Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 50 (13.12.1871)
- Date
- 1871-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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400 vorläufig fistirt ist, nachdem die Gemeinde ebenfalls drei BreSlauer Eaudidateu gewählt hatte. Der Oberpräfident wünscht eine Vereinigung mtt dem hannoverschen Landrabbiuat, waß auch von viele« Gemeinden gewünscht wird — aber ebenso wie in Hilde-Heim schwerlich zur Ausführung kommen wird, schon weil der hanniverfche Landrabbiner sich ablehnend dazu verhütt. Eine ganz neue Organisation deS LandrabbinerwesenS und der ganzen jüdischen Verhältnisse hätte übrigenjetzt eben, wo die Landrabbinate außer dem hannoverschen unbesetzt waren, am Besten erzielt werden können. Die Gemeiuden aber scheinen, obgleich einzelne früher mit Klagen nicht blöde waren, dennoch daS Bestehende whalte» zu wollen — ein nicht zu übersehender Wink für die Herren, die jetzt mit allem Organismus der Gemeinden tabula rasa machen wollen; ohne zu bedenken, daß nicht nur das preußische Judengesetz von 1847, sondern auch die wohlgeordneten Zustände in den annectitten Provinzen damit zu Grunde gehen würden. Einer der wesentlichsten Vorzüge der letzteren, die dem Staate abgedrungene Beachtung auch der jüdischen Gemeinden mid Schulen, hat sich jüngst hier auch im Kleinen gezeigt, indem die Aussetzung deS Unterrichts am Tage der Volkszählung, die bekanntlich für alle Schulen augeordnrl war, auch für die jüdische Schulen der Provinz, auf Veranlassung des Landrabb. Dr. Meter, durch den Oberpräsidenten anbefohlen ist. ES ist das an ich etwas Unbedeutendes und GleichgülttgeS, aber al» Symptom der Gleichbeachtunz nicht zu unterschätzen. Wir find deshalb auch sehr gespaunt auf den Inhalt deS in der Thronrede angekündigten UnterrichtSgesetzeS und speciell deS Gesetze» über die Aufficht in den Schule». ES ist dringende Pflicht, namentlich auch der jüdischen Prefle, ihre» ganzen Einfluß aufzubieteu, daß nichts hineiakomme, was den jüdische» Schulen, die leider ohnedies stiefmütterlich selbst von den Gemeinden behandelt werden, ihre kärglich« Existenz und Selbstständigkett noch mehr schmälern könnte. Von den jüdischen Abgeordneten würde ficher vr. Kosch für die Sache zu interesfiren sein. Wie wenig man in Altpreußen an die jüdischen Schulen denkt, zeigt schon die gänzliche Jgvoriruug derselben bei der Eiurichtunz der neuen Wittwenkafleu. Hier ist wenigstenda» Nöthige geschehen, um die Behörden auf die jüdischen Lehrer aufmerksam zu machen, und sobald erst die Organisation der Kasten vollendet, werden auch die jüdischen Lehrer eintteten können, tezw. wüsten. Die im Sommer in Hannover statt» gefuodene jüdische Lehrerversammlung — über welche auch merkwürdigerweise niemand Ihnen berichtet hat — war darin einig, daß man dem Princip der Gleichberechttgung zu Liebe, den allgemeinen Wittwenkaffen selbst mit Opfern beitreten müffe, obgleich da« Ju-lebentreten der „Unterstützung-kaffe für jüdische Lehrer, deren Wittwen» und Waisen in der Provinz Hannover'' jetzt gesichert ist. Die Directton derselben ist jetzt gewählt, und besteht auS den Herren Ob.»GerichtS»Anwatt Benfey, Banquier S. Coppil und Inspektor Dr. Kayserling in Hannover. Voraussichtlich wird diese Kaffe ihren Zweck erreichen, da schon viele Gemeiuden sich zu jährlichen Beiträgen berett erklätt haben und es nur bei: energischen Thätigkeit seitens der Direktion und namentlich der 8 ihrer bedarf, um den, Gott sei Dank, noch immer lebendigen Wrhlthäligkeitssinn für ein Unternehmen zu erwärmen, das zwar zunächst den Bethelligten, indirekt aber den Gemeinden und dem ganzen Judenthume in der hiesigen Provinz zu Gute kommt. Lon der Haupt- und Residenzstadt Hannover — batst ja der officielle Titel, den sie auS dem Schiffbruch gerettet hat — miautet nicht viel. Die Repräsentantenwahlen haben «inen kleinen Sturm im Glase erregt — da sie aber nicht um Principien, sondern um Personen sich drehten, so ist der Sturm ebenso rasch wieder geschwunden, als er entstanden war. Die neue Synagoge und der Gottesdienst in ihr werden von Fremden sehr gerühmt, von de» Einheimischen aber deshalb nicht mehr besucht. Die Reorganisation der Religionsschule veranlaßt viele» Reden — waS weiter dabei herauikonnnen wird, muß die Zeit lehre». Wenn daneben noch erwähnt wird, daß einer der junge» hannoverschen Stift-gelehrten, De. I. Cohn au- Altona, zum Rabbiner in Kattowitz gewählt ist, so hätten Sie für einen Brief der Neuigkeiten genug und können nur wünschen, daß Ihre anderen Correspondenten Sie in gleicher Weise auf dem Laufenden halten mögen. Hamborg, 3. December. Da» Programm zur 20(-<)jähr. Chauuckafeier, wie eS von Herm H. B. Cohn, der diese» Fest veranstaltet, festgestellt worden, ist uu» freundlich mitgetheilt. Die Feier besteht in Folgendem: 1) Festetnleitnng: hebräischer Gesang mit Instrumentalbegleitung, 2) Umzug um die festlich geschmückten Lampen, 3) Borttag de» FestsegenS, 4) Anzünden der 2400 Chanucka-Lichter durch die Festtheilnehmer, 5) recitastoischer Vortrag de» 133. Psalm, 6) Psalm IIS von 22 Fest» theilnehmern alphabetisch vorgetragen, 7) Psalm 30, recitastoisch vorgetragen. Dann beginnt da» Festmahl, während dessen die Ausführung de» Programm» in Folgendem fortgesetzt wird: 8) Festrede, 9) Ansprache Seiten» deS Festcomitö», 10) Tischrede, Toaste, 11) Ueberraschungen, 12) alte Nastoual-Hymne mü Instrumental-Begleitung, 13) religiöse Ansprachen, 14) Psalm 150, 15) Psalm 27 in ReSponsen, 16) Psalm 111, 17) Stufengesang» 18) Tischgebet. Der unter Nr. 2 aufgeführte Festzug wttd durch eine» 95jährigen Grei» eröffnet, welcher, von seinen beiden Urenkeln begleitet, die Makkabäerfahne voranttägt; hierauf folgen die drei Patriarchen (Abraham, Isaak und Jakob), diesen reihen sich die Stammmütter an und zwar Sara al» Gastgeberin, Rebekka mtt dem Wafferkrug auf der Schulter» Rahel mit einem „lebendigen Schafe" uud Lea mtt einem „Veilchenbouquet"; ferner 12 Fahneattäger al» Führer der Stämme Israel»; hierauf vttd der Auszug au» Egypten in den in der,Bibel beschriebene« Reisecostümen vorgestellt, Wetter folgt die symbolische Darstellung der Gesetzgebung unter einem Lrauthimmel, ferner verschiedene lebende Bilder, darunter: Hanna mit ihren sieben Söhnen, ein Trompeter mit der Neujahr»- posaune, Männer in Leichengewändern. Sodann wttd eine trag» bare Laubhütte und ein Lärmiger Candelaber gezeigt «erden. Hierauf eiue MaSkenprocesfion, in welcher AhaSveroS, Haman, Esther und Mardochai Vorkommen. Den Schluß bildet die Entfaltung der Kriegerfahne de» Hause» David. Da» Fest wird am Donnerstag den 14. d. M. begangen und um 7 Uhr Abend» eröffnet werde». (Ref.) (Wir gönnen ja den Veranstaltern ihr Vergnüge», aber wa» der Spott der Außenwelt zu dieser religiösen Maskerade mit Psalmen sagen wird? Freilich Griechenland und Rom kannte« dergleichen Festzüge zu Ehren der Götter auch — auch sonstwo noch giebt e» Analogien — aber jüdisch? Und nun gar die Kriegerfahne; ei ist wirklich al» hätte man eine Prämie auf tolle Herausforderung de» Spotte» gesetzt.) —1— Mannheim, 4. Derbr. (Orig-Corresp.) In den badischen Landtag (2. Kammer) wurden zwei Juden gewählt, der Anwalt Eller von hier (gewählt von der Stadt Mannheim) und Anwalt Dr. Gutmann-CarlSruhe (gewählt daselbst), jedenfalls ein wichtiges Factum, daß die beiden größten Städte Baden» zwei Juden wählen. Präsident der hiesige» Handelskammer ist ebenfalls ein Jude, Kaufmann Moritz Lenel von hier, der auch im Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde fitzt. Die früheren badischen während des Kriegeavancitten Juden: Hermann, Ladenburg, Mayer, Bielefeld, Kuhn und Grommbacher sind al» Reserveofficiere in die preuß. Armee (14. Armee-C.) ausgenommen worden. In den hiesigen Stadtrath wurden vier Juden gewähtt: Bankier Kahn, Kfm. Neumann, Kfm. Nöther und Anwalt Eller. Mannheim ist eine ächt christliche Stadt, wo eine reiche christl.