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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1871-09-06 · 36 (6.9.1871) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1871)
Issue
36 (6.9.1871)
Date
1871-09-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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482 «Oil ■" t* hätte heutzutage nicht schon einen Mann gesehen, der ein treff. licher Sohn genannt werden muß, seine» Mer« sehr »M Liebe« und Gute« erweist. für sie, wie «an z« sa>e» pflegt, dnrch da« Feuer gehen möchte, aber — dem Feuer der Eigarre au« Rückficht für seine Eltern am Eabbath entsage», da« gewinnt er nicht über sich! Oder eine Tochter, die alle« »ach dem Wunsche und Will« der verehrtm Eltern einrichten möchte, aber — nicht die Küche tt ihre« jungen Hauswesen, daß jene ohne Umstände etwa« bet ihr genießm können! Wir reden nicht von dem Falle, in dem die lAtern gegen da« betreffende Thun der Kinder wirklich nicht« einzuwenden haben oder e« gar ausdrücklich billigen, wenn fie auch selbit »noch so than,. wie sie e« einmal gewohnt find«, sondern von den Fällen, da fie zwar schweigen, nicht« mehr z« ändern versuchen, aber doch innerlich fich grämen, da« (Stegen* thetl weit lieber sehen würdm. Warum wissen die liebenden Kinder sonst der Eltern leiseste, verborgene Wünsche mit dem Herzen zu nrathen, um fie so viel wie nur möglich zu erfülle» und mit einem dankbaren Blicke für alle« belohnt zu sein — und hier, «r der Eltern Wunsch so unschwer zu errathen, wo er so klar vcrliegt, da wollen sie nicht« wissen. Wir könnte» sagen, daß solche Söhne und Töchter ihre Ntern wie Kinder behandeln, die man ernährt, schmückt und in jeder angemessene»' Weise erfreut denen man auch, wo e« augeht, ihre« Willm thut, aber nicht da, wo es fich um Dinge handelt, die wir besser wissen müssen, und in denen der Kinder Wunsch und Wille nn« nicht kümmert. So trifft e» wirklich bei vielen Männern und Frauen in Beziehung auf ihre Eltern vollständig zu; jedoch nicht bei allen. Da« aber liegt in allen solchen Fällen vor, daß die Kinder de» Eltern sagen: »Ihr könnt un« in Beziehung auf da« religiöse Leben keine Borbilder sein.' Nun — in welcher andern Beziehung denn? — 3« alle« Gute«, in jeder Tugend? Damme herrlich! Da müßten die Eltern sehr ehrwürdig fety; dann aber muß e« ihnen auch mit ihrem religiös« Leb« sehr Ernst fei», denn einem edlen Mensch«, den man in jeder Beziehung al«!3orbüd gelt« lass« kann, kann die Religion, die er übt, nicht Heuchelei, Schein und Gleichgültige« sei». Du ehrst also an den Eltern alle«» nur danicht, wa« ihn« da« Höchste und ^-eiligste ist — willst fie dir Borbild in allem sein lass«, nur in dein nicht, »a» fie selbst al« ihre höchste Würde betracht«? Auch solche unfttmigr.Widersprüche komm« im Leb« aber e» ift nicht »öthi^ dich wir fie weiter beleucht«. — Uso betrachten mir dm gerade «hMmgesetztm Fall. Die Ute« ßad WirMch nicht sehr chrwtrdstg. für Andere, sie könn« al« Vorbilder nicht geltet, weder an Moralität, noch an Intelligenz und Wifi«; von dm eigmm Kinde« werdm fie jedoch mit Liebe behandelt, gehegt und gepflegt, an von einem Richter »ach ihrem Beispiele kan» keine Rede sei» und ihr religiöser Einfluß ist gleich Noll. Da aber sollte fich echte Pietät find«? Da sollte nicht doch da« Obmerwähnte etntretm, daß die Kinder die Elte« gleichwie Kinder behandeln?- E« maltet da der Gedanke vor: »Genießt, ihr Alten» und laßt mch wohl sei«, aber mtt emm veraltet« Schrullen laßt «n» in Ruhe' — und wenn da« Herz davon voll ist» sollte da nicht auch der Mund einmal tato« überfließm? 8er hör« will, der wird denn auch wohl schon gehört habm, ma« früher in Israel nicht gehört Word« ist! 8a« ist denn ander« geword«? Stand« dmn vordem alle Judm ihr« Söhn« und Löchte« al« ehrfurchtgebietmde Borbilder sittlicher Untadeligkeit, geistiger Durchbildung gegenüber? Gewiß nicht, aber die Religion war da« gemeinsame Band, da« religiöse Leb«, die religiöse Praxi» hatte der Sohn vom Dater, die Tochter von der Mutter gelemt» abgeseh«; die Elte« «mm zugleich die Lehrer, und so lange um diese Lehre al« die wichtigste und die religiöse Praxi« al» da« Höchste galt, warm die Elten d« Kinde« Gegenstand der Ehrerbietung — trotz mancher Fehler und Schwäch« — so lange fie nicht auch i« religiös« Leb« Blöße gab« und auch da ihrer Kinder Achtung verscherzt«. E« ist nun, nachdem mir d« best« und d« schönst« Fall betrachtet Hab«, nicht nöthig, auch noch dm Mittelweg, da» Mittelgut zu erörteu; mir könn» jetzt ganz allgemein »ach» *) Doch wir» die« ein seltener Fall sei». Diejenige», deren Reügiosttät echt ist, lwd di« dabei ihre» Kinder» stttlich rria n»d geistig gebildet gegenüber stehen, «erde» diese auch i» ihre« Beispiele erziehe«. So wir das Begeatheil sehe», sehlt e« i» der Regel in ei»e» dieser drei Paukte — »der die Kinder müßten rachlose sei»; ppoo TTB Mtt, von solche» red« wir nicht. Feuilleton. Au» -eu SrMuuge» eines Neuusitzjahrigen. 2. Fiiedrich der Große in der Synagoge. Hab« Sie gelesm, daß der Kasser von Brafilim in London eine« jüdisch« GotteSdimst beigewohnt hat? Die junge Welt m»itt gm» da« sei etwa« Merkwürdige«, aber e« geschieht nicht« Rere« unter der Sonne. Sehm Sie, al« Friedrich der Große zur Regier«»; kam, gedachte er alle öffentlich« Gebäude und Anstalt« Be.lin« selbst in Augmschei» zu nehmm und demnach auch einmal die ,Judmschole' zu besuch« uud zwar «ährend de« GotteSditnste«. Er that also seinem Hofjud«, R. Ephraim R. Bettel'«, ein« Willm kund und dieser hielt e« für'« Angemessenste, einm Frettag-Sbmd Vorzuschlag«. Ee. Majestät beraumt« also einm solch« Abend an, und die Berliner Judenschaft that ih: Beste«, dm allerhöchst« Besuch würdigst zu empfang«. Bcrhof und Synagoge wurdm best«« geschmückt, aus dm Almemor ein prächttger Teppich gelegt, darauf ein Sessel für dm König, Stühle für da« Gefolge; der Chasa« rüstete sich und seine Beisänger, um etwa« Schöne« vortragm zu könne«. Fiiedrich erschi«, «ahm Platz, Ephraim stellte fich hinter sein« Sessel, um «uf etwaige Frag« Auskunft rrtheilm zu könn«, der Sänger stimmte Lcho d&adi an. Er arbeitete mit Macht, er that fich meh, vor ihm der König der Könige, Hinte ihm der König von Fleisch und Blut, Gott wird'» de» arm« Mensch«. kiude verzieh« Hab«, wenn er diesmal mehr an die irdische Majestät dachte. Immer gewalttger «urdm die Lola» (da» — Schrei«), immer bunter die Melodiös (Fioriturm) und der Chasan legte »ach »traditioneller Kunstweise' die Hände an Ohr« und Waugen und drückte mtt dm Daum« dm Kehlkopf behuf« der Triller, es war ei» Hochgenuß für — die Kehille. Der König aber wendete fich sehr bald um: »Hör« er «al, Ephraim, sei» Eantor ist nicht dumm!' »Wie beseht« Majestät?' ,Ra, sich hält der Kerl die Ohr« zu und un« schritt er fie voll.' Hoffmtlich hat der Londoner Ehasan dem Kaiser von Brafilim besser gefall«. Zusatz. I« einem ftanzöfisch« Journal las« mir vor einiger Zeit eine andere verwandt« Anekdote. Al« Friedrich tor Große Holland bereiste, besuchte er eine» Frettag« Abend» die portugiesische Synagoge zu Amsterdam. Er sah Männer voll Anstand, Würde, ja Grandezza, er erkannte leicht, daß er viele gebildete, reiche, fich unabhängig fühl «de Kaufleute vor sich habe, er fand Ruh«, Ordnung, Andacht; er mar erstaunt, solche Juden hatte er noch nicht gesehen, auch nicht gedacht, daß es solche gebe. Er sprach das auch au«. Am andern Morgen betrat er daun die deutsch« Synagoge. Kaum hatte er geseh» und gehört, als er vergnügt lachend sagte: „Ah}« 1« reoonaait, roil& dm coebonf!“

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