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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-10-11 · 41 (11.10.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
41 (11.10.1871)
Date
1871-10-11
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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ssr wohl alle tafere religiöse« Parteien, von der «oberste« Richte« f Ml zur Linken, vielleicht mit Ausnahme der zur Berliner Resorw- Partei Zählenden, überein stimmen werden, — die den Bram» und Mittelpunkt unseres ganzen religiöseu Lebens blldet. Wer noch au einen Schöpfer der Welt, an einen durch Moses und die Propheten uns geoffenbarten Gott glaubt,*) also nod> auf dem heiligen Boden des JudmthumS steht, der wird auch leinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß die Sabbathseier, ohne den Baum unserer Religion an feiner Wurzel zu schädigen und unser ganzes religiöses Leben zu vergiften, nicht augetastet wer» deu darf. Und dennoch, — wie steht ei heute um unsere Sabbath» frier? Einst, — ja einst wurde der Sabbath gefeint, geweiht , und geheiligt! DaS Geschäft und Gewnbe feierte, und man gönnte dem Körpcr die nöthige Ruhe, dem Geiste die urthige Erholung; sechs Tage in bet Woche arbeitete man schwn und saun um ta» liebe tägliche Brod, abn dn siebente Tag war yb rav, an dem nur dn Geist mit dn hehren Himmels» kost gespeist wurde. Damals lebte man noch wie ein vernünftiger Mensch, dn ,im Ebenbilde Gottes' geschaffen nicht nur für seinen Leib, sondern auch für die gottgeborme Snle zu sorgen den Beruf hat. Heute abn? Nun, heule ist man entwedn hoch gebildet und dampft mit schrillendem Pfiff nhaben und gemüthlich übn die ganze Sabbathfein hinweg — . odn man gesteht theoretisch zu, daß die Sabbathfein zwar ein göttliches, nicht wegzudeutendes und zu leugnendes Gebot fei, unterscheidet sich abn in dn Praxi» nicht im Geringster von jenen, die schon im Principe die ganze Lehre von einem gnffmbaiten Gott, vielleicht auch die von einem Schöpfer dn Welt, leugnen und verwerfen. Für die nstnen find diese Zeilen freilich k nicht geschrieben, — abn für die letzteren habe ich eine ernste und dringende Mahnung! — .*) De» Znsiummiih,», viefrn vorrnwsetzmg mit d» Sabbathfein theologisch hin z» begrSabe», »irb mit »er Seser «taffe». s Institutionen' rc.) ritirt a«S dem Briefe, de» der hell. Bnnar» du» an die Deutschen zur Zett de» zwetten KreuzzugeS ei lieb, folgende Stelle: „Was die Habgier und den Wucher betrifft die Ihr deu Joden vorwerft, so sehen wir ja leider auf allen Griten zu »nserm groheu Leidwesen christliche Wucherer, die wie jene verfahren und denen der Narüe von Christen weniger zukömmt, als der von getauften Juden." Man beachte jedoch! Den Angehörigen der christliche» <Konfession waren alle Berufs» und ErwerbSatten geöffnet. Die Juden dagegen waren (bis in die allerneueste Zeit) durch die Staatsorgane gezwungen worden, ausschließlichen Beschäftigungen sich hinzugebeu. Landbau, Handwerk, Grobhandel, Besitz von Grundetgmthum und Schiffen, Alle« wurde ihnen untersagt. Kau« wurde ihnen in ihren Ghetto» eine andere Beschäftigung fteigelaffen, als diejenige des Geldgeschäft». Dabei wurden sie fortwährend in ihrem Befitzthum gestött, sei es, daß Bevölkerungen sie ausplündertm, sei es, daß Regierungen ihnen schwere und! willkührliche Steuern auserlegten, Mabregeln, bei denen einerseits ihr Leben bedroht, andererseits da» Resultat ihrer geistigen und körperlichen Anstrengungen absorbtrt wurde. Mit der Größe »er Eapitalgefährdung steigt bei jeder Att von Geschäften der Lrhu» satz, welchen der Capitalgewährer in Anspruch nehmen «mH- Man wird unter diesen Umstände» die Vertheuerung, welche das von Juden dargeliehene Geld erfuhr, nicht nur natürlich, son>ern unausweichlich finden und zugesteh« müffeu, daß die letzte« Ursachen hierbei nicht von de» Jude«, sondern von de« sie ver» folgmdea Staat, von der gegen sie Hab verbreitend« Kirche her» rührten. Wohl gab es und giebt es heute geldgierige Jude», vir Hab« tudeffm geseh«, daß unverfänglich« Zeugniffe »u» statire», wie der Wuchergeist bei Glied«« auderer Confessio am, : die für ihre Handlung« vollständiger Freiheit und Sich« heit Man kann zogestoh«, daß di« heutig« social« und com» merziellm Berhältutffe (auf. di« es hier zumeist ankommt) andere geworden find, als sie «och vor fünfzig Jahr« gewesen find; ich sage, ma> kann das zugesteh«, ohne dm Gegnem der Sabbath» feier auch nur um ein« Gedaukmstrich mtgegmzukomm«, viel» «ehr nur, um dm letzt« Grund de» Widerspruche« und Zwiespaltezwischen Leb« und Religion zu nenn« und zu zeig«. Diese Ursache ist nicht» andere» als unser rastlos tteibmdes, sich selbst überstürzende», mit der Schnelligkeit der Dampfkraft oder der blitzähnlich« Geschwindigkeit de» elektrisch« Drahte» vor» wärtS eilendes Leben der Gegmwart! DaS Motto der Jetztzett: „timo i« money“ ist die Klippe, an der die Sabbathfeter zerschellt! Heute gilt eS eb«, «tweder mit Windeseile ohne Ruh' und ohne Rast vorwärts zu stürz«, oder zuruckzubleibm und von d« Nachzüglern überholt und umgerannt zu werden. Und an dieser Ruh» und Rastlosigkeit sollt« unsere heiligst« Güter zu Grunde geh«? Sollt« wir dem perpstnum mobile der Gegmwart gar kein«, auch dm kleinstm Raum nicht abgewinnm könnm, um darauf dm Tempel unsere» Glaub«» aufzubaum? O, ganz sicherlich, wenn nur der ernste Wille hierzu Vorhand« wäre. — E» ist bekannt, daß in dm meist« deutsch« Städtm (nur Pos« und ein Theil Prmßen» machen eine Ausnahme!) der Wochmmarkt gerade an unserem Sabbath abgehaltm wird, und da da» ganze Gefchästslebm in kleiner« Städtm sich im Verkehr de» Markttage» zusammmdrängt, so bleibt dem jüdisch« Gewerbetreibenden nur die harte Wahl zwischm seiner Existenz und der Sabbathseier. Daß letztere «nterlicgt, darf wahrlich nicht Wunder »ehmm, denn Weib und Kind fordern Brod, — obwohl freilich hiermit die Sabbathmtweihuug nicht mtschuldigt «erd« kann. Warum wendet man sich aber nicht an die Re» gieruug mit der Bitte uw Abhüfe! Oder hat etwa der Staat gar kein Interesse, da» religiöse Gefühl von tausmdm und aderfich erftmtm, ebmso stark ausgeprägt erschienen. Es ist demnach eine geschichtliche Ungerechtigkeit, vorzüglich damit die Judm zu beschuldigen. Und gar in unser« Zeit«! Geldgier erscheint übrig«» in dm verschiedmstm Form« und in all« möglich« Berufsattm. Weist, um auf etwa» Eclatantes hinzuzeigm, nicht die Geschichte so häufige Beispiele auf, in welch« Regierungen, mit Verkennung der Grundlagm ihres Besteh«», Bevölkerung« ausgesozm und an dm ihrer Verwaltung preisgegeben« Staat« Erpresiung geübt Hab«? (Der Verfasser giebt hier eine ausführlichere Erörterung über Geld-, Darlehnsgeschfäte und Zinsen, welche wir, als unserem Blatte femliegeud, übergeh«, und fährt dann fort:) Wir versprach« darauf zurückzukonnen, worin wir die Erklärung erblick« für die hohe Stufe, auf welcher zu all« Zeit« Gemüth und Geist bei den Judm auSgebildet erschein«, und wir gebm sie nunmehr als Schluß diese» Abschnitte». Wir Hab« constatirt und wiederhol«: Fern sei es, zwischm Mmsch und Mmsch ein« Unterschied zu mach«, ein« Racm- Vorzug coustruirm zu wollen. Es liegt gewiß nicht hierin. Wohl aber liegt es in dm Erziehungsmitteln. E» ist derselbe Grund, weshalb für die gelehrt« Stände, für Aerzte und Philosoph«, Theologen und Jurist« eine gemeinsame Vorbildung, die Gymnafialbtldung, zur Bedingung gemacht worden ist. Es ist derselbe, weshalb Polhtechniker, Landwttthe und nmerding« auch Kaufleute einer gleich geartet« Vorbildung nachstreben. Die Anerkennung ist hierin bekundet, daß die Bekanntschaft mtt dem klassisch« Atterthum die Auffaffungm erweitert, das Verständntß erschließt und am Best« geeignet ist, dm geschichttichm Zu» sammmhaug und d« Fortschritt in dm Aufgabm der Menschheit versteh« zu lern«. Die speeistsch jüdische Bildung hat au» zwar andere Hülfsmittel, aber st« b«uht ans derselbm Grund» läge. Sie'gewährt von dm all« Sprach« zwar nicht die Kennt»

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