Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 30 (26.7.1871)
- Date
- 1871-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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234 mit <mut Niederlage enden' (S. 6). Andiesem Grunde müht sich auch der Protestanti-muS ab, da» Chrtsteuthmn vo»J»de». thiune ganz abznlSsen, jeden mneru Zufammeuhaag abzuleugnen, erstere» al» die einzig rein« und monotheistische Religion, letztere» diese,» gegenüber mit dem Heidenthume auf eine Etufe zu stellen. Der für sehr freisinnig gehaltene, selbst von jüdischen Rabbinen gefeiirte Schleiermacher, der nebenbei da» Judenthum al» fast im Erlöschen begriffen bezeichnet*), sagt hierüber: »Da» Christen» thum steht zwar in einem besonder» geschichtlichen Zusammen» hange mit dem Judenthum; wa» aber sein geschichtliche» Dasein und seine Abzweckung betrifft, so verhält e» sich zu Juden» thu n und Heidenthum gleicht (8 12, S. 84), und in den Erläuterungen zu diesem Paragraphen heißt e» (S. 86): »Wenn wir sonach annehmen müssen, daß die christlich« Frömmigkeit» wie sie sich gleich anfangs gestaltet, nicht au» der jüdischen weder damaliger noch früherer Zeit zu begreifen ist: so kann mau auch da» Christenthum auf keine Weise al» «ine Umbüduug oder erneuernde Fortsetzung de» Judeuthum» ansehn'. Darum finden wir auch schon in Schleiermacher die oberkirchenräthlichen Ideen über den Uebertritt vom Christenthum zum Judeuthum, wenn auch nicht mit der gehässigen Insinuation von dem noch heute fortdauernden Haß der Juden gegen den Stifter der christliche» Religion, so doch mit einem andern schmeichelhaften Compliment für da» Judenthum: »Daher giebt e» auch ‘m Großen genau betr ichtet eben so wenig einen Rücktritt au» dem Christenthum in ^fudenthom oder MuhamedaniSm al» e» eine» Rückfall giebt au» irgend einer monotheistischen Religion in Vielgötterei oder Götzendienst. Einzelne AuSaahmen werden immer mit krankhaften GemüthSzuständen Zusammenhängen' (S. 52). Darum begegnen wir der Betonung de» Christlichen al» Jnlezriff de» Gutm fast ausschließlich in protestantischen Schriftstücken. Al» während de» Kriege» der katholische Präsident de» Pariser Comitö» für die Genfer Convention mit dem Berliner sich in Verbindung setzte, nannte er dieselbe eine Errungenschaft der Humanität, der protestantische Berliner dagegen bezeichnete sie al» ein Werk der christlichen Liebe, und der» selbrn Worte bediente sich Ihre Majestät die Kaiserin-Königin August« in einem Anerkennungsschreiben an den Vorstand der Convention zu Genf. — Der gelehrte Profeflor Franz Delitzsch zu Leipzig schreibt im »Daheim' 1869, Nr. 31, S. 490 ff. eine süßlich-pietistische Proselytengeschichte au» der ersten Zeit de» ChnstentbumS: »Jose und Benjamin, eine AuSsätzigen-Geschichte im alten Jerusalem,' und macht darin folgende Bemerkung: »Tie Wahrheit de« christliche» Glauben» bewährt sich durch nicht» so sehr al» durch die sich selbst aufopfernde barrnherzig« Liebe. Ed e, rührende Thaten solcher Lieb« finden sich zwar in der Mruschheit der verschiedensten Völker und Zeiten; aber erst da» Christenthum, welche» aus eine Thal dieser Liebe, die Selbstaufopferung de» Gekreuzigten gegründet ist und darau» sein Leben zieht, hat diese Liebe zum Mittel» und Höhepunft aller Pflichten de» Leben» gegen die Mitmenschen erheben und alle Fesseln, welche da» mosaische Ceremonialgesetz der Selbsterweisuug dieser Liebe anlegt, zerbrochen.' — Wu» hat der gelehrte Prozessor sich hierbei gedacht? Von welchen Fesseln spricht er da? Wie hängt überhaupt da» mosaisch« Cere» mcnialgejetz mit der »Selbsterweisung der Menschenliebe' zusarrmea? E» hängt eben gar nicht, am allerweaigsteu feffelnd obct hindernd damit zusammen, e» läßt da» (Ceremonialgesetz ausdrücklich überall zucücktreten, wo e» sich um Leben-rettung, •) „Ans dieser höchsten Stufe de» Monotheiliuu» yigt an» die Ge» schichte »ur drei große G«nei»schaftra, di« jüdisch«, di« christliche, die «uh», «edaaische. di« «rst« s»st i« Erlischen." Schleier». Glaubea»lehm,zl„ S. 52. (Gut, daß di« Lutwitkrlaug diese Prophezeiung glünzeud zu Schande» gemacht hat. Daß Schl., der nur dir Berliner Inden launte, ia diese» Irrthr« verfiel, ist sehr erklärlich. «ed.) überhaupt um Werke der Nächstenliebe handelt. Dieser Nousent, vor welche« den Herr, Professor seine Gelehrsamknit tu jüdisch« Ding« hätte bewahr» müssen*), zeigt ebm die gauze Hohlheit und llnhaltbarkeit der aufgestillt« Theorie von der Christlichkett der Meuschmlieie. E» soll der austschließltch christliche Charakter derselben partoot hervorgehoben werden 1« Gegensatz« zum Judmthum, da kommt aber da» gelehrte Gewiss« de» Her« Professor und erinnert ihn au die ihm wohlbekannten jüdisch« Humanitätslehren, von welch« die christlich« eiu Abdruck fiud, da muß denn da» mosaisch« Ceremonialgesetz, der alte Sünde»« bock, auf d« von jeher die Judenfeinde ihre vergiftet« Pfeile abgeschoffeu, herhalt«, um da» Christenthum zu glorifieirm, wenn e» auch weiter kein« vernünftig« Sinn giebt. — Allein wenn man die» dem auch sonst in ronfesfiouellm Vorurthell« sehr besang«« Professor zu Gute halt« wollte, so muß e» doch außerordentlich Wunder nehmm, wenn selbst Nicht-Theolog« sich ähnlich auSsprecheu. So hat der Bürgermeister von Berlin beim Truppmeinzoge in seiner Begrüßungsrede au d« Kaiser gesagt: »Wir leb« unter dem Gesetze christlicher Gesittung und Ordnung.' Hat der Bürgermeister, der doch auch seine jüdisch« Mitbürger vertritt, dies« den Sinn für Gesittung und Ordnung absprechen wollen? Solche Beispiele beweis« eben, daß d« deusschen Christen da» Wort »christlich' so sehr gleichbed«tmd mit allem Hohen und Edl« ist, daß sie e», seine ursprüngliche, rein confessionelle Bedeutung vergeffmd, al» ein gewisse» Epitheton ornans auch da gebrauchen, wo e» nicht bloü sinn- und bedeutungslos,**) sondem sogar finnentstellmd und verwirrend ist! Hört man doch andererseits da» Wort »jüdisch' selbst von Judm da gebrauch«, wo ei» moralische» Gebrechm getadelt werdm soll, da» keineswegs dm Judm eigenthümlich, ja nicht einmal bei dies« häufiger al» bei Nichtjudm angettoff« wird! (Fortsetzung folgt) *) Merkwürdig ist übrigen« auch, wie Prof. Delitzsch, der i» dieser Geschichte bei jeder Gelegenheit seine Bertrautheit mit Le» altjüd. Schrift» thum uud jiid. Sitte glüazea za lasse« sucht, eine» Schnitzer «acht, der «ich au dea „Smhaarez am grüueu Lisch" au« Ihre» Feailleto» erinnerte, veujamia der Aussätzige, der dem Audriagen sei»«« Fremde« g^e, zu« Lhrifienthnm überzugehen, bi«her widerstaudeu, hat uärulich da« Bedtrsutß, einmal i« GoUe«hause zu bete» uud will a« Sabbath daffelb« befriedige». Sem« Luweseaheit hinter der Vorschrift»müßig hergerichtetr» „Mechiza" wirkt auf Alle verdachterweikeild uud rllhrt besouder« da« weiche Herz de« Bvrsüuger« Samuel, der nämüch im Herzeu der neue» Religiou augehör»«. „AS er dea achte» Segeulspruch," wir laffea jetzt Herr» Prof. D. selbst erzähle», „mit de» Worte» auhob: „Heile m», o Herr, so werde» wir geheüet," vev. schmolz er i» sie tiefe« Mitleid md audringeud« Juuigkeit; «l» er aber dm füutzehnteu Segeutspruch sprach: ^Den Sproß David», deiue» Luechtr», laß eileud« sproffeu, uud seiu Hora erheb« sich kraft deine« Heile«, dem auf dein Heil harren wir immerfort," da versagte ihm di« Stimme bei diese» dir Verwerfung Jesu i» sich schließeMe» Sorte n. s. w." Rn wurde aber dekmutlich alle« die« am Sabbach »icht gebetet l Da« uauute» die alte» Jude»: „eiae Lüg« mit eine« Wortzeichen." —) E« ist i» der Dh-t sehr häufig bloße Redensart, bei der m «rä>- kmg der Jude» gar nicht gedacht »irb. Stellt am» die Leute darüber zur Rede, so halte» sie da« Wort nicht aufrech«, sonder» entschuldige« sich, c« sei ihnen so entschlüpft (RL.) WM* Da» von der Redactiou für da» Feuilleton dieser Nummer gesandte Mauuscript ist durch Zufall verspätet ringettoffen und mußte für die nächste Nummer reponirt werden.