Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1871)
- Issue
- 28 (12.7.1871)
- Date
- 1871-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/5369809-5934989-5935493--0801-5370474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 (Ebenso im umgekehrten Falle.) Daist seine Sache, da tritt daindividuelle Gewisse» in seine unveräußerlichen Rechtzi- Aber wenn ich id. h. der Sachkundige) da- Hnha für trefa «kläre, und fünfur dzwanzig Laien sagen: ,35» magst «S essen/ sei es nach ihrem Me>nen und Dermuthen, sei eweil sie die rituell« Prüfung de- Iietreffendm Falleüberhaupt für Thorheit und alle- Eßbare für zum Genuß erlaubt halten, so bin ich weder überzeugt, ncd) überstimmt; eS ist ganz gleichgültig, ob Einer mir dasagt, oder 25, ob Männer oder Kinder, ob JSrae'iten oder Nichtjuder. Und Derjenige, welcher die Frage an m*d> gerichtet hat, wird ebenso wenig auf die 25 Stimmen hören, er müßte denn auch ihre Ansicht theilen, daß e- Thorheit sei eine:, Hühner» mazen zu untersuchen — aber dann fragt er ja nicht an! Also da- Judenthum hat ein ReligionSzesetz. lleber diesekönnen nrr diejenigen ensscheidend mitsprechen, welche e» kennen, studirt haben und weiter studiren. Ob sich der Einzelne nach diesem Gesetz« richten will, oder nicht; ob er eS in naem ein» zelnen Tbeile oder einem bestimmtm Einzelfalle befolgen will, oder nich>; ob er über einen solchen anfrazen will, oder nicht; ob er aus die ihm ertbeilte Antwort hören, sich nach ihr richten, etwa weiter fragen will, oder nicht — daalleist der iudt» viduellen Freiheit anheimgegeben; er hat die Wahl, er hat e« mit seinem Gewissen abzumachen; diese- Gewissen tritt hierbei, n>ie eben gesagt, in seine unveräußerlichen Rechte. Aber wenn man al» allgemeine- Princip aufstelll: ethue ein Jeder, waS ihm Recht dünkt, er folge nur der eigener! Ansicht, so — gilt das freilich (mit gewissen hier nicht zu beehrenden Einichrär kungen und ohne Gewissensfreiheit mit schranken! oserWill» kür zu venoechseln) auf dem Gebiete der allgemeinmSittlichkett; da sprechen auch wir: höre auf die Mahnung deine- Gewissen-, auf die Stimme deine- Herzen-, folge unbeirrt deinem bessenr Selbst, ,efolge jeder seiner unbestochnen, von Vorurtheilen freien Liebe nach' — aber wir brauchen wohl nicht hervorzuhelen, daß eS sich hier nicht um Fragen der allgemeinen Sittlichkeit handelt, sondern?aß hier überall nur von dem besonderen jüdischen Religion »geietze die Rede ist und sein kann. Wendet man auch da jene Sätze an, »icht für da- Individuum, soudern al- Princip für die Gesammtheit, so hat man freilich — nicht« Neuegesagt, «au nimmt dann die Lehre de- Apostel- Paulu» (nach einer Richtung hin!) an; «an hat da- Gesetz gestrichen, man ist fertig; man braucht weder Pentateuch, noch Talmud, noch Schulchan-Aruch, weder Frage (Schaalah) noch Antwott» am wenigsten aber eine Synode, eS wäre denn, daß diese die Aufhebung de« Gesetzeein» für allemal »beschließen' sollte; aber diejenigen, für welche ein solcher Beschluß Autorität haben würde, die bedürfen dessen wahrlich nicht, sie haben sich von der »Herr» schaft de- Gesetz«-' schon emancipirt. Auf diesem Standpunkte und von diesem Gesichtspunkte au» sst e« freilich Thorheit, von individuellem Gewissen und dessen Rechte zu rede», wo rsich um ein Hühnchen handelt! Ich weiß und gebe zu, daß die an der ersten Synode Be» theiligten, Radbinen und Laien, keineswegs in-zefammt diesen Standpunkt theil«. Sind nun diejenigen Synodalen, welche da» Gesetz im Princip anerkennen, Laten, so haben wir mtt ihnen hier nicht« Wetter zu reden; siud sie aber Gesetzeskundige, so begreift sich nicht, wie sie mit Laien zusammen Beschluß fass« wollen, wohlverstanden über »casuistisch«' Fragen, nicht über Fragen bloßer Zweckmäßigkeit u. dergl., die, wie wtt schon gesagt haben, der Laienbeuttheilung ganz wohl zustehen. »Casutsttsche Fragen'; freilich mit der Bezeichnung Casuistik glaubt man die Sache von vornherein abgethan zu haben; aber wie die Rab» binen, von denen wtt ebm reden, sich -Judenthum, positive- Judenthum mtt positivem Gesetze, ohne Casuistik construirru wollen, ist unbegreiflich. Wenn also Gesetz, dann auch Casuistik, und wenn Casuistik, dann kein Laienvotum über dergleichen. Warum also treten wtt nicht bei? Nicht weil wir (ich darf so sagen, denn ich weiß, daß die» nicht bloß meine alleinige Ansicht ist) von vornherein die „Casuistik", wie sie sich allmähltg herau-gebildet hat, für unabänderlich oder unverbesserlich hatten, nicht weil wtt in Abrede stell«, daß mancher wichttge Punkt einer eingehenden Erwägung und Prüfung in einer zahlreiche« Versammlung von Männern von Gelehrsamkett, Einsicht und Feuilleton. David Zerd. Koreff, rin jüdischer Genosse der romantisch« Schule, geb. 1783, st. 1851. (Fortsetzung.) Daß aber auch Koreff mit Vorliebe auf diesen Grenzgebiet« weilt, ivo die Wissenschaft und die Hallucination in Nebel in» einande fließen, beweist eben den nicht ganz reinlich« Geist, der in ker Wissenschaft wie im Leben sich am besten in Dämmerung« gefiel. Es gicdt Naturen, denen eangeboren ist für dm Schein zu lebe:: und sie leg« die Charlatanerie auch dann nicht ab, wenn i e längst die Unreife und die llnfertigkeit, die gewöhnlich« Uiiachei tiefer llntugmd, überwunden Hab«. Die Lust zur Lüge ist in Leuten diese- Schlageübermächtig und sie trieb Koreff in die Reihe von Schelmen und Phantasten, obgleich er im Raih der besten und gediegensten Männer seine- Fache« eine gewichtige Stimme hatte. Diesem Umstande ist et auch zuzu» schreiben, daß selbst sein Renommäe al- Arzt bei all« groß« Erfolg« stet« ein zweifelhafte« und angefochtme« blieb; dmu die starrköpfige Wissmschast giebt nun einmal nickst viel auf Wunderkuren. Aber gerade da», wa« ihm in d« Augm seiner Fachgenoff« schadete, erhöhte sein Ansehn in der Gesellschaft; dttse, und be» sonder) die Frau« werden stetviel lebhafter zu der Kraft hin» g »zogen, die den Zauber de« Geheimnisseum sich webt; wie! schaal, wie unbedmtend ist es, durch natürliche Mittel curirt zu I werdm; aber wie interessant, wmn geheimnißvolle Mächte helfend in unser Dasein eingreifm! De-Halb Hab« die Leben-» magnettseure und Besitzer von Geheimmittel» zumal bei dm Fraum stet» gute Geschäfte gemacht und, ob auch dtt ehrlich« Leute sich heiser protestittm, ihr Schäfchm in» Trockme geführt. Baruhazm, der mit geschicktem Pinsel dem Freunde schmeichelt, ohne die Wahrhett zu verletz«, der kein« Zug außer Acht läßt, aber durch dtt mattere Nüancirung de« Fehlerhaften und dtt Helle und gesättigte Färbung der Vorzüge ein Porttät mtwtrst, dafür dm erst« Anblick außerordmtlich für Koreff einuimmt, schlldett seine gesellschaftliche Begabung und Stellung trefflich l wie folgt: „Er sprudelte von Geist und Witz, dmeu seine gründlich« Alleumfassend« Kenntnisse unerschäpflichm Stoff gab«, wmn der Augmblick ihn «icht noch besser au» der Fülle de« Lebenlieferte, an Geschichten und Anekdoten hatte er dm reichst« Vorrath, erzähve sie vortrefflich, und verfiel nicht leicht in ermüdende Wiederholung. Da- Komische bekam durch feine Mim« und Gebehrdm ein« unwiderstehlich« Anldmck, man glaubtt ein« Jtalimer vor Augm zu Hab«, und dabet hatte er dm Tatt, ntt die persönlich« Würde prei« zu gebe». Aber wett mächttger war sein Patho», wen« er wiffmschastlich« Belehrung mittheiltt, merkwürdige Vorgänge eröttertt, bedeutende Person« schilderte, oder seine eigen« Empfindung« au«strömte; dtt breite Fülle seiner Rede, di« Herzlichkeit seiner Stimme, selbst die Uebertreibuog, dt« er in seinen Angabe» und Versicherungen liebte, hatte ein« verführerisch« Zauber. Besonder! ward« dtt Fraum von diesem getroffen; er war nicht