» der Mitte seiner Rede. und während er gerade von der Thora sprach, kehtte er fich um und gab einem jungen Mann, der hinter ihm stand und fortwährend ihm in die Ohren schrie, einen Schlag; dann sprach er wetter, all wenn nicht! vorgefallen wäre. In dem Tumult entstand plötzlich eine Schlägerei zwischen einem Pelzhändler und einem« Bankier." Und da! ist nun in Blättern, die über ganz Deutschland verbreitet sind, zu lesen I Auch da! „Gedicht" ist in den Zeitungen ganz oder theil» weise abgedruckt. Man höre Ber! 1, 8 und 9: Mensch, Du Mensch, Du bist de« Lichte gleich, Mögest sein noch so arm, noch so reich. Heilige Flamme ist Dem Reschomme, Rein behütet sie jeder Fromme; Sie ist Zierde für da« Meuscheuhau», Soll sich freue» bei unser« Schmaus. Silberne Leuchter sür Dich gemacht» Zu« Gebrauch sür die Schadbeinacht, , Keine Sihabbeiftau braucht jetzt zu putzen. . Gaslicht ist uns von großem Nutzen. Die Hausfrau thilt sich glücklich finden, Ihr Kind benschend beim Entzünden. Denn Thora wird niemals verschwinden. Immer sfrennde im Vereine finden. Hat ewigen Bestand im Ez-Ehaim, Doctor Lipfchütz befördert den Keim. — Mächtig wird einst anffchießen die Saat! Hier ist >«erblinde» Lehre mit Thal! Sesterreich. Wir«, 17. Dec. (Orig.-Corresp.) Zeitwellige Abwesenhett hat mich verhindert, Ihnen über die Wahlen und ihren Ausfall rechtzeitig zu berichten. Im Allgemeinen läßi sich darüber nur dasjenige wiederholen, wa! Ihr Be'liner Correspoudent in der letzten Nummer über die gleichen dortigen Vorgänge sagt. El war eben nur ein künstliche! Echauffement, da! einige Heißsporne über gottesdienstliche Angelegenheit« hervorgerufen habe«; da! Volk selbst sst viel zu ftiedlich gesinnt, all daß ei die Eintracht so leicht hingäbe. Nachdem nun die Auflegung fich rin wenig gelegt hat, zeigt fich, daß man im Grunde wieder da steht, wovon man vor Jahren auSgegangen, d. h. el zieht, wie früher, nur Wenige, dir noch ein Interesse haben für dal Gemeiodeleben, für die religiösen Institutionen und für de» Synagogenbesuch — diese Wenigen aber wollten seiner Zett dal Bestehende erhalten «iffeu—; die Andern—angeblich die große Masse Reformbedürftiger — die (längen seit der ersten Galavorstellung, worin