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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-11-08 · 45 (8.11.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
45 (8.11.1871)
Date
1871-11-08
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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«Haben unseres Vaterlandes die HHligen Tage, dieLage der Buße und Versöhnung, gefeiert worden find; Rauferei« und Schlägereien gab es in Menge, die Omuipotenz des Stchlrichter» wurde zur Herstell»»g der Ruhe und Andacht angerufen, Pandur« mit der Klinge des Schwertes hielt« d« Cherubim glHch vor, sogar im Hause Gottes Wache, die Israelit« könnt« mrr im BHagerungszustande d« Lag der Versöhnung feiern. Dank dm HHligm in FrHstadtl wurde auch der Schulchan Aruch um ein neue« Capttel vermehrt; im Codex war nicht« für dm Fall vorausgesehm, wie es zu gefchehm habe, wenn zwei verschtedme Gemeind« zu glHcher Zeit ein Bethau« bmützm sollen, man war rathlos, und der Zatholtsche Bicegespan half mi» seiner theologisch« Gelehrsamkeit au» der VerlegmhHt. Er erließ Hnm Ukas, eine Reihe von Dintm über da« Schofarblasm, die Alioth, Pesichoth u. s. w. mthaltend, kein Pilpul half, die Thora de« Vieegespan mußte als unanfechtbar angenommm werden. Dawäre also die vielgepriesme Gewissm-freihett, die da« Gewiss« der Gesetzeswächter so sehr beunruhigt, die in dem Sage gipfelt »man schlägt ihn, bi« er sagt: ich will*, und die zu realistrm Pandur« beruf« sind. Kein Congreß, keine Selbstbestimmung, nur der Stuhlrichter mtt sein« Lictorm, und da« soll gottgefällig, jüdische FrömmigkHt sein? O welch' ein Jammer! E« find ganz Hgenthümliche Dinge, die bH un! vorgeh«. Da giebt e« in Nettra und noch mehrerm Ort« zwei Gemeinden und nur eine Synagoge. In dieser Synagoge wird MorgmS und AbmdS zweimal, von jeder Gemnnde besonder« Gotte-dienst gehakt«. Nun wird jeder logisch Dmkende der Meinung sein, die BerschiedmhHt der Liturgie mache diese Abnormität noth» wmdig, oder doch mindest««, daß die Hne Gemeinde den Choralgesang bHm GotteSdimste eingeführt habe, wa« die frommen Ohr« der Mitglieder der ander« verletzt. Wer so dmkt, ,irrt gewaltig; in unser« jüdisch« Zustand« ist die Logik da« fünfte Rad am Wag«, man liebt Ueberraschungm, und trotzdem keine Berschiedmhett der Liturgie besteht, und obwohl der Chasan beim Gebete die altgewohnt« Triller vernehmen läßt, machte man Etrike und arrangirte ein« besonder« Gottesdienst: wer einmal sHne zwei Guld« auf dem Altar der Schomre hadath opfert, ist ein HHliger und kann und darf nicht mit simplm M«schm, welche diese zwH Guld« lieber Hnem Armen spmdm, bet«. Da« ist Hne goldme Zeit für verkannte Gimie«, die bisher vergebm« gekämpft und gerungm ein Ehr« amt in der Gemeinde zu erlang«; sie find, diese verkannt« Genick, schrecklich ftomm gewordm, ihr jüdische« Gewiss« tteibt sie au« dem Schooße der MuttergemHnde, Hne neue ist bald constituirt, und — o sHtgste.der LebenSstundm: da» Langersehnte ist erreicht! man ging au« der Wahlume als Herr Vorsteher hervor. Ein solche» Gemeindehaupt führt imm« dm Schulchan Aruch im Munde, versteht aber fr viel von demselben wie von der Darwinsch« Theorie; es muß ein gar komische» Ding sein, wa« sich solch' Hn gelehrter Herr unter dem hell. Schulchan Aruch denkt. Nun noch einige Worte an Ihr« Correspondmtm, der in Nr. 38 d. Bl. so fteundlich war» seine Correspondmz an mnne Adresse zu richt«. Er spricht von ein« von mittelaltnlichen Schlack« g«einigt« Orthodoxie, für welche « bi« zum letzt« Athemzuge die Fed« führ« wird. Mir will e« nicht geling«, da« Wes« dies«Orthodoxie zu begrHfm; da sie Hnm Reinigung«» Prozeß vorgenommm, muß sie offenbar etwa« Nmck od« doch etwa» Alt«Nme» sein, da» Neue ab« muß sich «st repräsentiren, muß Ausschluß üb« sein Wes« gebm, bevor e« in die Welt d« Erscheinung« tritt. Ihr Co«espondmt hätte also «klär« soll«, welche diese mittelalt«lichm Schlacken sei«, von den« sich seine Orthodoxie gereinigt hat.*) Daß diese Orthodoxie in *) Da wir die beide» Herren Lorrespondente» ihren Swnt, der mehr die Bezeichnungen als die Sache treffen dürste, hier nicht durchführen taffen töaoen, so «landen wir uns, einige auögleichende Bemerkung«! selbst auz». Preßburg und Ujhely nicht zu Hause ist, steht fest; dort will man von mittelalterlich« Schlack« durchaus nicht» »iss«, und w« an solche nur zu denk« wagt, wird ohne vieles Federlesen zu dm Ketzem geworfen. Sollte etwa Or. Lipschitz aus Debrezin, Hn« d« fünf orthodox« Rabbtnm, die « nennt, da» Ideal dies« Rechtgläubigkelt sHn? Ich kann es nicht glaub«, w« von d« Kanzel so schimpf« kann, wie « es gethan, und noch obmdrHn diese Schimpftvorte durch d« Druck zu verewigen sucht — Ihr Correspondmt wolle gef. diese Rede lesen — der darf zu dm jüdisch« Fromm« nicht gezählt w«dm. Ich habe ganz and«e Begriffe von Orthodoxie, verwerfe ganz und gar die modeme Auffassung diese- Worte«, und kann deshalb seinem Wunsche, fünf orthodoxe Rabbinm, die den Congreß an«kmnm, zu nmnm, nicht gut nachkommm; ich würde ihm Persönlichkeiten nenn«, die vor sein« Augm keine Gnade fändm, sowie die Orthodoxie d« von ihm genannt« Männ« da und dort stark angezwHfelt wird. Die Rabbinm, der« Namen ich hin doch nmnm will, w«d« von all« Parteien al« orthodox annkcmnt, sind ab« außndem, wa« sehr wichtig ist, talmudifche Capaeität«, und bekmnen sich zur Congreßpartei; e« sind da« die greis« Rabbin« von Trmcsin, von MiSkolz, von Thurccz St. Macton, Rabb. Deutsch von Nettra, Hirsch von Altofen, d« greise Kuttna in Toti«. Ich habe also sechs gmannt und könnte diese Zahl noch vermehr«, ab« wozu Nam« häuf«? Schließlich noch die Bemnkung, daß e« ein Jrrthum ist, diejmigm, welche gegen die Congreßbeschlüsse nicht auftret« od« dieselben, gar accepiiren, al« Neolozen zu bettachtm; die Annahme dies« Beschlüsse setzt eben keine bestimmte GlaubmSrichtung voraus, Wie auch in der Thal orthodoxe und fortschrittliche Gemeind« .sich nach dem Congreß eonstttuirt Hab«. Frankreich. < Paris. Am 12. Ort. starb Molse Millaud, Grund« de« »Petit Journal*. D« Name Millaud wurde vor mehreren Jahren vielfach in Verbindung mit dem de« ebenfalls unlängst verstorben« MiröS gmannt, und mancher mag beide, wie sie gleich« Glaub««, so auch für gleichen Geiste« Kind« gehalten Hab«. ES ist dah« Pflicht, diese« al» J«thum zu bezeichnen. Der Tod reinigt und richtet; e« stellt sich vollständig heraus, daß wir un« unf«e« GlaubmSzenoffm Millaud1 nicht zu schämen haben; im Gezmtheil, wie « Jude mit ganzem Herz« gewe'en, so können wir un« seiner rühmen. Allerdings ist er in Prozesse und Anklagen in Betreff seiner vielsHtigen Unternehmungen verwickelt gewesen — wie Mir«« — aber Crvmieuv, sein damaliger B«theidig«, hat nicht nur seine Freisprechung erzielt, sondem seine vollständige Rehabllitirung und n konnte an seinem Grabe aussprechen: »AlS dein Ruf und deine Ehre, theurer Millaud, durch Leidenschaft und mächtige Interessen gefährdet waren, da hast du in diesem Kampfe bH mir Hülfe gesucht; du dachtest nicht an dein Vermögm, welches zu schwinde» drohte, sondern an dein« Ruf, den du dHnm Kinde« unbefleckt hinterlassen wolltest. Du hast üb« alle Angriffe gesiegt.* Wir haben hin von den literarischen und finanziellen Unternehmung« Millaud'« nicht zu red«, wir stellen nur aus »Rev. JSr.*, »Univ. JSr.* und anderen dort eittrtm Blättem einige lose aneinandergereihte Sätze hierher, welche die in unserem Blatte zu berührend« Seit« de« WirkenS und deS CharaktnS de« Verstorbenen betreffen. DaS »Petit Joumal*, wird gesagt, habe fügen. Herr 6. deutet wester unten an, daß der Name „Orthodox' nicht zutreffe und zu Mißverständnissen führen müsse; da liegt denn auch der scheinbare Differrnzpunkt. Wa» gereinigt worden ist, ist eben nicht etwa» Neue». Welcherlei mittelalterliche Schlacken unser H. Lorresx onde« etwa meine, wird Herr 6. ohne Zweifel selbst wissen; daß jener st: nicht ausgezählt, also nicht ein vollständige» Sl-ubea»beke»ntuib seinem Schreibe» einverleibt hat, iS an» sehr begreiflich; ei» solche« würde die Grenzen einer Lorrespondeuz »»eit überschreiten. (Red.)

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