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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-12-13 · 50 (13.12.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
50 (13.12.1871)
Date
1871-12-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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in der „Octroyirung" deS*deutschen Gebete- — verletzt — denn da» ist doch der Rede Sinn. Der Wortlaut de» Kasseler Circular» zeigt wohl deutlich, daß man die neue Formel nicht geradezu anbefehlen wolle, «» wird vorherige Benehmung mit den betreffenden Herren Rabbinen erwartet; wenn demnach einer von diesen eine andere Fassung beliebt, so wird wohl niemand etwas dagegen haben, wenn nur die Personal- Bezeichnung die vorzrschriebene bleibt, denn darauf kommt e» es der Regierung an. Aber die Gemeinden brauchen sich Gebete überhaupt nicht octroyirm zu lassen, da» ist grobe Verletzung der Gewissensfreiheit! meint die „Jüd. Pr.". Soll also etwa die Gemeindeversammlung in corpore da» Gebet formuliren, den Wortlaut diScutiren, darüber abstimmen? Möglich, daß die „Jüd. Pr." diesen Modu» correct findet; wir wollen nicht darüber streiten; aber wir fragen die Herren Patrone de» Blattrs: wenn nun eine Gemeinde in nicht zu bemängelnder Weise, ganz „autonom" beschlossen hat, den tuuwoteu teschua, und mit ihm noch ein hundert Stück Pijutim abzuschaffen und durch deutsche Gebete zu ersetzen, oder auch unersetzt zu lassen — daim ist es doch in Ordnung und dem „Princip" gemäß? „Es ist daS die Partei, die „im Grundsatz" stets für die Freiheit ist, in der Praxis immer die Feindschaft gegen die Freiheit mit ihrem Grundsatz zu verewigen weiß." So hat WizgerS nämlich im Reichstage gesagt — er redete freilich von den Klerikalen. 2. Pas 2000jährige Invttä«« des KhamrLafefter, welche» einige Leute in Hamburg großartig zu feiern Vorhaben, hat in den dortigen Lokalblättern großen Lärm und religion»- schänderischen Zank erregt. ES liegt unS wohl ein Dutzend „EingesttndtS" darüber vor. In einem derselben wird aller»- dingS danach gefragt, ob eS denn mit der Zahlangabe auch seine Richtigknt habe, sie widerspreche ja den jedem Quartaner geläufigen chronologischen Daten. Darauf geht nun Einer mit der sehr weisen Bemerkung ein, eS komme ja nicht darauf an, wenn auch an den 2000 Jahren noch ein paar fehlen (!!!) sollten, ein noch Weiserer meint, die Zahl stehe doch in dem in allen Händen befindlichen Kalender und sei bisher von niemand (?) an» gefochten worden; di« übrigen Gtretter bewerfen einander mit den bet solchem Localblatt-Kampf üblichen Gemeinheiten. Daß dadurch da» Judenthum corun plebe nicht eben verherrlicht wird, ist leider nur zu gewiß. Die Personen find un» frenid, die persönlichen Anzüglichkeiten unverständlich, so viel aber ist ersichtlich, daß eine besondere Specialcouleur der rxrentrischsten Orthodoxie die Feier angeregt hat. (Da» Programm theilen wir al» Curiofum unten mit.) Die ganze Sache wäre nicht der Erwähnung werth, aber sie hat mit der vorher besprochenen eine frappante Aehnlichkeit. Hier wie dort ist e» einer gewissen Specie» der Orthodoxie eigenthümlich, daß sie für alle» einstehen zu müssen glaubt, wa» einmal „in jüdischen Buchstaben" gedruckt ist. (Die echte Orthodoxie der Unwissenden!) Dort ist e» der Hannoten teschua, hier die Chronologie de» Luach, welche, weil einmal so gedruckt, gelten und bestehen müssen. Und wüßten die Leute gar, daß die jüdischen Geschichtsforscher, welche die Tempelweihe in da» I. d. W. [3595/6] setzen, Männer wie Hertzfeld, Graetz u. a. find, so wurden sie triumphirend auSrufen: da haben wir'», da» find die Ungläubigen, die Apikorsim; wer an Gott und seine Lehre glaubt, der glaubt auä» an die Zahlenangaben deS Luach, eS ist alles Ein», ei» Princip! Daß auch Herr vr. Lehmann in einem Leitartikel da» 2000jährige Jubiläum feiert» ist ziemlich natürlich: die Zahlen zu prüfe», Kritik am Luach zu üben, da» ist gut für „die f. g. jüdische Wissenschaft, für die Breslauer Schule" — wir begehren dergleichen nicht» wozu ist denn da» Luach, da steht'S ja gedruckt, und ,,wa» man schwarz auf weiß besitzt u. s. w." Wir haben unS die unfruchtbare, aber geringe Mühe gegeben, ein Convolut jüdischer Kalender au» den Jahren 5520—60 durchzusehen, Frankfurter und Sulzbacher Drucke; wir haben da wirklich für Chanucka verschiedene Daten gefunden, neben 3632 auch 3620") und 3626, in einem sogar 3570. Also die reine Willkür von „Drucker, Setzer und Preffen» zieher". *) So noch in eine« hannoverschen Kalender für 1828/9. Feuilleton. Die Juden in Aüd -Arabien. (Schluß von Nr. 48.) Wir lassen jetzt als Nachtrag und Ergänzung zu den Berichten deS Freiherrn v. Maltzan die am Eingang (Nr. 46) erwähnten anderweitigen Reiseberichte folgen. Edinond Planchet hat unlängst Arabien bereist; in der „Revue äes Veu»-5lonckes" gibt er einige Skizzen, welche in Beziehung auf die Lage der Juden in Aden mit den Maltzan'» scben Beobachtungen und Angaben nicht recht übereinstimmen. „Wenn man von Suez nach Aden reist, bemerkt man bei schönem Wetter zur Linken auf dem arabischen Ufer einige einsam stehende Palmen; sie decken mit ihrem Schatten die Quellen, welche den Namen Moicsbrunnen führen. Wenn die Luft klar ist, sieht man in derselben Richtung, aber sehr weit am Horizont, eine kleine weiße unbewegliche Wolke, es ist der Horeb. Der Sinai, obgleich weniger entfernt, steht weiter in der Wüste und ist nicht wahrzunehmen. Aden liegt im glücklichen Arabien. Am Ausschiffungspunkte, gleich arn Strande, finden wir einen von ParfiS gehaltenen Bazar. Ein in ein langes Kleid von weißer Wolle gekleideter Jude, welcher auS Jerusalem gebürtig sein wollte, bietet unS Pferde an; wir nehmen fein Anerbieten an, um ihn für die Schimpf» wotte und Schläge zu entschädigen, mit denen die Araber, welche un» auch Sattelpferde zur Miethe angedoten hatten, ihn bedeckten. Nach einem halbstündigen schnellen Ritt kamen wir im Galopp durch eine in den Felsen gehauene Pforte nach Aden hinein. Wir hielten im Mittelpunkte der Stadt auf einem viereckigen, von BazarS und Arkaden umgebenen Platze an. Ein Trupp Sträuße, über unsere lärmende Ankunft nicht im Mindesten erschreckt, stürzt sich auf unS, umgibt uns und macht Miene, unS mit den Schnäbeln anzugreifen. Glücklicherweise war der JSraelite un» gefolgt, indem er sich wie ein Aff« am Schwänze eine» unserer Pferde festzeklammert hatte, er vertrieb unsre gefiederten Gegner, indem er ihnen mit seinem Stocke drohte. Wir ttaten in die Bazare ein. In einem recht sauber au»- sehenden Laden kaufen wir einige Bündel Cigarren. Beim HerauStteten kommt ein Sipoy (englisch-indischer Soldat) in Uniform eines Policeman auf uns zu und erkundigt sich höflich nach dem Preise der Cigarren, die er un» ttagen sah. — Acht Rupien. — Sie sind bestohlen, antwortet der braune Hindu phlegmatisch, dann tritt er in den Laden, packt dm Verkäufer, zerrt ihn an dm Kleidem hinaus, wirft ihn sehr unsanft zu Bodm und gibt ihm eine Tracht Stockschläge. Der arme Araber erhob sich mühsam und ttat wieder in seine Bude, ohne eine Klage oder ein protestirmde» Wort zu wagen, er war bleich und zittette an allm Gliedern; eS war wieder cia Jude. Die» war, seit meiner Abreise aus Frankreich,' der erste Act summarischer Justiz, den ich erblickte. Er betrübte mich. Man muß sich indessen im Orient au dm Anblick solcher Rohheitm gewöhnen»

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